Tessin und Tessinchen

Diese Woche in der unteren Leventina.


Vor gut zwei Wochen fuhr ich die Leventina hinab, deren Name übrigens auf die Lepontier zurückgeht. Das halb etruskische, halb keltische Volk siedelte einst in dem Tal. In Faido wechselte ich vom Zug auf den Bus, in Bodio, bei der Haltestelle «Bivio per Personico» stieg ich wieder aus. Die Sonne war daran, sich durch Hochnebel und Dunstreste zu kämpfen.

Ich ging los, über den Ticino, unter der Autobahn hindurch. Am oberen Ortsrand von Personico, wo der Höhenweg hinüber nach Chironico beginnt, packte mich ein erstes Mal das typische Glücksgefühl des Tessinwanderers: der Granit. Die feuchte Wärme. Die huschenden Eidechslein allenthalben und die alten Kastanienhüllen auf dem Pfad. Bald kam der erste Bildstock hinzu. Die Kraft seines erhabenen Platzes machte die lärmige Autobahn tief unten vergessen.

Mal auf einem Waldweg, mal auf einem Fahrsträsschen, mal auf einer Granittreppe durch eine wilde Schlucht gelangte ich nach Faidal, einem stattlichen Weiler. Ein Mann, der einzige Mensch vor Ort, werkte friedlich an seinem Rustico, kam dann zu mir auf die Bank, setzte sich. Er erzählte, er sei von Giornico, und das Rustico gehöre seiner Frau. Der Aufstieg vom Parkplatz weit unten sei steil. Waren trage man, oder man lasse den Helikopter kommen, was aber 35 Franken in der Minute koste. Und: Im Sommer sei es in Faidal geradezu turbulent, dann wimmle es von Familien mit Kindern.

Schweizmobil-App sei Dank

Der Weg wurde schmaler, führte auf den nächsten Kilometern immer wieder durch steile Hänge. Ausgesetzt war er nie, doch ich musste auf meine Schritte achten. Ärgerlich war die schlechte Signalisation, zweimal verlief ich mich und war froh um das Schweizmobil-App auf meinem Handy, das mir meinen Standort und den Wanderweg genau anzeigte. Am Hang gegenüber sah ich jene Höhenterrasse, über die die Strada Alta verläuft, samt einigen Dörfern. Alles schneefrei. Ich beschloss, bald auch dort zu wandern.

Irgendwann kam ein Abzweiger, ich hätte nach Giornico hinab halten können, dessen uralte Kirche San Nicola, lombardische Romanik, mich jedes Mal berührt. Stattdessen ging ich weiter geradeaus, erahnte einige Male die Felswände zu meiner Rechten, die ich aber nicht sah, genoss die Sonne, die gesiegt hatte. Ein schweisstreibender Aufstieg durch eine Halde mit Büschen und vom Winterschnee niedergedrückten Farnwedeln, dann war ich an jenem Punkt oberhalb von Sacco, an dem ein Strässchen beginnt. Auf dem begrasten Seitenstreifen zog ich vorwärts, passierte Orsino und Grumo und kam nach Chironico.

Tessin trocknet aus

Chironico ist gross, Chironico hat Attraktionen. Die erste besteht aus seiner Geländeterrasse, die durch einen prähistorischen Bergsturz am Gegenhang entstand. Meine zweite Attraktion war das Ristorante Pizzo Forno, in dem ich ein Bier trank, das ich begehrt hatte wie selten ein Bier; Tessin trocknet aus. Drittens fand ich den Rollator lustig, den eine Nonna in ihrer grossen Garage geparkt hatte. Und viertens war da der mittelalterliche Wohnturm Torre dei Pedrini. Doch, ich mochte Chironico, das vom Fluss Ticinetto durchströmt wird, also dem «Tessinchen». Schliesslich stieg ich ab nach Lavorgo, wo die Wanderung endete. Ich will bald wieder ins Tessin, es bereichert mich jedes Mal neu.

***

Route: Bodio (Bushaltestelle «Bodio, Bivio per Personico» der Linie Faido – Biasca) – Personico – Venn – Faidal – Magianengo – Sacco – Grumo – Chironico – Nivo – Lavorgo

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 910 Meter aufwärts, 620 abwärts.

Wanderkarte: 266 T «Valle Leventina», 1: 50 000. Der Weg ist im Mittelteil mangelhaft signalisiert.

Kürzer: Bei Catto nach Giornico absteigen. 3 1/2 Stunden. 610 Meter aufwärts, 550 abwärts.

Charakter: Tessin, Tessin, Tessin mit Granittreppen, Eidechslein, ganzen und verfallenen Rustici. Im Mittelteil schmale Pfade, nicht ausgesetzt, Trittsicherheit ist trotzdem nötig.

Höhepunkte: Der Bildstock hoch über Personico. Der in den Hang sich duckende Rustici-Weiler von Faidal. Die vielen Tiefblicke auf die Leventina; sogar die Autobahn (auf einem Gutteil der Strecke hörbar) wird schön.

Kinder: Machbar, aber man muss sie im Auge behalten.

Hund: Machbar.

Einkehr: «Pizzo Forno» in Chironico. Di Ruhetag. Zimmer. www.pizzoforno.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

9 Kommentare zu «Tessin und Tessinchen»

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