Schamanismus am Rhein

Diese Woche von Marthalen via Rüdlingen nach Eglisau (ZH/SH)


Die Wanderung dieser Kolumne fand vor einem Jahr statt und ist mir in allen Details erinnerlich geblieben. Hauptgrund dafür ist ihre erstaunliche Dreiteilung. Der Tag begann giftkalt mit Nebel so dicht wie im Herbst. Er endete in frühlingshaftem Sonnenschein. Und dazwischen gingen wir durch ein – man gestatte den Kitschausdruck – Wintermärchen. Sträucher und Zweige am Weg waren mit Raureif geschmückt, die Natur spielte Swarovski, Eisdiamanten verzückten uns. An der Thur kamen wir an einem Apfelbaum vorbei, auch er im weissen Frostkleid. Doch wundersamerweise trug er Äpfel. Sie waren feuerrot.

Treiber im Eichenwald

Gestartet waren wir bei der Station Marthalen. Die erste Etappe führte im Nebel via den Radhof, einen Pferdehof mit weiten Weiden, in Richtung Rheinau. Gute zweieinhalb Kilometer vor dem stillgelegten Kloster, das lange vor sich hin dämmerte und nun zu einem Musikzentrum erweckt wird, bogen wir ab und zogen südwärts in Richtung Thur. Das Niederholz, ein ausgedehnter Eichenwald, hallte von Männerstimmen; Treiber; Holz schlug auf Holz mit hellem Klang. Ein grüner Mann auf einem Hochsitz gab uns Auskunft: Wildsaujagd!

Wir querten die Thur, hielten rechts, kamen an dem Zauberbaum mit den roten Äpfeln vorbei, hielten inne, staunten. In der folgenden Stunde verharrten das Hell der Sonne und das Dunkel des Nebels im Gleichgewicht der Kräfte. Schliesslich eine zweite Brücke, diesmal über den Rhein.

Zauberbaum und Zauberwein

Die Gemeinden Rüdlingen und Buchberg auf der anderen Seite bilden zusammen eine Schaffhauser Insel, umgeben von Zürcher und von deutschem Boden. Ein Glücksfall war das Restaurant, auf das wir im Weindorf Rüdlingen stiessen. Es hiess «Zur Stube» und war eine Stube; altmodisch mutete es an, im besten Sinne des Wortes. Wir bekamen den letzten freien Tisch am Kachelofen. Der gebackene Egli war besser als jeder, den ich zuvor gehabt hatte, die Flasche Rüdlinger Federweisser mundete. Es gibt nichts Schöneres, als an einem Ort den Wein ebendieses Ortes zu trinken. Das wirkt wie ein schamanistisches Ritual, man verschmilzt sozusagen mit dem Terroir.

Nun ja, nicht ganz. Irgendwann rissen wir uns los, wir mussten ja doch weiter. Immerhin hatte sich die Sonne durchgesetzt. Steil stiegen wir hinauf nach Buchberg, dessen Kirche auf dem Hügel man von weitem sieht, und genossen vom Plateau aus den Blick auf den Rhein tief unter uns, den gegenüberliegenden Irchel, die Flaacher Ebene. Es folgte ein Höhenweg durch die Weinhalden, auf dem uns der Blick in die Ferne erhalten blieb. Ich musste aufpassen, nicht zu stolpern angesichts der Ablenkung. Endlich der Abstieg nach Eglisau und die dritte Brücke des Tages, wieder über den Rhein.

Süsse Post

Am Bahnhof von Eglisau fanden wir den Schoggimail-Shop interessant. Ein netter Deutscher erklärte uns das Konzept: Seine Schoggitafeln sind auch Briefe. Auf der Rückseite der Verpackung kann man eine Schreibfläche ausklappen, auf der Vorderseite ist ein Adressfeld angebracht; hat man die Botschaft komplettiert, geht das süsse Ding in die Post. Wir mussten allerdings, ohne eine Schoggi aufgegeben zu haben, auf den Zug, der schon einfuhr. Bahnhofsnah in Zürich beschlossen wir die Wanderung einige Zeit später, indem wir im «St. Gallerhof» bei unserer Lieblingserviererin Maggy einen Glühwein nahmen.

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Route: Marthalen Station – Brunnenhof – Radhof – Niederholz – Wolfstig – Thurbrücke – Thurhof – Werdhölzli – Steubisallmend – Ziegelhütte – Brücke über den Rhein – Rüdlingen – Buchberg – Hummelberg – Eglisau – Eglisau Bahnhof.

Gehzeit: 5 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 300 Meter auf-, 330 abwärts.

Wanderkarte: 216 T «Frauenfeld» und 125 T «Baden», 1: 50 000.

Charakter: Drei Brücken, zwei grosse Flüsse (Thur und Rhein) und sehr viel Abwechslung. Wald, Ebene bei Flaach, später höhenwegartig und aussichtsreich.

Höhepunkte: Der Radhof mit den Pferden. Die leere Ebene von Flaach. Die erhabene Kirche Buchberg vom Rhein aus besehen. Der Höhenweg zwischen Buchberg und Eglisau durch die Reben mit Blick auf den Rhein.

Kinder: Keine Probleme, aber lang.

Hund: Machbar, aber lang.

Einkehr: Sehr zu empfehlen ist das Restaurant «Zur Stube» in Rüdlingen. Ruhetage Mi/Do. www.stube-ruedlingen.ch. Reservieren! Daneben gibt es weitere Lokale in Rüdlingen und Buchberg. Oder man macht einen Abstecher nach Flaach.

Naturzentrum Thurauen: www.naturzentrumthurauen.ch

Schokoladenbrief: www.schoggimail.com, Shop im Bahnhof Eglisau.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

1 Kommentar zu «Schamanismus am Rhein»

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