Gottvolle Gefühle über dem Maggiatal

Diese Woche hoch über dem Lago Maggiore.

Ja, ich weiss, wir hatten in dieser Kolumne vor zwei Wochen schon Tessin. Aber erstens habe ich den Südkanton über viele Monate vernachlässigt und will das wiedergutmachen. Zweitens bin ich von der Wanderung auf Locarnos Hausberg Cardada in der Auffahrtwoche begeistert und musste diese Route sofort an den Mann bzw. die Frau bringen. Und drittens ist es im Tessin schon bald sehr heiss. Dann ist ein 1200-Meter-Aufstieg, führe er durch einen noch so schönen Hang, nicht mehr unbedingt zu empfehlen .

Häuser aus Glimmergranit

Der Bus brachte mich von Locarno nach «Avegno, Paese» im untersten Maggiatal. Um 9 Uhr 18 konnte ich die Wanderung beginnen, recht früh, wenn man bedenkt, dass ich gleichentags in der Deutschschweiz losgefahren war; ich war um 5 Uhr 22 in Zollikerberg gestartet. Avegno stellte sich als Preziose heraus, abgesehen vom Verkehrslärm der Strasse. Das Dörfchen ist samt seiner Kirche, den engen Gassen und den Häusern aus Glimmergranit Bilderbuch-Tessin. Es gewann auch schon den
Wakkerpreis. Das Restaurant wiederum, das ich zu Beginn passierte, heisst «Stazione», weil bis 1965 eine Bahn das Maggiatal erschloss.

Nun fing ein im besten Sinne endloser Aufstieg an, bis nach Pianosto und etwas darüber hinaus geht es eigentlich immer aufwärts. Gut drei Stunden war ich mutterseelenallein und genoss den ingeniös angelegten Weg, der stellenweise eine Steintreppe war. Holzbohlensicherungen, Geländer an heiklen Stellen, Bildstöcke mit frischen Blumen, aber auch die tadellos unterhaltenen Rustici von Scaladri und Monasté versicherten mir, dass nicht nur fremde Wanderer, sondern auch Einheimische den Pfad nach wie vor brauchen und nutzen. Etwas Schatten spendeten zuerst Kastanienbäume, dann Birken, endlich Buchen.

«Ich war ein verborgener Schatz»

Und die Sicht steigerte sich bald ins Göttliche. An einer erhabenen Stelle fiel mir ein islamischer Weisheitsspruch ein; Gott sagt darin über sich selber: «Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; daher erschuf ich die Welt.» Erst sah ich nur das Maggiatal zu meinen Füssen. Dann auch das Onsernonetal mit den Bergen dahinter. Schliesslich den Lago Maggiore, diesen delikaten tiefblauen Kurvensee. Und alles war eingebettet in ein rauschhaftes Frühlingsgrün.

Bei aller Schwärmerei nun ein handfester Tipp: Bis zur Alpe Vegnasca ist der Weg perfekt markiert; einzig muss man beachten, dass statt «Cardada» oft nur «Cimetta» aufgeführt ist, wie das 300 Meter höhere Gipfelchen heisst, das von Cardada aus per Sessellift erschlossen ist. Ansonsten: keine Probleme bis zu besagter Alp. Dort allerdings zeigte mir ein verblichener Wegweiser Monteggia und Brè an; nichts von Cardada und Cimetta. Ich wählte diese Richtung, passierte 200 Meter später den nächsten Wegweiser neueren Datums, ecco «Cardada».

Hoch über Locarno

Der Rest: ein Höhenweg geradeaus und ein kleiner Schlussabstieg. Tief unter mir erblickte ich Locarno und das als kreisrunde Scheibe in den Lago Maggiore sich schiebende Maggiadelta. Und vor mir hatte ich plötzlich die ersten Menschen. Sie sassen auf den Quersitzen des erwähnten Sesselliftes hinauf zur Cimetta. Bald darauf war ich bei der Bergstation der Cardada-Seilbahn. Ich ging zu dem berühmten Panoramasteg, der ins Leere ragt, so dass die Sicht nicht von Bäumen behindert wird, ich schaute und fotografierte – und befand kurz darauf im Restaurant: Ich würde jederzeit beeiden, dass das Tessin unser allerschönster Wanderkanton ist.

***

Route: Avegno Paese – Scaladri – Monasté – Pianosto – Alpe Vegnasca – Cardada Bergstation.

Gehzeit: 4 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1230 Meter auf-, 190 abwärts.

Wanderkarte: 276 T «Val Verzasca», 1: 50 000.

Charakter: Stilles Tessin an einem Steilhang. Einige Rustici und Bildstöcke und sehr viel Natur: Kastanien, Birken, Buchen. Anstrengende Route, im Sommer an heissen Tagen nicht anzuraten.

Höhepunkte: Der erste Anblick des gewundenen Lago Maggiore oberhalb von Scaladri. Die schönen Rustici von Monasté. Der Blick von Cardada hinab auf das Maggiadelta.

Kinder: Etwas streng. Der Weg ist nicht ausgesetzt, aber es gibt ein paar Stellen, wo man auf Kinder aufpassen muss. Hoher Abenteuerfaktor.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Bei der Bergstation Cardada.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

5 Kommentare zu «Gottvolle Gefühle über dem Maggiatal»

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