Roadmovie-Feeling für Winterwanderer

Diese Woche der Wispile-Höhenweg bei Gstaad (BE)


Ich nahm in Zollikerberg um 5 Uhr 52 die Forchbahn. Vier Stunden und zehn Minuten später stieg ich bei der Wispile-Bergstation hoch über Gstaad aus der Gondel. Lohnt sich eine derart lange Reise? Der Intercity von Zürich nach Bern war zu meinem Elend pumpenvoll gewesen; und auf der Höhe von Olten hatte sich über den Lautsprecher der Zugführer gemeldet. Er fragte, ob ein Arzt an Bord sei und ob er bitte in den Speisewagen kommen könnte.

Zwischen Spiez und Zweisimmen dann war die erste Klasse, die ich mir an diesem Tag leistete, überfüllt mit Skifahrern, die viel zu laut blöde Witze erzählten. Einen fand ich aber gut. Zwei Frauen im Gespräch: «Du, ich kann keine Kinder bekommen.» – «Was! Hat dir das der Arzt gesagt?» – «Nein, mein Chef!»

Ich war ein wenig müde und genervt, als ich in Gstaad ankam. Für die anderthalb Kilometer zur Wispile-Talstation nahm ich mir ein Taxi, ich wollte nur noch in die Höhe. Und tatsächlich, kaum war ich oben, fiel die Zugstrapaze auf wundersame Weise von mir ab. Der Winterwanderweg Richtung Chrinepass und hinab nach Gsteig beginnt gleich bei der Bergstation, führt rechts am Berghaus vorbei und war frisch gewalzt und unberührt. Ich war sein erster Mensch an diesem Morgen.

Anonyme Schönheiten

Mein Glück perfekt machte, dass ich den Skibetrieb innert zehn Minuten los war. Dass rundum die unglaublichsten Berge hockten, von der Sonne vergoldet die einen, mit Dunstschleierchen reizvoll verhüllt die anderen. Dass ich jedesmal, wenn ich mich umdrehte, meine und nur meine Fussspuren sah. Dass die Piste sich wie ein Strassenband im amerikanischen Roadmovie über den gewellten Rücken vor mir zog. Die Wispile ist ein sanfter Berg, eigentlich eher ein Hügel. Angeschrieben war übrigens die längste Zeit nichts. Aber die Stangen, unten lila, oben hellrot, waren zuverlässige Wegweiser.

Noch einmal zu den Bergen. Zuhause hatte ich mich mit Peakfinder.org vorbereitet und mir einige wichtige Gipfel der Gegend gemerkt. Süden: Spitzhorn. Westen: Gummfluh. Norden: Schopfenspitz. Osten: Wildstrubel. Doch vor Ort war ich von der Fülle der Hörner, Fluhen, Spitzen, Wände aller Arten und Formen überfordert, ich bitte um Nachsicht, wenn ich in der Fotostrecke auf dem Internet Namen nicht liefern kann. Natürlich wäre da das Peakfinder-App auf meinem iPhone gewesen. Das Problem damit ist nur: Es frisst viel Batterie, vor allem in der klirrenden Kälte. Und besagte Batterie war schon fast leer, weil ich im Zug gelesen hatte.

Ich nahm die Berge als anonyme Schönheiten und war zufrieden. Irgendwann begann der Abstieg mit coupierten Passagen. Weil viele Leute auf diese Route einen Schlitten mitnehmen, waren die Tannen in den Kurven mit dicken Polstern umbunden. Bei einem Abzweiger musste ich links halten, rechts wurde in 50 Metern das «Bärglibeizli» angezeigt, doch ich hatte noch keine Lust auf Einkehr. Ich stieg weiter ab, durch den Saaligraben, mein Pfad schnitt das erste Alpsträsschen, unter mir sah ich den Kessel von Gsteig und den Taleinschnitt hinauf zum Col du Pillon, bald kam noch eine Wirtschaft, das Bungalowbeizli Rohr. Und schon war ich in Gsteig. So reizend der kleine Passort mit seinen Holzhäusern ist, bedauerte ich doch die Ankunft, also das Ende der Gehunternehmung. Dies war seit langem meine schönste Winterwanderung.

Route: Wispile-Bergstation (Gondel ab Gstaad-Wispile) – Chrine – Gsteig. Es handelt sich um einen offiziellen Winterwanderweg, der gewalzt wird. Auf der ganzen Route hat es kaum beschriftete Wegweiser. Wer sich an die Wegpfosten (unten lila, oben hellrot) hält und sich nicht von abweichenden Pisten irritieren lässt, ist korrekt unterwegs.

Gehzeit: Je nach Verhältnissen 2 1/2 bis 3 Stunden.

Höhendifferenz: 100 Meter auf-, 820 abwärts.

Wanderkarte: 263 T «Wildstrubel», 1: 50 000.

Charakter: Perfekt gewalzte Winterpiste, nach zehn Minuten ist man die Skifahrer zur Linken los. Sie eignet sich auch für Schlittler. Im ersten Teil ein Höhenweg. Danach im Gebiet Chrine coupierte Abschnitte; Stöcke helfen. Weiter unten wieder normales Gefälle.

Höhepunkte: Ein unvergleichliches, unvergessliches Bergpanorama. Die Stille des Weges. Das rustikale Berg- und Passdorf Gsteig.

Kinder: Gut machbar, vor allem mit Schlitten.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Am Anfang (Berghaus Wispile) und am Schluss (diverse Restaurants in Gsteig). Das Bärgbeizli im Gebiet Chrine (079 280 11 27) und die einfache Wirtschaft Rohr eine halbe Stunde vor Gsteig (079 205 72 87) sind bei schönem Wetter tagsüber in der Regel offen.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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4 Kommentare zu «Roadmovie-Feeling für Winterwanderer»

  • Patrick Bauer sagt:

    Lieber Herr Widmer

    In dem Fall kann ich als nächste Entdeckung nur den grossen Rundweg auf dem Sparenmoos empfehlen.
    Ab Zweisimmen mit dem Bus erreichbar. (Ein wenig näher als die Wispile.) Wunderbare Aussichten, ebenfalls in einem Winterwunderland ohne Hektik und viele Menschen. Unterwegs Sitzbänke um die Zeit zu geniessen und am Schluss eine Einkehr in der MuMa Buvette mit selbstgemachter Suppe, preisgekrönter Saucisson, einem Stücl Alpkäse oder ein Bier aus den Freibergen. Danach wäre eine Schlittelpartie eine Möglichkeit. Oder mit dem Bus ins Tal. Den Weg finden Sie auch auf der WinterwanderApp von SchweizTourismus.
    Winterliche Grüsse
    pb

  • Deubelbeiss sagt:

    …wo ist der Schnitzelteller, lieber Herr Widmer, ich vermisse den Schnitzelteller…

  • Lieber Herr Widmer

    Sie können unter http://www.peakfinder.org die Panoramen auch als Pdf herunterladen und ausdrucken. Papier funktionert bei klirrender Kälte und leeren Akkus am besten.

    Mit freundlichem Berggruss
    Fabio Soldati

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich mag „anonyme schönheiten!“ :)
    kinder: aber nur, wenn die ihre schlitten selber ziehen, bitteschön.

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