Wie viel zählt Freundschaft am Berg?

Heute ein Gastblog von Christian Andiel*.

Benedikt Böhm Manaslu

Der deutsche Speed-Skibergsteiger Benedikt Böhm und sein Team bei der Abfahrt vom Manaslu (8164). Hier im Eisbruch auf 6270 Meter. (Foto: Dynafit-GoreTex-Team)

Benedikt Böhm sitzt in der Hotellobby, und er hat sich dort bereits zum Gespräch eingerichtet. Um ihn herum zwei Laptops, der 35-jährige Extrembergsteiger aus München hat seine Leidenschaft als Geschäftsführer eines Sportartikel Herstellers (Dynafit) zum Beruf gemacht. Er zeigt die beeindruckenden Fotos, zu jeder gibt es eine Geschichte, nicht alle sind schön. Als er im September 2012 eine Speedbegehung am Manaslu (8164 Meter) erfolgreich beendete, hatte er zuvor hautnah ein Lawinenunglück miterleben müssen. Elf Menschen starben, viele andere konnten von Böhm und seinen 5 Bergsteigerkameraden, die im Camp direkt daneben gelagert hatten, gerettet werden.

Benedikt Böhm und Team

Das Team von Benedikt Böhm (links): Sein langjähriger Freund Sebastian Haag (Mitte) und Constantin Pade auf dem Mera Peak (6476 Meter) im Himalaja. Im Hintergrund Everest und Lhotse. (Foto: Dynafit-GoreTex-Team)

Auf vielen Fotos ist Sebastian Haag zu sehen. Die beiden sind seit Jahren gemeinsam unterwegs, sie sind dicke Kumpel mit der gleichen Philosophie: So wenig Gepäck wie möglich, keine Hilfe von Sherpas, dafür immer die Ski dabei, damit die Zeit in der Todeszone ab 7000 Meter so kurz wie möglich wird. 2009 wurde diese Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Die Abfahrt vom Vorgipfel des Broad Peak wurde zum Überlebenskampf, vor allem auch deshalb, weil sich Haag überforderte und nicht im Camp zurückblieb, sondern Böhm nachstieg. Als Böhm den Film über diesen Kampf sieht, sagt er der «Welt am Sonntag»: «Ich finde mich selbst sehr unsympathisch in diesem Film, grauenhaft, ganz schlimm.»

Benedikt Böhm

Sebastian Haag mit Ski am Manaslu. Ein anderes Team (links im Bild) ist zu Fuss auf- und abgestiegen. (Foto: Dynafit-GoreTex-Team)

Wie funktionieren Freundschaften in diesen extremen Bedingungen? Kann es so etwas überhaupt geben, wenn es irgendwann ums nackte Überleben geht?

Im Film «Am Limit» der Brüder Alexander und Thomas Huber über ihre Speedbegehung am El Capitan («The Nose») gibt es einen sehr speziellen Moment. Zuerst war das Vorhaben nach einem Sturz von Alexander gescheitert, Thomas reagierte mit Trost und Mitgefühl, kein Wort des Vorwurfs. Der zweite Versuch misslingt wegen einer Schwächephase von Thomas, nun aber reagiert Alexander mit einer Kälte und vorwurfsvollen Bemerkungen, die fast schon an Gehässigkeit grenzen. Der Film endet hier, und die Gedanken waren eigentlich klar: Die beiden klettern nie mehr gemeinsam! Ein Jahr später stellen die Huberbuam einen neuen Rekord an der «Nose» auf.

Sind es Schicksalsgemeinschaften, die weit über das hinausgehen, was wir unter einer Freundschaft verstehen? Wir, die wir eben nicht regelmässig in Lebensgefahr schweben, uns nicht in der Todeszone aufhalten, nicht ungesichert glatte Wände hochklettern?

