Des Wanderers Ideallokal

Diese Woche an der Kleinen Emme (LU)


Eines Januartages fuhren wir nach Schüpfheim im Entlebuch. Vor dessen Bahnhof drängelten sich Massen von Snöbern und Skifahrern in den Bus hinauf nach Sörenberg. Mich gruselte wohlig; herrlich, ein Wanderer zu sein und diesen Bus nicht nehmen zu müssen. Auf dem Weg nach Wolhusen sahen wir hernach kaum einen Menschen, die Stille der Kleinen Emme tat gut.

Freilich stellte ich fest, dass die Existenz dieses Flusses nicht allen in meinem Grüpplein bekannt war. «Die Emme fliesst durchs Emmental», wurde mir skeptisch bedeutet! Ich musste Geografielehrer spielen: Ja, die Grosse Emme oder eben Emme kommt aus der Hohgantgegend, durchzieht das Emmental, endet unweit von Solothurn in der Aare. Und unsere Kleine Emme bildet sich bei Schüpfheim aus Waldemme und Weissemme, ist der Fluss des Entlebuchs und mündet nah Luzern in der Reuss.

Die nächsten Stunden erlebten wir diese Kleine Emme in allen Spielarten ihres Charakters von brav in breitem Bett bis wild und canyonartig mit hohen Nagelfluhwänden zur Linken und Rechten. Bisweilen führten Treppen weg vom Wasser und wieder zu ihm hinab; ist der Weg vereist, sind Schuhkrallen ratsam. Interessant fanden wir wulstige, vom nahen Bahndamm rechtwinklig über unseren Pfad zum Fluss und in diesen hinein sich ziehende Wälle. Diese «Buhnen» stabilisieren den Schienenstrang, informierte eine Tafel.

Wunderbar in Biss und Geschmack

Wir beschlossen, in Entlebuch zu Mittag zu essen. Eine hübsche Anekdote zu diesem Dorf hatte ich im Übrigen zuhause im Wanderführer «Gratwegs ins Entlebuch» (Rotpunktverlag) gelesen: 1945 stellte am Bahnhof von Entlebuch der Stationslehrling Helmut Hubacher, späterer SP-Schweiz-Präsident, das Signal zu früh von Grün auf Rot. Der Schnellzug nach Bern machte eine Notbremsung. Dummerweise sass der SBB-Lehrlingsinspektor im Zug.

Wir betraten das Restaurant Bahnhöfli – und um das Fazit vorwegzunehmen: Selten fühlt man sich als Wanderer derart willkommen wie in diesem Restaurant; wir hatten schon bei der Begrüssung das Gefühl, dass Felders sich wirklich über unseren Besuch freuten. Die Menukarte zeugte von mehr als dem durchschnittlichen Provinzrestaurant-Gestaltungswillen, sie bekundete Ambition. Mein Hackbraten war hübsch angerichtet und wunderbar in Biss und Geschmack. Müsste ich ein einziges Lokal auswählen, in dem ich bei jeder Wanderung einkehren würde, ich wählte dieses!

Mit glücklichen Bäuchen querten wir ein umgenutztes Industrieareal, den «Park für Arbeiten & Wohnen». Nun kam der schönste Teil der Wanderung. Die Kleine Emme steigerte sich ins Dramatische, unser Weg führte durch einen geländergesicherten, mit Eiszapfenorgeln bestückten Hang. Und hernach wanderten wir lange Zeit in einer mit Neuschnee gepolsterten Auenlandschaft. Kennt jemand Akira Kurosawas Film «Dersu Uzala»?

Hier unten an der Kleinen Emme könnte der gleichnamige Taigajäger jederzeit auftauchen. Wir querten den Fluss auf der Chappelbodenbrücke, gingen zehn Minuten später auf einem Steg auch über die aus dem Napfgebiet zufliessende Fontanne; ihr Gold ergab zur Zeit des Ancien Régimes Luzerner Golddukaten. Noch einmal eine Portion Natur, dann der Übergang in die Asphaltwelt Wolhusens. An dessen Bahnhof waren wir uns einig: Die Kleine Emme ist ein Gewässer mit Charisma. Und wir wollen bald wieder ins «Bahnhöfli» Entlebuch!

Route: Bahnhof Schüpfheim – Emmeufer – Hasle Ortsrand – Entlebuch – Chappelbodenbrücke – Wohlhusen-Markt – Wohlhusen – Wolhusen Bahnhof.

Gehzeit: 4 Stunden.

Höhendifferenz: 90 Meter auf-, 240 abwärts.

Wanderkarte: 244T «Escholzmatt» und 234T «Willisau», 1: 50 000.

Charakter: Müheloses Flusswandern in Bahnnähe. Letzte 20 Minuten auf Asphalt. Die Kleine Emme in all ihren Erscheinungsformen von brav bis wild.

Höhepunkte: Die Emme gleich nach Entlebuch mit einer geländergesicherten Passage durch die Nagelfluh. Die Auen am Fluss. Die Stille zu dieser Zeit des Jahres. Die Einkehr im «Bahnhöfli» Entlebuch.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: In den Dörfern. Sehr gut isst man im «Bahnhöfli» Entlebuch. Mo, Di Ruhetag. www.bahnhoefli-entlebuch.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

3 Kommentare zu «Des Wanderers Ideallokal»

  • Liebe(R) Gabathuler, ich muss widersprechen. Das ist eine tolle Wanderung. Nennen Sie es „Winter“ statt „trist“. Und vermutlich sehen wir auch das anders: „Kalorienreich“ ist für mich ein Kompliment an eine Speise.

  • W. Gabathuler sagt:

    Die tristen Bilder und der viele Asphalt machen aber auch nicht gerade Lust auf diese Agglo-Tour. Und nur für einen kalorienreichen Hackbraten? Die Schweiz ist einfach zu vollgebaut, der Wanderer zwängt sich immer am Rand der Zivilisationsrückstände.

  • Roland K. Moser sagt:

    Es lohnt sich, die Wanderung von Wolhusen her fort zu setzen.

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