Bei den Seislern

Diese Woche von Schwarzenburg nach Freiburg (BE/FR)


358 Fotos trug ich von der Wanderung über den Röstigraben heim. Der Tag war aber auch ein Geschenk: mildes Wetter mitten im Winter, zehn Grad, kein Schnee, kein Eis, ausfliegende Bienen.

Wir starteten in Schwarzenburg, hielten ins Grüne, sahen rundum jene sanften Hügel, die die Gegend schön machen. Bald kamen wir zur Wart, einem markanten Punkt an der antiken West-Ost-Verbindung von Aventicum (Avenches) ins Berner Oberland; die Römer sollen hier einen Wachtturm unterhalten haben. Später nutzten Jakobspilger die uralte Route; ein Schild informierte uns, dass es noch 1700 Kilometer bis Santiago de Compostela seien. Auch ein Gneis-Findling hockte bei der Wart, einen «alten Wanderer» nannte ihn die Infotafel. Wobei das ja nicht stimmt: Der Brocken wanderte nicht, sondern ritt komfortabel auf einem Gletscher aus dem Mont-Blanc-Gebiet heran.

Tafers – die Hauptstadt der Seisler

Wir stiegen ab zur Sense – ein erster Höhepunkt. Der Weg ist in den Sandstein gehauen, der Boden gepflästert, Graffiti zeugen von den durchziehenden Pilgern. Eine Mühle stand da einst auch, die Torenöli. Am Fluss unten sahen wir ein vergleichsweise unromantisches Gebäude, eine Übungsruine des Militärs. Hernach stiessen wir auf einen Stein mit einer Inschrift, die eines WKs im Jahr 1989 unter einem Hauptmann Binggeli gedachte. Schön der breite, weite Fluss in seiner Einsamkeit; unerbittliche Natur; irgendwie wie am Yukon, dachte ich.

Auf einer Holzbrücke gelangten wir ans andere Ufer, stiegen auf zum Plateau von St. Antoni, wurden von einem Jakobus-Bildstock empfangen, wanderten durch den Ort, passierten später eine weitere Sandsteingasse. Dann Weissenbach. Bei diesem Weiler entschieden wir uns, via Juch nach Tafers zu gehen. Tafers: Das ist die Hauptstadt der Seisler, der Leute des Sensebezirkes. Ein weisser Hund umtollte uns auf dem letzten Stück vor dem Ort, trottete endlich traurig heimwärts; auch Tiere müssen bisweilen die Pflicht höher gewichten als die Neigung.

Genialer Weg durch die Schlucht

Wir machten einen Abstecher nach Tafers hinein und gerieten – ein Glücksfall – an das St. Martin. Dieses Restaurant ist auch ein Kulturtreff; die Leute, die es führen, betreiben ihr Haus als Zentrum der gelebten Seislerei. Die Menükarte war in Seislertütsch geschrieben. Ich nahm «Schwingerhörnli mit Fäderchou u Schwarzwuurzle anera Nydlesoossa» und war sehr zufrieden. Und sollte mich das Dessert, Meringue aus Botterens an viel, viel, viel Crème Gruyère, cholesterinhalber vorzeitig aufs Totenbett befördern, stürbe ich mit süssen Gefühlen.

Zur Schlussetappe eine Vorbemerkung. Oben auf dem Maggenberg gibt es zwei Varianten nach Freiburg. Die eine führt hinab zur Ameismüli und in die Galterenschlucht. Doch leider ist die Schlucht ab und zu geschlossen, manchmal wegen Eisschlags, dann wieder wegen Steinschlags. In diesem Fall bildet der brave Wanderweg nördlich der Schlucht die Alternative. Wir fanden die Schlucht offen vor, und den Weg durch sie fanden wir genial: diese Wildnis, dieses Auf und Ab der Metalltreppen, diese hübschen kühnen Brücklein. Am unteren Ende eine Fischzucht, die «Pinte des Trois Canards», die «Buvette du petit train» mit einer Miniaturbahn für Kinder – und dann die Stadtmauer. Nun waren wir in Freiburgs Unterstadt. Schöner als in dieser charmanten Bröckelgotik kann eine Wanderung nicht enden.

