Auf der Fährte von Grenzgängern und Wildschweinen

Diese Woche zur alten Abtei von Lucelle (Kanton Jura/Frankreich)


Mathias, Nicole und ich nehmen in Pruntrut den Bus. Eine Viertelstunde später sind wir in Miécourt JU. Vor der Post steht reglos eine Zwergin. Ansonsten sehen wir vorerst keinen Menschen, das Gefühl der Unwirklichkeit schwindet erst über einem Kaffee im «Cigogne».

Kalkstein und Grenzsteine

Der Wanderweg führt uns grenznah Richtung Roc au Corbeau. Bald sind wir im Wald und gehen in den nächsten zwei Stunden immer wieder mal auf französischem Territorium. Schlüpfriger weisser Kalk und glänzendes Stechlaub prägen den Abschnitt. Tückisches Geröll unter dem Laub. Und Aberdutzende von Grenzsteinen. Auf einigen ist, verwittert und kaum noch zu erkennen, der Berner Bär eingemeisselt; der Kanton Jura hat sich bekanntlich erst 1979 vom Kanton Bern gelöst.

Auf dem Roc au Corbeau treten wir vorsichtig an die Kante, schauen in die Weite nach Norden: Frankreich liegt uns zu Füssen. Das gewaltige weisse Bogendach weit hinten links befindet sich aber auf Schweizer Gebiet; das muss die Deponie Bonfol sein, in der die Basler Chemie und andere ihren toxischen Müll abgeladen haben. Mittlerweile läuft die Sanierung für mehrere hundert Millionen Franken. Die Halle mit dem markanten Dach soll verhindern, dass bei der Beseitigung des Abfalls Schadstoffe entweichen.

Ein Winkel für Flüchtige und Mönche

Bald passieren wir das einsame Gehöft von Les Ebourbettes samt einem lindgrün getünchten Hüttchen. Nein, das ist kein schwedisches Badehaus, sondern eine Andachtsstation ohne Kapellentürmchen. Eine Inschrift auf einem Stein erzählt, dass am 22. April 1942 hier der General Giraud wieder französischen Heimatboden erreichte. Henri Honoré Giraud war ein hoher Militär, ein Gegenspieler von General De Gaulle. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde in Sachsen interniert, seilte sich aus der Festung ab und schaffte es trotz der Fahndung durch die Gestapo zurück nach Frankreich.

Bald darauf sind wir in Lucelle, einem Kleinstweiler auf der Grenze. Der Name geht auf die Lützel zurück, die hier zu einem See gestaut wurde. 1124 liessen sich Zisterzienser in diesem Winkel nieder und gründeten eine Abtei. Deren Geschichte ist so verzweigt, dass ich lieber gar nicht damit anfange, sie auszubreiten. Ein Detail von einer Infotafel: Die Mönche assen abwechslungsreich: Fisch, Frosch, Biber, Ente, Karpfen.

Achtung, Jagdsaison!

Die Kirche des Klosters ist abgetragen, die Abtei stillgelegt, das Konventsgebäude ein Begegnungszentrum. Dessen Restaurant, eine Riesenstube, ist offen. Wir treten ein und werden unserer Verdrecktheit zum Trotz nett bedient. Mathias bekommt ein unsaures Sauerkraut, Nicole Ossobuco mit verkochten Spaghetti und ich eine gute und stattliche Forelle. Doch wir alle schätzen das Restaurant gleichermassen. Man ist in der kalten Jahreszeit dankbar, wenn man einkehren darf.

Die zweite Etappe Richtung Bourrignon ist so lang wie die erste. Wir steigen auf zum Ziegelkopf und geniessen den Juragrat hinüber zur Grande Roche, die wieder viel Aussicht offeriert. Die letzte Stunde ist hernach gefährlich. Im Wald wird geschossen, ich rufe mehrmals laut, um uns den Jägern anzuzeigen. Nach der Grande Roche sehen wir auf einer Lichtung vor uns neun Wildschweine. Eins hinter dem anderen preschen sie in dreihundert Metern Entfernung davon, queren den steilen Hang, verschwinden im Wald. Ein Schuss fällt. «Da waren’s nur noch acht», murmle ich zu mir selber.