Reinhold Messner hat für einige der aufsehenerregendsten Nachrichten in dieser Hinsicht gesorgt. Mit Peter Habeler bestieg er als Erster den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff, mit Hans Kammerlander stand er auf sieben 8000ern, mit Arved Fuchs durchquerte er die Antarktis zu Fuss. Mit allen zerstritt er sich. «Das Problem», sagt Messner, «sind nicht die Bergsteiger untereinander. Das Problem sind immer Dritte, die sich von aussen einmischen.» Verleger, Journalisten, Freunde. Er erzählt dann von einem Rückflug aus dem Himalaja, als ihm jemand die Zeitschrift «Stern» in die Hand drückte, Habeler hatte dort vom Everest erzählt, und dass er halt als Erster oben war. Messner fand die Darstellung verfälscht, fuhr vom Flughafen sofort zu Habeler, «und der Peter hat mir gesagt: Das sei halt der Verleger des Buches gewesen, der wollte eine Schlagzeile, damit es sich besser verkauft.» Habeler habe ihm versprochen, die Stelle zu korrigieren, was er nie getan habe.

Benedikt Böhm glaubt nicht, dass es nur Dritte sind, die eine Freundschaft gefährden. Er sieht die Sache viel schlichter. «Es gibt immer wieder Freundschaften, die zerbrechen, die auseinandergehen, die einfach enden, oder die nach einer Krise wieder funktionieren», sagt er. Egal, ob diese in der Schule, im Beruf, im Sportverein oder wo auch immer geschlossen worden seien. Böhm und Sebastian Haag sind längst wieder gemeinsam unterwegs.

*Christian Andiel ist Sportredaktor und Produzent beim «Tages-Anzeiger».

Hinweis: Lesen Sie morgen Donnerstag, 28. März 2013, auf der Alpinismusseite im «Tages-Anzeiger» das grosse Interview mit Benedikt Böhm über den Sinn seiner Speedbegehung am Manaslu.

11 Kommentare zu «Wie viel zählt Freundschaft am Berg?»

  • Joachim Adamek sagt:

    Der Beitrag von Herrn Andiel hat mir gefallen. Ich war gespannt, was andere erzählen würden. Den meisten, musste ich feststellen, ging es wohl so wie mir: Spontan aus dem eigenen Leben zu erzählen, ist nicht leicht.
    Ich brauche hierfür immer eine gewisse “Anwärmzeit”. Also, vor Jahren hatten wir uns zu dritt die Birkkarspitze im Karwendel vorgenommen. Aber schon bei der Anreise kamen wir in ein fürchterliches Sommer-Gewitter, das sich andertags wiederholte. Am dritten Tag wollten wir dann ganz schlau sein und sind morgens zeitig los.
    Wir hatten auch den Aufstieg trotz erneut aufziehendem Gewitter mühelos geschafft. Aber beim Abstieg, vielleicht so gegen Mittag, erwischte es uns doch. In Nullkommanichts war der Berg mit einer dicken Eisschicht überzogen. Hätte es nicht so verdammt gekracht, hätten wir uns hingesetzt und einfach gewartet. Aber wir waren die idealen Blitzableiter, weshalb wir unbedingt aus dem exponierten Gelände rauswollten. Irgendwann kamen wir nur noch auf allen Fünfen voran. Als der Weg dann auch noch kaum noch ein Armlänge schmal wurde, ging das Gekeife los, wie ich davor und danach noch nie eines erlebt habe.— Geschadet hat das Ganze unserer Freundschaft damals nicht. Mittlerweile leben wir jedoch in aller Winde zerstreut.

  • D.Übel sagt:

    Jon Krakauer hat eine Facette der psychischen Belastung, der sich Bergsteiger ausgesetzt sehen in seinem Essay „Tentbound“ überaus treffend beschrieben. Fazit: Unter genügend Druck eine angemessene Zeit geschmort haben und dann erträgst du nicht mal mehr wie der Andere trinkt oder die Gabel hält… Darf man nicht persönlich nehmen, sonst war’s das mit der Bergfreundschaft.