Route: Schwarzenburg – Wart – Torenöli – Sodbachbrügg/Kantonsgrenze – Sodbach – Heitenried – Niedermonten – St. Antoni – Weissenbach – Tafers – Maggenberg – Ameismüli – Galterenschlucht/Gorges du Gottéron – Stadtmauer Freiburg – Unterstadt – Bahnhof. Wenn die Galternenschlucht geschlossen ist, geht man wieder zum Maggenberg hinauf und nützt den Wanderweg nördlich parallel zur Schlucht nach Freiburg.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 460 Meter auf-, 630 abwärts.

Wanderkarte: 243T «Bern» und 242T «Avenches», 1: 50 000.

Charakter:
Weit, coupiert. Kürzere Passagen auf Hartbelag. Zum Teil historische Route. Sehr abwechslunsgreich. In der Galterenschlucht, wenn sie offen ist, Steinschlag-Risiko.

Höhepunkte: Der Sandsteinweg von Schwarzenburg hinab zur Sense. Die Einkehr im St. Martin in Tafers. Die Galterenschlucht. Der erste Anblick der Stadt Freiburg und die Gotik der Unterstadt.

Kinder: Für Familien empfiehlt es sich, die Wanderung zu etappieren.

Hund: In der Galterenschlucht gibt es pfotenfeindliche Gitterrost-Stege.

Einkehr: An mehreren Orten. Toll ist die Einkehr im St. Martin in Tafers. So abend und Mo geschlossen. www.wierseisler.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu «Bei den Seislern»

  • traumhafte bilder……………

  • René Edward Knupfer-Müller sagt:

    Geniale Tour!
    Vielen Dank, lieber Thomas Widmer, für die Super-Beschreibung; ruft alte Erinnerungen wach bei mir!
    Für Ironmen und Ironwomen, welche die den Mumm aufbringen, die an sich schon längliche Wanderung noch etwas zu erstrecken, empfehle ich noch zwei kurze, höchst lohnende Varianten, beziehungsweise Abstecher, von der beschriebenen Route:
    1) Variante via Grasburg: Abzweiger im historischen Hohlweg vor dem Torenöli, nach rechts, auf Waldweg zur Ruine Grasburg (eine wildromantische Szenerie wie das Bühnenbild einer Wagneroper!), dann hinunter in den Sensegraben, via Harrissteg über den Fluss, durch die gegenüberliegende Schluchtflanke hinauf zum Gehöft Harris und weiter entlang dem nordwestlichen Schluchtrand, die Weiler Hinter und Vorder Schönfels passierend, nach Heitenried, wo man wieder in die Originalroute über den Jakobsweg einfädelt. Für diese Variante sollten zusätzliche 1 1/2 Stunden Gehzeit einkalkuliert werden. Auf der Grasburg heisst es aufpassen auf die Gofen: es herrscht Absturzgefahr.
    2) Abstecher zur Waldkapelle im Schlosswald (auf der Landeskarte „Magdalenaholz“) bei Heitenried: von der Dorfmitte Heitenried Richtung Nordosten hinauf zum Waldrand und auf Treppenweg, vorbei an zwei barocken Bethäuschen, zur Magdalenakapelle (LK-Koordinaten 589930, 186630), die um 1700 aus der Sandsteinwand, unweit des Kulminationspunkts 822 m des Molassebuckels, gehauen wurde (auch das ein mystischer Ort!). Für den Abstecher plus 45 Minuten Gehzeit rechnen.
    Das volle Programm ergibt rund 8 Stunden Gehzeit, etwas für echte Kampfwanderer also: sie dürfen sich die Meränggen mit Crème Gruyère im St.Martin zu Tafers getrost zu Gemüte führen.

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