**

Route: Miécourt (Bus von Pruntrut) – Mont de Miserez – Roc au Corbeau (auch: Roc du Corbeau) – Les Ebourbettes – Lucelle – Ziegelkopf – Grande Roche – Les Plainbois – Bellevue – Mont – Bourrignon (Bus nach Delémont).

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 700 Meter auf-, 410 abwärts.

Wanderkarte: 214 T «Liestal», 1: 50 000. Mancherorts ist der Weg mangelhaft bezeichnet, die Karte wird also gebraucht.

Sicherheit: Um diese Jahreszeit nicht allein losziehen, die Gegend ist einsam. Wenn es nass ist oder Schnee liegt, eignet sich die Route nicht; der Kalk ist schlüpfrig, manche Passagen einigermassen steil.

Charakter: Herrlicher, menschenleerer, grenznaher Jura. Schöne Aussichtspunkte. An manchen Orten steile, an anderen sehr schmutzige Wege.

Höhepunkte: Der Blick vom Roc au Corbeau nach Frankreich. Die vielen alten Grenzsteine. Der verwunschene Herrgottswinkel von Lucelle mit der alten, aufgehobenen Abtei.

Kinder: Einige Male geht man nah an gefährlichen Graten.

Hund: Gut machbar.

Einkehr unterwegs: Das Relais de l’Abbaye in Lucelle (F). Mo geschlossen, www.cerl-lucelle.fr. Am See von Lucelle bekommt man auch im Motel Noirval (CH) etwas zu essen. Mo, Di geschlossen. www.juragourmand.ch/motel-noirval.htm

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Beliebte Blogbeiträge

12 Kommentare zu «Auf der Fährte von Grenzgängern und Wildschweinen»

  • hallo thomas

    danke für den interessanten tipp.
    ich werde diese route auf jedenfall angehen.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Lieber Herr Müller, ich weiss, wo der Petit Kohlberg liegt; aber da Herr Buser mir eine Beiz empfiehlt, die es nicht mehr gibt, dachte ich mit meinen rudimentären Ortskenntnissen, er meine vielleicht ebendiesen Petit Kohlberg. Herzlich, TW. PS: Tourismusbüro? Ernsthaft? Meine Erfahrung ist: Die kennen nur die 08/15-Wanderungen.

  • Lieber Herr Buser, Wandern ist ein Abenteuer. Wie will ich zum Voraus wissen, ob man besser in M oder in C aussteigt und losläuft? Es gibt Gegenden, die sind gut dokumentiert, andere – wie diese – praktisch gar nicht; Vorbereitung war also kaum möglich. Welche Auberge am Zoll meinen Sie? Das Petit Kohlberg? Die hatte Betriebsferien. Was ich gar nicht mag: den Vorwurf des Egotrips. Freundlichen Gruss, TW.

    • Nicolas Müller sagt:

      Lieber Herr Widmer
      So undokumentiert ist diese schöne Region auch wieder nicht! Dann gibt es noch das Tourismusbüro und auch die jurassischen Behörden helfen gerne weiter – aber eben leider nur auf französisch. P.S. Petit Kohlberg liegt aber arg weit vom Schweizer Zoll in Lucelle weg.
      Noch ein Tipp – wandern Sie mal in mehreren Etappen von der Hochebene von Bourrignon über Les Ordon nach St. Ursanne – dem Doubs entlang und dann hoch nach Le Noiremont und weiter nach La Chaux de Fonds.

