Stadt-OL: Blinddate mit Schreckmomenten

Der heutige Gastblog ist ein Erfahrungsbericht von Jörg Greb. Der Journalist hat kürzlich an einem Orientierungslauf in der Stadt Chur teilgenommen. Aufmerksamen Lesern ist sein Blog über den Jungfrau-Marathon noch in Erinnerung.


So etwas von peinlich. Ein Debakel. In Chur wollte ich mich in einem Stadt-OL versuchen – ich, der langjährige OL-Journalist und «textliche Temporär-Begleiter» unserer Weltmeister Simone Niggli, Daniel Hubmann, Matthias Merz, Matthias Kyburz und Matthias Müller. Und ich scheiterte kläglich.

Klar, ich muss mich an der eigenen Nase nehmen. Ich ignorierte warnende Stimmen. Startete schier wie die Profis, nahm nach dem Startkommando die Karte, richtete sie hurtig nach Norden aus, verschaffte mir laufend einen Überblick und stürmte los. Beschwingt ins Verderben. Denn ich lief nach zwei Hausecken und einer 90-Grad-Drehung sogleich in die falsche Richtung. Erst als ich in einen Kreisel einbog, der auf meiner Karte nirgends zu finden war, schrillten die Alarmglocken. Ich bin aus der Karte «herausgelaufen». Ich sah nur noch einen Ausweg: zurück zum Start und alles nochmals von vorn.

Ich lief also nochmals los, im «Rucksack» ein Handicap von rund zehn «Strafminuten». Dieses Blackout versuchte ich abzuhaken, doch das wollte nicht richtig gelingen. Ich wusste nun zwar, wo ich unterwegs war und wohin ich wollte. Doch das reichte nicht. Jetzt befand ich mich mit den Distanzen auf Kriegsfuss. Was bedeute der Massstab 1:4000? Ein Zentimeter entspricht 40 m – das war ich mir nicht bewusst und hatte ich weit und breit nicht im Gefühl. Zudem unterliefen mir immer wieder Fauxpas: Wählte die falsche Strasse an der Kreuzung, lief in einen Hinterhof ohne Ausgang, stand vor einem geschlossenen Gartenzauntor.

Verständnis von Simone Niggli

Es ist zum Heulen. Ich frage mich, womit diese Fehlleistungen zusammenhängen: mit mangelnder Intelligenz, Null-Talent, an der mangelnden Eigen-Organisation oder der geringen Erfahrung. Nach dem Rennen beginne ich nach Erklärungen zu suchen. Ich kontaktiere Simone Niggli. Und staune. Die 20-fache Weltmeisterin spricht, als könne sie mitfühlen. «Auch ich hätte schon am liebsten aufgegeben», sage sie und verweist auf das Mitteldistanzrennen der Heim-WM des letzten Jahres in Lausanne, als sie den Weg zum zu einem falschen Posten las, in der Fachsprache an einem administrativen Fehler scheiterte. Auf mich gemünzt meint sie: «Sie sind in den Lauf hineingeschossen, wären stattdessen am Start besser hingestanden, hätten einige Sekunden investiert, um sich zu orientieren und den Weg vorauszuplanen.»

Meine Schwierigkeiten führt sie weniger auf Unfähigkeit, denn auf mangelnde Erfahrung zurück. Daraus schliesst sie:  «Es wäre nicht gut gewesen, Sie hätten hier wirklich zugeschlagen.» Auch wenn meine Konkurrenten nicht wie sie die Erfahrung von weit über 1000 Wettkämpfen mitgebracht haben dürften, war kein weiterer Nobody dabei. «HAL ist die anspruchsvollste Kategorie neben der Elite, da sind routinierte Leute am Start, und in einem solchen Umfeld mag es wenig leiden.» Doch Simone Niggli macht mir Mut, motiviert mich zu weiteren Versuchen: «Übung macht den Meister, und Fortschritte lassen sich sehr rasch erzielen.» Und sie verweist darauf, dass womöglich eine Einsteiger-Kategorie für mich  erfolgsverheissender wäre. «Da sind die Routen einfacher und Tücken geringer», betont sie.

