Knonau macht den Bauch froh

Diese Woche von Sins nach Baar (AG/ZG/ZH)


Kurz vor Weihnachten war ich mit einem Kollegen zum Interview bei Bundesrätin Sommaruga in Bern. Das Bundeshaus-West, der in den 1850er-Jahren erstellte älteste Teil der Bundeshaus-Anlage, machte uns Eindruck. Ich meine nicht die Einpersonen-Schleusen beim Eingang, die uns an die Beam-Vorrichtungen in «Raumschiff Enterprise» erinnerten, sondern die herrlich ornamentierten Wandelgänge – man müsste mal an eine Führung! Ah ja, das Gespräch mit der Bundesrätin war dann angenehm und interessant. Vor acht Tagen ist es als Doppelseite erschienen.

Warum ich das erzähle? Simonetta Sommaruga kommt mir am Startort unserer Wanderung in den Sinn. In Sins im Freiamt, Kanton Aargau, ist sie geboren. Freilich haben wir an unserem Morgen keine Lust, biografische Spurensuche zu betreiben. Es schneit wie verrückt. Zwei heroische Bähnler fräsen die Wege zum und vom Sinser Bahnhof frei.

Ein Unglück als Ansporn für einen Brückenbau

Zwei, drei Gehminuten, schon sind wir an der Reuss und queren sie autofrei auf einer alten Holzbrücke. Mit ihr und ihrer Vorgängerin von 1641, von der nur einige Pfeiler geblieben sind, ist viel Geschichte verknüpft. 1627 kentert das Fährboot mit 40 Wallfahrern unterwegs nach Einsiedeln, die Passagiere ertrinken. Das Unglück ist der eine Auslöser für den Brückenbau in dieser Gegend. Der andere: Die Stadt Zug begehrt Korn aus dem Freiamt. Als Verlierer stehen, als die neue Brücke erstellt ist, die Luzerner da. Sie bekommen weniger Getreide. Und die Zolleinnahmen ihrer eigenen Reussbrücke bei Gisikon schrumpfen.

Wir passieren das «Zoll-Huus», heute ein Restaurant, und halten auf eine Terrassensiedlung am Hang von Hünenberg zu, um dann Gott sei Dank bald links abzubiegen. Nun geht es durch den Rainmatter- und den Herrenwald. Der Neuschnee macht unter unseren Füssen jenes wattierte Geräusch, für das es kein Verb gibt. Schliesslich langen wir beim Kloster Frauenthal an, gelegen auf einer Insel in der Lorze. 20 Nonnen leben hier in der Stille. Der kleine Laden ist zu, Feiertag. Wir schauen uns um, und mir fällt ein Satz über die Zisterzienser ein, den ich zur Abtei von Lucelle an der Grenze des Kantons Jura zu Frankreich gelesen haben: Die Zisterzienser mochten flussnahe Niederungen und wussten die Wasserkraft zu nutzen. Auch an der Lorze wurde gemüllert.

Die Winteridylle endet bei den Neubausiedlungen

Durch eine geradezu klischierte Winterlandschaft ziehen wir weiter nach Knonau, Kanton Zürich. Im Dorfkern finden wir das Hörnli. Das unscheinbare Haus stellt sich als Trouvaille heraus. Erstens ist der Service, ein junger Typ, witzig und charmant. Zweitens trinkt sich sein Knonauer sowohl in der weissen als auch in der roten Variante sehr gut. Und drittens mundet das Essen. Eugen und Regina nehmen die Metzgete-Auswahl. Was auf den Tisch kommt, ist derart ansehnlich, dass ich es fotografiere; auf der Online-Ausgabe der Kolumne kann man sich die Prachtsplatte ansehen.

Frohen Bauches unterqueren wir Autobahn und Schienen und kommen Richtung Uerzlikon vorbei an der Pestalozzi-Stiftung, die verhaltensauffällige Buben aufnimmt. Etwas später nah Buech ein Richtungswechsel: Wir schlagen den Weg nach Baar ein. Es folgt die schönste Passage der Wanderung: Das Häglimoos erweist sich als Idyll, der Steinhauserwald mit dem verschneiten Weiher ebenso. Und deshalb ertragen wir es in Gelassenheit, wie die Wanderung in der totalen Verbautheit von Baar endet.