  • Martin Buser sagt:

    Kenne diese Gegend wie mein Portemonnaie, habe aus Natur schon oft bewandert, becycled oder beritten, wohne auch heute nicht weit weg. Habe aber schon paar Mal festgestellt, dass dieses Schreiber-Trio nicht den natürlichen Wegen nachgeht, sondern immer unmögliches für Ihr Ego tun müssen. Dies ist nicht sehr schlimm, aber wenn man solche Ego-Trips den andern als Vorgabe verkauft, dann eben schon. Noch nie wäre es mir in den Sinn gekommen, das Postauto schon in Miécourt zu verlassen, wenn man bis Charmoille fahren kann. Zudem ist die Sicht Schattseitig bis zum „Domaine de Mont-Lucelle“ schöner als auf der Gegenseite. Die Wahl der 3 Restaurants fiel auf das falsche, konnten die Autoren nicht wissen, die Küche der Auberge am Zoll ist das beste. Von Lucelle käme es mir nie in den Sinn nach Bourrignon zu laufen, sondern entweder über die wunderschöne Côte de Mai nach Pleigne (Orchideen-Einod) oder gar lieber über Lai Prîrre, Moulin de Bavelier, Ferme de Bavelier nach Movelier. Für andere wirre Irrläufe würde ich den Autoren gerne behilflich sein, ihnen einen für viele einen gediegenen Weg zu finden. Auch auf meinem Weg sehen Sie Wildschweine und Grenzgänger …

    • Yoo Pa Dy Dooda sagt:

      Her Buser, dies genau ist auch mein Wanderweg, den im Artikel beschriebenen habe ich so noch nie gemacht und Essen tun wir immer unterwegs in der freien Natur (mit 70 jaehrigem Meta Kocher). Aber die Restaurantempfehlungen werden wir uns ev. teilweise zu herzen nehmen. Wir sind ehemalige Radiowanderer: Wanderschuhe, rote Socken, Rucksack und Berglerhut mit Edelweiss.

    • Nicolas Müller sagt:

      Lieber Herr Buser
      Ihre Alternativrouten sind wirklich um Welten besser. Nur zur Info die Auberge de Lucelle (beim Zoll) ist seit einiger Zeit geschlossen und die frittierten Karfpen oder das Schweinsfillet im Relais de l’Abbaye sind wirklich gut.

    • Christopher Ebnöther sagt:

      Muss Martin Buser recht geben. Wir leben seit zehn Jahren in Bonfol und sind viel zu Fuss unterwegs. Auch wir würden kaum von Lucelle nach Bourignon weitergehen. Zudem fehlt mir die Erwähung des Chateau de Morimont welches vom
      Roc au Corbau aus wunderbar bestaunt werden kann. (ein geschichtsträchtiger Ort in der Geschichte der Ajoie)

      Auf der anderen Seite muss ich auch Herrn Widmer recht geben denn als „Auswärtiger“ kann man unmöglich alle Geheimtips der jeweiligen Gegend kennen.

  • Philipp Rittermann sagt:

    puuhhh herr widmer – da haben sie aber glück gehabt. neben wildschweinen lauern im jura nämlich die seperatisten den wanderern auf! eigentlich sollte man den jura den franzosen verschenken; da die jurassier der französischen mentalität näher stehen als der unsrigen. (die essen ja u.a. auch frösche….).

    • Jutta Maier sagt:

      Herr Rittmann, sie gehören wohl zu den Puristen, die alles, was nicht der Souvenirladenschweiz entspricht, auslagern möchte. Ich bin jedenfalls ganz froh um die jurassischen Eigenbrötler, verdanken wir ihnen doch einen grossen Flecken Schweiz, der noch den Schweizern gehört: auf hiesigen Streifzügen findet man keine Busladungen voller kamerabeladener Touristen, keine Vergnügungsparks und keine überrissenen Preise. Die Toleranz, die ich hier erlebe, ist den Ballungszentren der Schweiz schon lange abhanden gekommen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.