Die heilige Ottilie und der kommunistische Gartenzwerg

Diese Woche von Nottwil via Geiss nach Ettiswil (LU)


Kühl war der Tag, feucht, neblig. Doch immerhin regnete es nicht, als wir am Bahnhof Nottwil starteten. Das Paraplegikerzentrum, für das Nottwil bekannt ist, sahen wir nicht. Per Handy fand ich heraus, dass es nordwestlich des Bahnhofs liegt, einigermassen für sich.

Im Dorf kaufte ich mir beim Bäcker Künzli einen Nussgipfel. Und dann waren wir schon in jenem sanft coupierten Grünland, das die Wanderung bestimmt: Wiesen und Wälder in stetem Wechsel. Das Kreuz oberhalb Nottwil samt Bänkli wäre ein toller Aussichtspunkt gewesen, doch sahen wir ausser grauem Dunst nicht viel. Via den Weiler Mittelarig, vorbei an einer Driving Range, gelangten wir zu einem besonderen Gotteshaus, der Ottilienkapelle, Gemeinde Buttisholz.

Eine Heilige und ihre Augäpfel

Die Kapelle mit ihrem roten Kuppeldach samt markantem Spitzturm ist nicht besonders gross. Aber sie wirkt so. Am Grundriss liegt es: Dies ist kein Längsbau, sondern – eine Seltenheit hierzulande – ein Zentralbau mit vier Armen; aus der Vogelschau präsentiert er sich streng symmetrisch.
Doch, St. Ottilien, fast 450 Jahre alt, ist originell. Im Inneren der Kapelle trafen wir auf eine Statue der Namenspatronin. Ottilie wurde im Elsass ums Jahr 650 geboren. Blind. Ihr grausamer Vater, ein Herzog, wollte das Kind töten. Die Mutter brachte es in Sicherheit. In einem Frauenkloster wuchs Ottlie auf – und dann geschah das Wunder. Der heilige Eberhard taufte das Kind, und siehe da, im Akt der Taufe ward es sehend.

In der Kirche steht eine Statue der Ottilie, die die Geschichte verbildlicht: Ottilie, züchtig mit Kopfschleier, trägt vor sich auf einem Buch zwei Augäpfel. Krass, fanden wir, während wir weiterzogen, und kamen bald an neuzeitlicher Drastik vorbei: In einem Vorgarten stand der übliche bärtige Gartenzwerg. Doch unüblicherweise hatte er die geballte Faust zum kommunistischen Gruss erhoben.

Krebse aus dem Soppenseeli

Bald darauf das Soppenseeli, ein Gewässer von gut 800 Metern Länge und 400 Metern Breite, ein Luzerner Bijou. Wir umrundeten es nicht ganz, aber zu einem guten Teil, und mochten die stillen, busch-, baum- und riedgesäumten Ufer. Auf Wikipedia hatte ich zuvor den Eintrag zum See gelesen. Drei Dinge: Er ist erstens Privatbesitz, gehört einer Familie. Die Krebse aus dem See gelten zweitens als Delikatesse. Und drittens hat dessen Name nichts mit Suppe zu tun, sondern leitet sich ab von Soppa; so heisst offenbar ein bestimmtes Sumpfgras.

Bald darauf waren wir im kleinen Dorf Geiss und frohlockten: eine Wirtschaft. Der «Ochsen», trutziges Haus mit blauweissen Fensterläden, war offen. Wir eroberten uns den letzten freien Tisch und wurden hervorragend verpflegt; am Schluss bekamen wir gar einen Grappa offeriert, der vom nahen Bauernhof stamme. Wir genossen ihn. Und mussten hernach Abschied nehmen vom gastlichen Geiss, dessen Name möglicherweise – in der Gegend wurden Römermünzen gefunden – vom Lateinischen Casa gleich «Haus» stammt.

Die letzte Etappe der Wanderung brachte noch einmal Neues: eine erhabene Passage mit Aussicht: Wir zogen Richtung Wüschiswil. Sahen linkerhand die Rauchfahne der Firma Kronospan, die Holzplatten und dergleichen herstellt und kürzlich durch den Amoklauf eines Angestellten traurige Schlagzeilen machte. Stiegen auf zum Höhewald und landeten, passend zum Namen, auf einem herrlichen Höhenweg. Schliesslich der Abstieg und das Ende der Wanderung in Ettiswil. Abwechslungsreich war sie und hat uns eine grosse Heilige nähergebracht. Und als Kontrast einen seltsamen Gartenzwerg.

Route: Nottwil Bahnhof – Nottwil Dorf – Mittelarig – Rot – St. Ottilien – St. Ulrich – Soppestig – Soppenseeli – Dünnhirs – Geiss – Wüschiswil – Wellbrig – Höhewald – Ettiswil.

Gehzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 500 Meter auf-, 490 abwärts.

Wanderkarte: 234 T «Willisau», 1: 50 000.

Charakter: Viel Wiese und Wald, kurze Stücke auf Asphalt. Am Schluss vor Ettiswil Höhenweg. Abwechslungsreich. Relativ lang.
Höhepunkte: Das Kreuz samt Bänkli über Nottwil (wegen der Sicht auf den Sempachersee). St. Ottilien mit dem originellen Grundriss und der Heiligenstatue. Die Einkehr in Geiss.

Kinder: Etwas lang. Für Kinderwagen nicht geeignet.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Im «Ochsen» in Geiss isst man sehr gut. Mo, Di Ruhetag. www.ochsen-geiss.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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2 Kommentare zu «Die heilige Ottilie und der kommunistische Gartenzwerg»

  • Thomas Widmer sagt:

    Keine Kobolde, Herr Rittermann, aber die Sicht war ja, wie ich in der Kolumne schreibe, alles andere als gut.

  • Philipp Rittermann sagt:

    nottu, huttu, wüschiswil… :) ich habe gehört, dass es in der gegend kobolde haben soll. haben sie welche gesehen?

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