Mühsame Zwangspause

Tabea Schwab and er Schweizer Meisterschaft im Bouldern, März 2009. (Keystone)

Klettern in Absprunghöhe ist ungefährlich, könnte man meinen: Kletterin Tabea Schwab an der Schweizer Meisterschaft im Bouldern, März 2009. (Keystone)

Bloggerin Natascha Knecht hat folgende Erfahrung gemacht:

Modisch gehöre ich eher zu den Unauffälligen. Nun trage ich aber einen Stiefel, auf den die Leute schon aus der Ferne starren. Er sieht ziemlich futuristisch aus, silberfarben, und er verfügt über mehr Schnickschnack und Funktionen als alle anderen Schuhe in meiner Sammlung. Vacoped heisst er und ist «die moderne Alternative zum Gips».

Zum Einsatz kommt er bei Frakturen des Sprunggelenks, des Mittelfusses, bei gerissenen Achillessehnen etc. Ich habe mir jedoch etwas Selteneres zugetan: Fraktur des «Volkmann-Dreiecks mit diffusem Ödem» sowie eine Läsion in der «ventralen Syndesmose und der anterolateralen Kapsel mit Erguss und deutlich ödematöser Imbibierung des subkulanten Weichteilgewebes.» Hätte ich diese Beurteilung des Medizinischen Radiologischen Instituts  nicht schwarz auf weiss – ich könnte sie mir nicht merken. Noch nie hatte ich von einer «Syndesmose» gehört, geschweige denn von einem «Volkmann-Dreieck».

Vacoped

Vacoped: In einem solchen Gipsstiefel sollen nun Knochenbruch und Syndesmose-Riss zusammenwachsen. Mit ihm muss ich sechs Wochen auch ins Bett!

Natürlich fragen mich alle, wie das geschehen konnte. Nun, beim Bouldern. Dem Klettern ohne Kletterseil in Absprunghöhe. Ein wertvolles Krafttraining. Aber weil ich einen Griff im fast horizontalen Überhang schlecht erwischte, machte ich einen unkontrollierten Abflug, schlug mit dem Fuss unglücklich auf der dicken Matte auf – und schon knackste es laut durch die Halle, der Schmerz schoss ein, mir wurde kurz schwarz vor Augen.

Alpinisten verunfallen nicht am Berg

Es ist nicht mein erster Unfall im Leben. Aber mein letzter. Ich schwöre es. Mittelfuss, Arm oder Rippen hatte ich schon gebrochen, die Schulter mehrmals ausgekugelt, im Verlaufe der Zeit diverse Bänder an den Fussgelenken und Knien überdehnt oder gerissen. Getreu der Redensart, «ein Alpinist verunfallt nicht am Berg, sondern höchstens im Tal auf dem Trottoir», passierte es auch bei mir mit wenigen Ausnahmen nie beim Sport. Dass mich das Pech jetzt bei einer meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen eingeholt hat, empfinde ich darum als beschämend. Bin ich tatsächlich zu blöd zum Bouldern?

Gewisse Freunde meinen jedoch, mein vorletzter Unfall vor acht Monaten sei einiges peinlicher gewesen. Damals wetzte ich frühmorgens durch den Zürcher Hauptbahnhof zur Arbeit. Auf einem leicht abwärtsgerichteten Baustellen-Plastikboden rutschte ich aus, knickte mit dem Fuss ein und riss die Bänder. Schlimm fand ich damals die Reaktion der Leute. Ich lag flach auf dem Bauch, den Gerümpel aus meiner Handtasche hats beim Sturz meterweit um mich herum verstreut, kein Mensch half mir auf die Beine, keiner kümmerte sich. Keiner! Für sie war ich ein nerviges Hindernis, dem man ausweichen musste, was im morgendlichen Strom der Menschenmasse zugegeben nicht einfach ist. Meine Freundin in Israel sagte später am Telefon: Wenn du das nächste Mal einen solchen Sturz machst, tu das bitte bei uns, da helfen dir sofort zwanzig Leute gleichzeitig. Ich glaube ihr. Als ich vor Jahren in Tel Aviv lebte, fiel mir mal auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause eine schwere Glasflasche aus dem Rucksack direkt auf einen Zeh. Ein vorbeifahrender Taxifahrer sah das, hielt unaufgefordert an und brachte mich – ohne Geld dafür zu verlangen – zum Arzt, der dann eine Fraktur feststellte. Wenigsten hatte die Flasche gehalten.

Selber schuld

Der sexy Vacoped-Stiefel, den ich zurzeit tragen muss, hat sich als mein neuer Freund aufgedrängt, und obschon ich ihn abgründig tief hasse, muss ich mit ihm sogar ins Bett. Sechs Wochen lang! So lange habe ich auch Kletter- oder Skifahrverbot. Schon nach wenigen Tagen kann ich jedem Süchtigen auf Entzug nachfühlen. Zwar darf ich den Oberkörper weiterhin trainieren, aber etwas Schlaueres als die Geräte im öden Fitnesstudio ist mir noch nicht in den Sinn gekommen und viel bringt mir das nicht. Wenn ich den vielen Schnee in den Bergen sehe, tut mir das Herz weh. Wenn ich an meine alpinistischen Ziele im Frühling und Sommer denke, überkommt mich Panik, dass ich die jetzt eingebüsste Kraft und Ausdauer bis dahin nicht aufholen kann.

Wenigstens bin ich selber schuld – anders als etwa ein Arbeitskollege, der Fussball spielte und von einem Gegner so idiotisch ins Knie gekickt wurde, dass er seit Monaten mit einem Kreuzbandriss hadert. Und erst die Schwerkranken, die ich in der Notfallklinik gesehen habe! Dagegen kuriere ich eine Bagatelle aus. Mir fehlt nur der Sport. Und die Geduld. Sonst nichts.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, besinnliche Weihnachtstage, einen guten Rutsch ins neue Jahr und viele unvergessliche und unfallfreie Touren im 2013!

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