Freude trotz allem

Nun brennt mir die Frage auf der Zunge, was denn Stadt-OL für die Profis attraktiv macht. «Die Postenstandorte sind in der Regel einfach», sagt Simone Niggli. Die Herausforderung besteht darin, das hohe Lauftempo mit dem Sich-Orientieren zu verbinden. «Im Stadt-OL jagen sich Entscheide in kurzen Intervallen, da geht alles sehr schnell», verdeutlicht sie. Entscheidungsfreude ist gefragt, ständiges Vorauslesen der nächstens folgenden Herausforderungen, höchste Konzentration während der Renndauer von rund einer Viertelstunde, das Reduzieren des Kartenbildes auf das Wesentliche für den Lauf, agieren, statt reagieren, trotz allem auch Geduld aufbringen, vielleicht gar abzubremsen, hinzustehen und schliesslich die Fähigkeit, auch mit Fehlern umzugehen.

Also ähnliche Aufgaben, wie ich sie zu erfüllen habe, nur auf einem ganz andern Level. Das wirkt herausfordernd. Für mich steht fest: Ich nehme nochmals Anlauf. Denn mit etwas Verzögerung machte sich trotz allem Freude bemerkbar. Dieser Stadt-OL war spannend, speziell und verbunden mit einem Kennenlernen von Chur, wie es sonst kaum möglich scheint. Im Terminkalender suche ich nach weiteren Startmöglichkeiten und stosse auf einige: Weinfelden (14.4.), Tenniken (17.4.), Sissach (24.4.), Huttwil (28.4.), Unterägeri (5.5.), Spiez (26.5.), Zunzgen (26.5.), Einsiedeln (5.6.), Winterthur (23.6.), Rapperswil (25.6.) oder Männedorf (2.7.).

Und zur Vervollständigung seien hier noch die Fakten zu meinem desolaten Abschneiden aufgeführt: Dank grosser Vorsicht und gemächlichem Joggingtempo tauchten die Kontrollposten 3 bis 18 mehrheitlich dort auf, wo ich sie vermutete. Aber toll war meine Leistung deswegen nicht. Die Detailauswertung – diese wird auf dem Internet unter www.solv.ch nach jedem grösseren Lauf aufgeschaltet – blieb ernüchternd. 17 von 19 Abschnittszeiten waren die schlechtesten, eine die zweitschlechteste und nur der Zieleinlauf vom letzten Posten bis ins Ziel entlang des Markierungsbandes reichte für einen hinteren Mittelfeldplatz. Über 55 Minuten war ich unterwegs. Der Sieger (Philipp von Arx) benötigte etwas über 17. Jetzt schmunzelt Simone Niggli: «Das zeigt klar eine tolle Seite des Orientierungslaufs auf: Physische Vorteile sind durch technische Fehler und Unzulänglichkeiten rasch verspielt oder anders ausgedrückt: Konditionelle Mängel lassen sich durch kartentechnisches Flair kompensieren.»

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5 Kommentare zu «Stadt-OL: Blinddate mit Schreckmomenten»

  • Merla Kubli sagt:

    Danke für eine ermutigende und äusserst adäquate Berichterstattung über einen (Stadt-)OL! Das trifft man wirklich selten… (mir sind da eher Berichte wie „herbstliche Eiersuche“ bekannt :)).

  • Ruedi Lais sagt:

    Habe gerade zwei Stadt-OL in Portugal absolviert, davon einen in der Nacht. Auch für einen Wald-OL-Läufer wie mich ist diese Wettkampfform unterhaltsam und herausfordernd. Wer will, kann das ganze Jahr über in der ganzen Welt an solchen OL teilnehmen. Über die Website von Swiss Orienteering findet man die Informationen. Jeder einigermassen aktive Schweizer OL-Verein bietet zudem Stadt-OL-Training in der Schweiz an, wo man als Anfänger/in Unterstützung findet. Nicht jeder hat Simone Nigglis Handy-Nummer….

  • Joachim Adamek sagt:

    Auch wenn ich kein Läufer bin, die Idee, fremde Städte mithilfe von OL’s kennen zu lernen, gefällt mir. Wäre zu wünschen, dass die Idee viele Nachahmer findet.

    • Matthias sagt:

      Ich bin selber sehr viel OL’s gelaufen, in der Stadt als auch im Wald..und das überall in der Schweiz und sogar im wunderschönen Schweden. Solche OL’s finden noch oftmals statt, nur leider ist das Interesse und die Nachfrage nicht sehr hoch. LEIDER

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