Route: Bahnhof Sins – Reussbrücke – Zollhus – Rainmatterwald – Herrenwald – Schachenwiti – Kloster Frauenthal – Hatwil – Knonau – Pestalozzi-Stiftung Knonau – Abzweiger (mit Höhenangabe 464 m auf einigen Karten) nördlich Buech – Häglimoos – Steinhauserwald mit Waldweiher – Bahnhof Baar.

Gehzeit: 4 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 160 m aufwärts. 120 m abwärts.

Wanderkarte: 235 T «Rotkreuz» und 225 T «Zürich», 1: 50 000.

Charakter: Manchmal siedlungsnah, manchmal einsam; manchmal Hartbelag, manchmal Wald- und Wiesenwege. Ideal für den Winter, keine besonders heiklen Passagen. Mittlere Anstrengung.

Höhepunkte: Die Holzbrücke über die Reuss bei Sins. Das Kloster Frauenthal auf seiner Insel in der Lorze. Die Einkehr im Hörnli in Knonau. Das idyllische Häglimoos und der Waldweiher im Steinhauserwald.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Das Hörnli in Knonau, unauffällig-schmucklos und doch eine Trouvaille. Netter Service, gute Küche. Ideal für Wanderer. Trinkt man Wein, trinkt man Knonauer (rot und weiss). Mo Ruhetag.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

8 Kommentare zu «Knonau macht den Bauch froh»

  • Sinserin sagt:

    Schön, dass diese Wanderung in Sins beginnt, doch wäre es viel schöner gewesen, wenn man nach der Holzbrücke Sins sofort links abgebogen wäre und der Reuss – mit ihrem aufgewerteten Ufer und den Vogelbeobachtungsstationen – nach Chamau flussabwärts gefolgt wäre und von dort wäre via Bützen nach Frauenthal gekommen wäre. Man hätte die ‚Terassensiedlung‘ von Hünenberg und die Querung der Kantonsstrasse vermieden und die Wanderung wäre um weitere ’schönste‘ Passagen reicher…

  • Georg Sütterlin sagt:

    Lieber Thomas (unter Wanderern)

    In Deiner Wanderpost aus Knonau steht der Satz „Der Neuschnee macht unter unseren Füssen jenes wattierte Geräusch, für das es kein Verb gibt.“

    Mit dem Nebensatz hast Du wohl ein Netz ausgelegt in der Erwartung, dass darin etwas hängenbleibt. Hier also eine Antwort – vielleicht gar die erste!

    Auch wir haben für dieses „wattierte Geräusch“, wenn der Neuschnee einigermassen trocken ist, ein Verb gesucht. Gefunden hat es meine Frau: Der Schnee „knorrt“ dann.

    Der Duden kennt das Substantiv „Knorren“, doch dieses hat mit Schnee nichts zu tun. Wir schenken Dir das taufrische Verb gerne für die Widergabe weiterer Winterwanderwahrnehmungen!

    Georg Sütterlin und Nora Schweizer

  • Beobachterin sagt:

    Wandern auf Strassen, entlang öden Wohnblocks und Fabrikgebäuden? Es gibt Schöneres als das.

  • Nina sagt:

    Läuft man von Baar richtung Sins hat man der wunderbare Fernsicht und die Alpen vorner statt im Rucken.

  • Andrew sagt:

    Trinkt man Wein, trinkt man Knonauer.
    Welcher übrigens auch direkt im Hörnli oder gegenüber bei Eva Schiess (schöne Enoteca) bezogen werden kann.

  • Dennis Iten sagt:

    Schade ist er nicht im Sommer in Knonau eingekehrt, dann hätte er nach dem Essen im Hörnli noch vis-à-vis in die Gelateria Fiorenza gehen können und selbstgemachte Gelati geniessen…

  • Daniel sagt:

    Ich persönlich würde die Wanderung in umgekehrter Reihenfolge machen, dem Lauf der Sonne folgend. Einerseits ist man dann gleich zu Beginn aus der grössten Betonwüste raus, bleibt danach eher ländlich und hätte spätestens ab Knonau unzählige Möglichkeiten die Wanderung der Temperatur entsprechend eher schattig waldig oder oder offen ländlich zu gestalten. Zudem würden ein Naturschutzgebiet und eine Storchensiedlung in der Reussebene ebenfalls noch locken.

    Leider ist der Schnee ein viel zu seltener Gast in der Region und häufiger Nebel könnte das Wintervergnügen ebenfalls eher trüben. Im Frühjahr und Herbst bietet die Wanderung eine mittelländische Farbenpracht und Vegetationsvielfalt – natürlich und landwirtschaftlich – die ich immer wieder gerne geniesse.

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