  • hallo mitenand

    peter huber sagt es richtig… das meiste sind zweck gemeinschaften.

    als im 1988 ein freund von mir am gasherbrum 2 8035m ein gehirn oedem hatte, auf 7400m. und wir ihn zu zweit
    runter brachten… haben uns die bergsteiger von andern expeditionen keine hilfe geleistet. das wetter war so schön, ihnen
    war der gipfel, der erfolg wichtiger als ein menschen leben.
    das ist die realität, und wenns ums ueberleben geht, ist jeder ein egoist.

    im extrem bereich ist der egoismus bestimmt stark ausgeprägt. das heisst nicht, dass das schlecht ist ???
    im klassischen, „normalen“ bergsteigen gibts mehr ehrliche freundschaften.

    gute zeit, gute touren.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Heinz sagt:

    Wie sagen die Amerikaer so schön: „There are no friends on powder days“.

    • Tim sagt:

      Als Amerikaner muss ich sagen, manchmal ist ’no friends on a powder day‘ krass. Wir sprechen auch von ‚Powder Panic‘, es schadetet ein Powder Erlebnis.
      Bergsteigen ist auch stressig und gelangt viel Geduld von Freunde und Zweckgemeinschaften.
      Wer guten Freunden sind bleiben nach Gut order Schlecht.

  • captain kirk sagt:

    Viele Bergsteiger sind „Alphatiere“ und wenn zwei dieser Sorte aufeinander treffen gibt es immer Reibereien. Die einen können damit besser umgehen die anderen weniger.

    Bei den Huberbuam bin ich mir absolut sicher, dass wenn die nicht Brüder wären, würden sie nicht mehr miteinander Klettern.
    So wie die aufeinander los gehen, dass verträgt keine normale Freundschaft.

  • Peter Huber sagt:

    Mehr als die meisten Freundschaften sind in den Bergen Zweckgemeinschaften……

    • Aschi sagt:

      Das dürfte bei Neutouren und halsbrecherischen Projekten manchmal zutreffen. Es wird ein gerade freier Seilpartner gewählt, der den gemeinsamen Erfolg verspricht.

  • Aschi sagt:

    Alleingänge sind ein besonderes Erlebnis. Was aber am meisten zählt sind meines Erachtens die vielen Begegnungen mit Menschen und Tieren, Freundschaften beim gemeinsamen Erleben. Dankbare Gedanken an Freunde übertreffen jene an Landschaften und das Wetter.

  • Nina sagt:

    Seh ich auch so. Extrembergsteiger-Freundschaften sind vermutlich einfach öfter extremen Bedingungen ausgesetzt, ansonsten unterscheidet sich das doch aber nicht von normalen Freundschaften. Auch da gibt es hin und wieder Extrembedingungen, und eine gute Freundschaft übersteht auch gelegentliche Krisen und Gehässigkeiten – immer nur eitel Sonnenschein, darauf kann man ja keine echte Freundschaft gründen…

  • Joachim Adamek sagt:

    Freundschaften gehören — für mich — zu den grossartigsten Erlebnissen, die einem Menschen widerfahren können. Sie lassen uns in dieser Welt heimisch werden, sie sind ein Anker mitten im Fluss, eine Quelle der Freude in guten und schlechten Zeiten. Ein Mensch ohne Freunde, ist ein Mensch mit einem kümmerlichen Leben. Das gilt am Berg um so mehr. Klar kann es Spannungen geben, die nicht nur auf Missverständnissen beruhen. Aber ein Zusammenleben ohne Reibung gibt es nur in der Fiktion oder in den Moment grössten Glücks. Wie alles Lebendige sind Freundschaften dem Wandel unterworfen. Sie wachsen, blühen, können sich zurückbilden. Freundschaften sind ein Stück reale Utopie. Zweifellos reissen sie auch Wunden. Aber die schönsten Momente im Leben sind stets jene, wo das Ich seine eigene Grenzen überwindet. Geteilte Gipfelerlebnisse sind Dinge, von denen man ein ganzes Leben zehren kann. Egoisten sind imgrunde Irrläufer der Evolution, denn das Leben ist auf Vernetzung ausgelegt, kann nur so seine optimalen Möglichkeiten entfalten.

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