Klettern für die Maximalkraft — Training mit Profi Roger Schaeli

Roger Schaeli

Profi-Kletterer Roger Schaeli trainiert seine Maximalkraft.

Die Grönland-Expedition hat Roger Schaeli gestählt: Seine Muskeln zeichnen sich noch extremer ab als sonst, insbesondere an den Waden, da legte er massiv zu. So was habe ich noch gar nie gesehen!

Wir treffen uns auf ein entspanntes Sportkletterwochenende in seinem Hausgebiet Sörenberg. Er sagt, weil er in Grönland viele lange und ausdauernde Belastungen hatte  – schweres Material über den Gletscher tragen, es dann die Big Wall hochziehen, Schlauchboote be- und entladen – sei seine Kletter-Muskulatur träge geworden, insbesondere in den Fingern.

Darum trainiert er jetzt mit Vollgas Maximalkraft – in anspruchsvollen Sportkletter-Routen (8a+/8b) und mit Bouldern. Ich kann bei ihm jedoch keine Trägheit erkennen: Er klettert wie Spiderman.

Anders bei mir: In den vergangenen Wochen sass ich zu viel im Büro. Routen, die ich sonst solide meistere, strengen mich jetzt enorm an.

Ich beginne locker, wähle später eine 6b-Route mit einer leicht überhängenden Schlüsselstelle. Halt bietet da einzig ein Riss. Mit ausgestreckten Armen klammere ich mich mit beiden Händen darin fest. Roger instruiert von unten: «Rechter Fuss hoch.» Also stelle ich den Fuss hoch. «Höher!» Ich nehme ihn noch höher. «Höööher!» Mein Fuss befindet sich nun zirka auf Schulterhöhe, eine Art Spagat. Roger: «Ja, so! Jetzt Körperspannung, mit dem rechten Fuss aufstossen und mit den Armen hochziehen.» Ich denke, das funktioniert nie. Aber: Es geht ganz einfach. Ich staune.

Am nächsten Tag wage ich zum Abschluss eine technische 6c-Route namens «Sex wies wöu». Der Master erklärt: «Hier hast du immer nur einen guten Griff oder einen guten Tritt, aber nie beides gleichzeitig.» Im Vorstieg überwinde ich die Schlüsselstelle nicht. Der Fels ist glatt, die Griffe reichen für die Fingernägel. Selbst der Nachstieg geht nur mit Ach und Krach. Es macht wenig Sinn, am Abend noch in eine schwere Route einzusteigen.

Ich ziehe, stosse, schnaufe, schwitze – entscheide mich in der Not, die direkte Linie links zu umklettern, stehe mal mit beiden Fussspitzen nur auf Reibung und versuche mit letzter Kraft einen Bouldergriff. Um ein Haar hätte es gereicht, aber meine Hand gleitet ab. Es haut mich wie ein Pendel drei Meter aus der Wand raus und vier Meter nach rechts. Aber: Als «Vielstürzerin» weiss ich, dass ich mich drehen und mit den Beinen abfedern muss, um nicht unkontrolliert zurück an den Fels zu knallen. Mein Herz pocht, nicht vor Schreck, aber vor Anstrengung. Ich versuche es nochmals und schaffe die 30-Meter-Route schliesslich.

Meine Hände bluten, meine Füsse sind taub, aber mein Master ist zufrieden, und ich bin es auch, obschon ich in diesem Jahr schon besser war.

Natascha Knecht

Diese 6c-Route ist heute meine Limite. Mir fehlt die Maximalkraft ...

Roger Schaelis Tipp als Profi: Den Herbst ausnutzen, um outdoor noch möglichst viele Klettermeter zu machen und Fun zu haben. Aber: Zwischendurch unbedingt auch in der Halle trainieren. «Das steht zwar mehr der Sport im Vordergrund, und weniger der Spass. Dafür ist es gezielteres Training. Und schonender für die Fingerhaut.»

14 Kommentare zu «Klettern für die Maximalkraft — Training mit Profi Roger Schaeli»

  • hallo kipkoech

    ihr kommentar zeigt, das sie vom klettern keine ahnung haben. sie verwechseln ganz einfach die gefahr und die
    schwierigkeit. und sie kennen ja auch nicht das intensive traininig das hinter einem spitzenkletterer wie roger schäli steht.
    man begibt sich nur in gefahr, wenn man ueber seine leistungsgrenze klettern geht… und seine grenzen nicht…
    akzeptiert.
    wer den technischen schwierigkeiten gewachsen ist, begibt sich nicht in gefahr. einer objektiven gefahr wie
    stein- und eisschlag, gewitter, lawinen… weichen wir aus. es ist schön, wenn es noch menschen gibt, die bewusst
    mit den naturgefahren umgehen, und das sind die bergsteiger, und kletterer.
    ich rate ihnen an, nicht ueber dinge zu urteilen, die Sie gar nicht kennen.

    Raphael Wellig, Stadt bern

  • Also alleine die Fotos sind schon spektakulär! Aber mit Helm in Zukunft!

  • steve sagt:

    Hallo. Mich würden nähere Details zum erwähnten Maximal-Kraft-Training interessieren. Wie sieht das genau aus, mit welchen Materialien, Geräten, Techniken. Danke :-)

  • Thomas Graf sagt:

    Hallo, interessant wäre mal ergänzend etwas über seine Ernährung zu erfahen.

  • kipkoech sagt:

    Beim Klettern ist es wie beim Fliegen: alle kommen mal runter ! Manchmal sehr viel schneller als geplant, die Rega freuts dann tatsächlich. Muss man jeden Felsspitz besteigen?

    • Christian Marogg sagt:

      @kipkoech: Müssen nicht, aber wollen :-) Klettern ist im Menschen von Geburt auf programmiert. Haben Sie Kinder? Was machen Kinder? Überall hochklettern… Klettern ist kein neuer Boom. Der erste dokumentierte Gipfelerfolg ist aus dem Jahr 1336. Wobei sicherlich schon früher auf Berge gestiegen wurde. Die meisten Unfälle passieren immer noch im Haushalt und bei der Arbeit, nicht beim Klettern. Beim Klettern geht es nicht nur um sinnloses Gekrabbel an einem Fels. Klettern ist ein Zusammenspiel von Kraft, Technik und vor allem der Psyche. Also ein sehr gutes ganzheitliches Training. Würde manchen gut tun, so ein Training. Glaube, Roger beansprucht die Krankenkasse weitaus weniger, als unsere immer unsportlicher werdende und ungesund lebende Gesellschaft.

    • Joel Becker sagt:

      @kipkoech: was haben Sie denn für ein Hobby? Man kann bei allen Tätigkeiten einen Kommentar hinterlassen, der nicht unbedingt nötig ist. Ausserdem haben Sie den Artikel auch gelesen und sich Gedanken darüber gemacht, was ein gewisses Interesse daran wohl voraussetzt!

  • klaus müller sagt:

    OHNE HELM? Gutes Vorbild und zukünftige REGA-Kunden.

    • Simon Honegger sagt:

      Helm ist im Vorstieg nicht unbedingt von Nöten, solange sich keine Kletterer über einem befinden. Im Klettergarten ist dies meist nicht der Fall. Der Helm ist vorallem für den Sichernden wichtig, da ihn Steine oder herunterfallendes Material treffen könnte…

    • Franz sagt:

      Wenn man keine Ahnung hat, sollte man das Kommentieren lieber lassen

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