Die Nasswanderung

Diese Woche zum Kloster St. Urban (BE/LU/AG)

Wasser spielte die Hauptrolle auf unserer Wanderung zum Kloster St. Urban. Ich meine nicht das Wetter, das an unserem Tag verrückt spielte, mit Regen in den unteren Lagen und Schnee oben in den Hügeln. Es flockte und goss, grauer Nassefüssematsch lag auf den Wegen.

Vielmehr zielt meine Eingangsbemerkung auf die Wässermatten des Oberaargaus, die von den Mönchen St. Urbans angelegt wurden – ein ausgeklügeltes Kanalsystem mit unzähligen Bachableitungen und Gräben und Querschiebern, das einer Graswirtschaft zudient und bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Überall gluckert es

Wir starteten in Melchnau, Oberdorf; unser Buschauffeur rief uns zu, er würde jetzt am liebsten auch mitkommen, könne aber leider nicht. Wir verabschiedeten uns, hernach ein kurzer Aufstieg, schon waren wir auf dem Dorfhügel. Gleich zwei Schlossruinen birgt er: Grünenberg und Langenstein. Wir nahmen die Mauerreste im Vorübergehen zur Kenntnis; es war zu unwirtlich, um zu verweilen.

Auf dem Weg hinab ins Tal der Rot lag vor uns eine Winterlandschaft nach Art einer japanischen Radierung: karg, reduziert, stilisiert, Zen-Kunst im Gelände. Eine Infotafel erklärte, dass es am Hang vis-à-vis über Altbüron einen ungenutzten Bahntunnel gebe. Im Bahnfieber der 1870-er Jahre hatte die Zentralbahn, die die Linie Langenthal – Wauwil realisieren wollte, mit dem Graben begonnen. Nach einem Jahr kam eine Finanzkrise, man stellte die Arbeiten ein.

In der Ebene landeten wir im Reich der Kanäle, überall Gluckern im und unter dem Schnee, überall Wasserläufe. Nachdem wir die Schnellstrasse mit ihren Monsterlastwagen gequert hatten, stieg unser Pfad wieder an: Es ging hinauf zum Steinhubel. Den Abstecher zum Aussichtspunkte Isehuet und retour schenkten wir uns; wir hätten nichts gesehen.

Zwischen roten Türmen

Richtung Berghof gingen wir im Wald auf einem breiten Weg zwischen Erdwällen. Dies sei die alte «Landstrasse gen Sanct Urban», stand auf einem Schild; sie sei erst 1806 durch die Strasse unten in der Ebene abgelöst worden; der Verkehr auf der Karrenroute sei einst rege gewesen. St. Urban war ein Zentrum nicht nur des Glaubens, sondern auch des Handels.

Bald hatten wir St. Urbans zwei rote Türme vor uns. Das alte Kloster, 1848 aufgehoben und mittlerweile zum guten Teil eine Psychiatrische Klinik beherbergend, ist leider von stillosen Neuzeitbauten umzingelt. In der riesigen Barockanlage konnten wir aufatmen. Ihre Kirche ist in Weiss und Gold gehalten; man schaue sich unbedingt das berühmte Chorgestühl an, eine Orgie der Schnitzkunst.

Wasserläufe und Schleusenschieber

Im Kloster-Gasthaus Löwen assen wir gut. Später zogen wir weiter, kamen, nun im Aargau, an noch mehr Wasserläufen und Schleusenschiebern vorbei, passierten bei der Sagi ein restauriertes Wasserrad. Schliesslich sichteten wir gleich zwei Bahntrassen: die neue der Bahn 2000 auf einer Überführung und weiter hinten die ältere.

Die zweitletzte Attraktion, wenn man als letzte die Einkehr im Café Felber am Bahnhof von Murgenthal nimmt: noch einmal eine Kombination aus Wasser und Historie. Zur Linken hatten wir die Murg. Und zur Rechten den Rotkanal, erbaut von 1640 bis 1645 zwecks Befeuchtung von Rothrists Magerwiesen. Das Wasser, wie gesagt, spielte die Hauptrolle an diesem Tag. Dass es meine Wanderschuhe eroberte, passt dazu perfekt.

Route: Melchnau Oberdorf (Bus ab Langenthal Bahnhof) – Hügel mit den Schlossruinen Grünenberg und Langenstein – Ellbogenfeld – Talboden der Rot – Grosswald – Ober Berghof – Sunnhalde – Kloster St. Urban – Sagi – Walliswil – Murgenthal Bahnhof.

Gehzeit: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 180 Meter auf-, 300 abwärts.

Wanderkarte: 234 T «Willisau» und 224T «Olten», 1: 50 000.

Charakter: Auch im Winter gut machbar mit guten Schuhen. Imposante Natur und Kultur (Kloster St. Urban) sowie die Kombination von beidem in den historischen Wässermatten. Mittlere Anstrengung.

Höhepunkte: Die Wässermatten, Kanalsystem des Mittelalters. Die winterliche Natur auf den Plateaus links und rechts der Rot. Der alte Hohlweg im Grosswald. Das riesige alte Kloster St. Urban mit dem geschnitzten Chorgestühl.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Klostergasthaus Löwen in St. Urban: Mi Ruhetag. www.st-urban.ch Und am Schluss beim Bahnhof Murgenthal im winzigen Café Felber (gute Patisserie). Kein Ruhetag. aber am Samstag nur bis 15 Uhr, am Sonntag nur bis 12 Uhr offen.

Wanderblog
: widmerwandertweiter.blogspot.com

8 Kommentare zu «Die Nasswanderung»

  • Mike Schellenbaum sagt:

    Lese Ihre Wanderungen mit viel Heimweh aus Kalifornien am Pacifik. Sollten Sie einmal eine Wanderung am Highway No 1 by
    Santa Cruz machen wollen, sagen Sie uns Bescheid. Wir helfen Ihnen gerne.Gruss aus Santa Cruz , am Pacific….

  • Danke, lieber Herr Jäggi, Sie haben natürlich recht – der Kolumnist hat da einen Anfall von Zerstreutheit erlitten. Und wenn Sie mir einmal eine Route von oder nach Fulenbach wissen, gerne! Vielleicht im Frühling!

    • Roland K. Moser sagt:

      Hätte auch noch eine! Von Vitznau oder Weggis auf die Wissiflue. Von Vitznau ist es glaube ich mit Kindern oder Hunden nicht machbar. Es hat Leitern.

  • Paul Jäggi sagt:

    Hallo Herr Widmer

    Ich lese häufig mit Interesse Ihre Wanderbeschreibungen. Wir haben auch schon Orte besucht, die Sie beschrieben haben.
    In der heutigen Beschreibung ist Ihnen leider im ersten Satz ein Fehler passiert. Sie schreiben: Wir starteten in Menznau ….. . Sie sind aber in Melchnau gestartet!
    Ich wohne in Fulenbach. Wenn Sie einmal von diesem Ort aus eine Wanderung beschreiben möchten, wäre ich Ihnen gerne behilflich eine gute Route auszuwählen.

    Herzliche Grüsse

    P. Jäggi

  • Roland K. Moser sagt:

    Mir gefällt Bild 5.

    • Philipp Rittermann sagt:

      dito! waldwanderungen sind äusserst idyllisch!

      • Roland K. Moser sagt:

        Genau! Oder im Sommer im Wald meditieren oder schlafen. Frühling und Herbst sind auch i.O. Der Winter würde auch gehen, wenn es nicht so kalt wäre :-)

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