«Ich bin nur der Hofnarr», sagte der Bauer

Diese Woche Chessiloch und Kaltbrunnental (BL/SO)


Die Zugfahrt ab Basel dauert eine Viertelstunde, schon sind wir in Grellingen. Beim Aussteigen fällt mir ein, dass ich kürzlich ein antiquarisch erworbenes Buch las: Paul Zinslis «Ortsnamen» von 1971. Dieses solide Stück Schweizer Volkskunde hat mir beigebracht: Endet ein Ort auf -ingen, deutet das auf die frühe alemannische Landnahme. Vorgestellt ist der Endung dann jeweils der Name des Sippenführers, der die Besiedlung initiierte. In Grellingen war es ein gewisser Grello.

Wir queren die Schienen, wandern in den nächsten 20 Minuten bahnnah und auch nah der Birs, bis wir zu einer durch Felsfluhen verengten Passage kommen. Schon sind wir wieder in der Historie. Das Chessiloch ist eine Höhle, in der bereits vor 14 000 Jahren Menschen hausten. Wer einen Familienausflug plant: Grillecke vorhanden; herrlich kann man auf dem Areal mit Kindern Vorzeit spielen. Reizvoll die Rampe in der Felswand hinauf zu einem Übersichtspunkt ein paar Meter über dem Boden – Vorsicht aber mit den Kindern!

Kriegsnostalgie

Wappen prägen den Platz. Im ersten Weltkrieg bewachten Soldaten die strategisch wichtige Stelle, an der die Eisenbahn die Birs quert. Sie biwakierten, warteten auf den Feind, langweilten sich, hatten Heimweh – und hinterliessen Zeichen: Wappensteine und in den Fels geritzte Wappen, unbeholfen ausgeführt und umso berührender. Da ist zum Beispiel ein Schweizer Kreuz. Im Querbalken steht: «Bern». Und darunter: «LdW Schützen 131 Komp. III, 1917».

Ein Tipp an alle, die es mögen, wenn Vergangenheit performiert respektive nachexerziert wird: Morgen Samstag sind beim Chessiloch wieder Erst-Weltkriegs-Soldaten anzutreffen, im Rahmen des Chessilochmarsches, einer Gedenkveranstaltung des Vereins «Rost & Grünspan». Dessen Mitglieder wollen die Geschichte der Schweizer Milizarmee lebendig halten und uniformieren sich für den Marsch mal kurz wie ihre Vorväter.

Höhlen und Hügel im Alemannenland

Wir bogen ins Kaltbrunnental ein, Adieu Birs! Die folgende Stunde war grossartig. Das enge Tal, eigentlich ein Tobel, ist von Kalkwänden begrenzt, und wir sahen immer wieder Höhlen; die bekannteren tragen Namen wie «Heidenküche» und «Kohlerhöhle». Mich katapultierte die Gegend zurück in meine Kindheit. Die Räubermoritat «Rinaldo Rinaldini» im Fernsehen fiel mir ein; nie verpasste ich damals Anfang der Siebzigerjahre eine Folge. Der Mantel-und-Degen-Stoff hätte gut auch im Kaltbrunnental gedreht werden können.

Später zogen wir durch exquisites Hügelland. Via den Weiler Roderis erreichten wir Nunningen, das – danke, Herr Zinsli! – auf den Alemannen Nunno zurückgeht. Wir tranken etwas, streiften im folgenden die Flanken gleich dreier imposanter Hügel: Buechenberg, Brand, Homberg. Dann unser Essziel: der Eigenhof, ein Pferdehof mit rustikalem Restaurant. Meine Rösti war hervorragend. Und endlich der Abstieg nach Grellingen; die Rundroute, so mein Fazit, lässt an Abwechslung und Schönheit nichts zu wünschen übrig.

Zum Schluss eine Anekdote: Auf dem langen Marsch trafen wir einen Bauern auf seinem Hofplatz. Er begann gleich zu sirachen, klagte über den Besitzer der Liegenschaft, einen reichen Städter, der ihm das Leben schwer mache. Und auch über einen schikanösen Architekten jammerte er. Am meisten in Erinnerung bleibt mir freilich die Antwort auf unsere Eingangsfrage, ob der Hof ihm gehöre: «Nein! Ich bin nur der Hofnarr!»

Route: Bahnhof Grellingen – Chessiloch – Kaltbrunnental – Roderis – Oberkirch – Nunningen – Dietel – Unterackert – Eigenhof – Im Stollen – Grellingen.

Gehzeit: 6 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: Je 720 Meter auf- und abwärts.

Spaziergang: Nur von Grellingen zum Chessiloch und retour in einer knappen Stunde. Schöne Rast- und Grillstelle bei der Höhle.

Wanderkarte: 5029 T «Basel Laufen Olten» (Zusammensetzung), 1: 50 000.

Charakter: Höhlen und Historie beim Chessiloch und im Kaltbrunnental. Hernach grüne Hügellandschaft. Einigermassen anstrengend durch die Länge und das viele Auf und Ab. Wer nicht mehr mag, kann in Nunningen abbrechen.

Höhepunkte: Die Weltkriegswappen beim Chessiloch. Die Höhlen im Kalkstein. Die Erotik der Hügel. Die Einkehr im Eigenhof.

Hund: Machbar, aber weit.

Einkehr: Restaurants in Nunningen. Der Eigenhof am Wanderweg (Gemeinde Seewen). Ruhetag Do.

Chessilochmarsch: Der Verein Rost & Grünspan marschiert jährlich in historischen Uniformen von Grellingen via Chessiloch nach Laufen zum Wehrmännerdenkmal. Dieses Jahr am 10. November (Samstag). Abmarsch am Bahnhof Grellingen 8.15 Uhr. Pause beim Chessiloch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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1 Kommentar zu ««Ich bin nur der Hofnarr», sagte der Bauer»

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