Das Leben ist brutal vergänglich

(Foto: Natascha Knecht)

Auf dem Gipfel des «Pigne de la Lé» (3396 Meter) im Val d'Anniviers. (Foto: Natascha Knecht)

Jammern ist definitiv nicht meine Disziplin. Aber heute sitze ich da, meine Gedanken fahren Achterbahn, ich weiss nicht, ob ich mich schämen soll. In den vergangenen drei Monaten bin ich sehr dünnhäutig geworden. Meine Verletzung Anfang Dezember hat mich wochenlang sportlich ausgebremst. Die Bewegung und der Ausgleich fehlten. Ausserdem fürchtete ich anfangs, meine alpinistischen Ziele, die ich mir für dieses Jahr vorgenommen hatte, müsse ich streichen. Dann folgte auf einmal eine ehrgeizige Phase, etwa nach dem Motto: Nichts und niemand hält mich davon ab, mich bis im Frühling wieder fit zu trimmen. Immerhin war das weder mein erster Knochenbruch noch mein erster Bänderriss. Ich weiss also, wie das geht. Dass der Riss der Syndesmose eine ernsthaftere Sache ist (ein Band, das Schien- und Wadenbein im oberen Sprunggelenk verbindet), war mir allerdings nicht bewusst.

Massive psychische Blockade

Somit kam das eigentliche Problem unerwartet am Tag als ich den Gips loswurde und glaubte, es gehe jetzt endlich mit dem Training los. Bald merkte ich: Gar nichts geht. Nach einer Stunde Skifahren auf der Piste hatten meine Oberschenkel gebrannt, sie waren übersäuert, kraftlos, nutzlos. Und mein Gelenk war so geschwollen, dass ich den Fuss kaum aus dem Schuh ziehen konnte. Geholfen hat die Sportphysiotherapie. Vier lange Wochen später konnte ich wieder in die Kletterhalle. Doch statt Freude herrschte Frust. Die nötige Kraft und Körperspannung fehlten, um in meinem üblichen Schwierigkeitsgrad zu klettern. Ich bewegte mich mit Ach und Krach durch Anfängerrouten. Und es kam noch schlimmer: Ich getraute mich nicht mehr, schwierigere Routen vorzusteigen, hatte Panik zu stürzen und mich erneut zu verletzen. Dasselbe auf den Ski. Das Fussgelenk schwoll zwar nicht mehr stark an, aber ich fuhr wie gelähmt im Schneckentempo. Eine massive psychische Blockade hat sich in mein Hirn geschlichen. Enorm anstrengend! Ich fragte meinen Arzt, ob ich nebst Physiotherapie auch noch eine Psychotherapie haben könne. Er meinte, ich solle geduldig bleiben.

Erst Freude, dann Leiden

Vor einer Woche riss mein Geduldsfaden. Um meine Blockade im Kopf zu lösen, brauche ich Erfolgserlebnisse. Jetzt und sofort. Also nahm ich Ferien und ging in die Berge. Erst zwei Tage Eisklettern, meine Lieblingsdisziplin im Winter. Und siehe da: Es lief wie am Schnürchen. Zwar konnten wir die gewünschte Route nicht durchsteigen, weil in diesem 300-Meter-Eisfall über Nacht ein gigantisches Stück ausgebrochen war. Doch das störte mich nicht mal, es lag ja nicht an meiner Unfähigkeit, es war die Laune der Natur – und zum grossen Glück waren wir nicht drin, als es donnerte. Wir fanden anderes Eis und am Ende verpuffte ich meine letzte Kraft beim Dry-Tooling. Ich fühlte mich glücklich und motiviert für meine erste Skitour diesen Winter.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf. Vier Tage auf Fellen durchs Gebirge ziehen. Wie lange hatte ich davon geträumt? Nach einem Tag merkte ich: Meine Ausdauer ist bedeutend untrainierter als meine Kraft. Statt Genuss wurden die Touren mehr ein Leiden. Ich schwitzte, schnaufte, biss. Es schneite, wurde mit dem Temperatursturz sibirisch kalt, in der Höhe bis 25 Grad minus mit scharfem Nordwind. In den Hütten ging ich inklusive Tourenhosen und Mütze ins Bett, warm bekam ich trotzdem nie. Am dritten Abend war ich fix und fertig, entdeckte Wunden von leichten Erfrierungen auf meinen Wangen und auf der Nase und befürchtete, dass ich am nächsten Morgen den weiten Weg ins Tal nicht mehr schaffe. Komischerweise gings dann aber problemlos, mein Körper und Geist hatten zwischen den Schnarchern im Massenlager regeneriert. Es war Wochenende, die Hütte voll, wir lagen eng nebeneinander, meine müden Glieder tauten dank der Körperwärme von fremden Menschen wieder auf. Ich hätte noch einen Gipfel mitnehmen können, aber es stürmte wieder, also liessen wir einen erneuten grossen Aufstieg aus.

Richtig gehudelt hat mich der Besuch im Spital

Zurück nach Hause kam ich mit gemischten Gefühlen. Auch weil ich unbedingt noch ins Spital wollte. Ein guter lieber alter Bekannter liegt auf der Intensivstation: Krebs im Endstadium, Bestrahlung und Chemotherapie wurden bereits abgebrochen. Gemeinsam hatten wir über die Jahre hinweg einige Bergtouren unternommen. Unvergesslich. Das letzte Mal sah ich ihn an Weihnachten: Ich hatte den Gips am Bein und er fuhr mich mit dem Auto nach Hause. Wie schnell diese Krankheit einen solch starken Mann ausser Kraft setzen kann! Ob er mich am Spitalbett erkannt hat, ist schwer zu sagen. Er kann nicht mehr sprechen, aber er reagierte als ich ihm sagte, wer da ist und als ich mich verabschiedete. Ein Bild, das sich eingebrannt hat. Ich bin tief traurig und hoffe fest, dass er trotz der hohen Morphium-Dosis keine Schmerzen spürt und wünsche den Angehörigen viel Kraft in dieser schweren Zeit.

Dieser Spitalbesuch hat mich gehudelt und auf den Boden der Realität gebracht. Wie bin ich drauf? Mache ich mir wirklich Sorgen, dass ich meine geplanten Touren nicht bewältigen kann? Ich lechze nach einem sofortigen sportlichen Erfolgserlebnis? Ist das wirklich wahr? Einerseits beschämt mich meine Ungeduld und Dünnhäutigkeit der vergangenen Wochen und Monate. Die Berge warten, egal wie lange es bei mir dauert. Andererseits erachte ich es jetzt umso wichtiger, so viele schöne Erlebnisse wie möglich zu sammeln, solange man gesund ist. Einfach sachte. Das Leben ist brutal, aber auch brutal vergänglich.

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