Ein eisiges Knacken, Brechen, Splittern

Diese Woche zur Kartause Ittingen und nach Frauenfeld (ZH/TG)


Margrit tut seit langem in meinem Wandergrüpplein «Fähnlein Fieselschweif» mit. Am Samstag, dem 1. Dezember, wartet sie am Bahnhof Ossingen auf uns. Diese Wanderung wird für sie, wie man zu sagen beliebt, ein Heimspiel werden: Sie wohnt ganz in der Nähe, in Thalheim an der Thur. Und sie ist im Thurgau aufgewachsen, in dem unsere Wanderung zum Gutteil spielen soll.

Schon ein wenig exzentrisch, unser Unterfangen, das die Kartause Ittingen zum Ziel hat: Es ist knapp unter null Grad, Schnee liegt, die Wege sind vereist. Und die Bise bläst. Anderseits weiss ich schon, dass und wo wir einkehren können. Das Zauberwort «Metzgete» treibt uns voran; Wirtschaft schlägt Unwirtlichkeit.

Höhenweg über der Thur

Wir kommen auf freies Feld, passieren später im Wald einen Grenzstein, sind somit nicht mehr im Kanton Zürich, sondern im Thurgau. Unser Weg zur Kartause zieht sich als Gerade gen Osten. Man darf von einem Weinweg reden, denn er führt durch viele Rebhänge. Zudem ist er ein Höhenweg, verläuft parallel zum Trog des Thurtals unter uns. Ein Panoramaweg wäre er auch. Freilich ist der Himmel bleigrau; keine Chance, den Alpstein zu sehen samt dem Meister der Ostschweiz, dem Säntis.

In Niederneunforn («Nieder-Nüfere») hat ein Bauer eben seine Schafe in den Weinberg getrieben. Jetzt macht er sich daran, einen Plastikzaun aufzustellen, während die Schafe schütteres Gras aus dem Schnee scharren. Schafe in einem Weinberg, ist das üblich? «Wir machen das hier so», sagt der Bauer.

Ich schliesse zu Margrit auf und frage sie, warum sie sich früher – ich habe das im Zug von Wanderfreundin Catherine erfahren – halb scherzhaft Otto nannte. Familientradition, sagt sie. Ihr Grossvater hiess so, der Thurgauer Bauernpolitiker und Nationalrat Otto Wartmann. Ihr Vater. Und ihr Bruder; er bewirtschaftet den Familienhof in Bissegg unweit von Weinfelden.

Jener Hof, der Holzhof, hat es in sich. Erstens wurde auf ihm vor 120 Jahren der erste Tilsiter der Schweiz produziert, nachdem sich ein früherer Wartmann, Käsehändler und natürlich auch ein Otto, in Ostpreussen hatte inspirieren lassen; Tilsit liegt in Ostpreussen. Und zweitens käst Margrits Bruder auf hohem Niveau und erhielt für seine im Rotwein und Trester verfeinerte Kreation «Bacchus» den Swiss Cheese Award 2012.

Der Soundtrack des frühen Winters

Ich bekomme Hunger. Gott sei Dank langen wir in Iselisberg an. In der Bauernwirtschaft «Aussicht» ist Metzgete, 20 Minuten später habe ich ein paniertes Kotelett vor mir, dazu Rösti und Apfelschnitze, göttlich! Margrit und Catherine essen Blutwurst, ebenfalls göttlich, sagen sie. Der Iselisberger ist kein Spitzenwein, aber trinkbar. Draussen im Gang, wo auf einem Tisch samt Kässeli Hofprodukte ausliegen, greife ich mir, als wir gehen, eine Kleinflasche Quittenschnaps. Kurz darauf hätte ich die grösste Lust, einen Schluck zu nehmen, gegen den Eiswind.

Die Kartause Ittingen ist eine Riesenanlage. Weil wir durchfroren sind, verweilen wir nicht lange. Ein Mann kommt aus dem Klosterladen, trägt eine Kiste Klosterbräu zum Parkplatz, jenes Bier, für das Ittingen berühmt ist. Wir aber steigen ab zur Thur, queren sie auf der Rorerbrücke und halten der kanalisierten Murg entlang zum Bahnhof Frauenfeld. Im Zug dann fällt mir ein, dass diese Wanderung einen eigenen Soundtrack hatte: das Knacken, Brechen, Splittern der Eispfützen auf den Feldwegen.

Route: Ossingen Bahnhof – Ausserdorf – Sangi – Schafbüel – Rebberg Niederneunforn – Trübelbach – Iselisberg – Althof – Kartause Ittingen – Rorerbrücke über die Thur – Murgkanal Bahnhof Frauenfeld.

Gehzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 220 Meter auf-, 240 abwärts.

Wanderkarte: 216 T «Frauenfeld», 1: 50 000.

Kürzer: Man kann die Wanderung bei der Kartause Ittingen beenden (Bus nach Frauenfeld). So dauert sie nur 3 Stunden.

Charakter: Angenehm, nur wenig Steigung und Gefälle. Sehr aussichtsreich bei gutem Wetter. Viele Weinberge. Circa 25 m Hartbelag, der Rest vorwiegend Natursträsschen und Feldwege.

Höhepunkte: Die Rebberge von Niederneunforn. Der Blick aufs Thurtal. Die Einkehr in der «Aussicht» Iselisberg. Die ehrwürdige Kartause von Ittingen.

Kinder: keine Probleme.

Hund: keine Probleme.

Einkehr: «Aussicht» Iselisberg, Di/Mi Ruhetag. Viele Hofprodukte. «Mühle» in der Kartause Ittingen, täglich geöffnet.

Bacchus-Käse: www.holzhof.ch mit Bestell-Link.

Privater Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

5 Kommentare zu «Ein eisiges Knacken, Brechen, Splittern»

  • Rainer Leicht sagt:

    Als Option kann ich einen kurzen Abstecher zum Barchetsee kurz vor Neunforn empfehlen (ca. 30 Min. mit Seeumrundung), zwar nahe einer Strasse, aber mit seinen schwimmenden Inseli speziell. Für den Sommerschwumm gibt’s dort auch einen Badesteg.

    Ansonsten danke für die schönen Wander- und Beizlitips.

  • Liebe/R) U. Knecht, das Stück hinab nach Frauenfeld ist nicht übel, man ist an der Murg doch relativ abseits von Asphalt und Häusern, ich war wirklich angenehm überrascht.

  • U. Knecht sagt:

    Schöne Wanderung, auch im Herbst zur Zeit der Weinlese. Nur das letzte Stück nach Frauenfeld Bahnhof müsste nicht sein.

  • hallo thomas

    danke für deinen interessanten wandertipp.
    deine wanderungen beinhalten viel, und sind immer sehr abwechslungsreich.

    werde das auf jedenfall mal angehen.
    ich wünsche allen schönes winter wandern…

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Philipp Ritterfeintrinkermann sagt:

    haben sie ein ittiger-klosterbräu probiert!?

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