Ich lugte von der Lueg

Diese Woche von Wynigen nach Lützelflüh (BE)


In Wynigen kehre ich als erstes ein; gegenüber dem Bahnhof nehme ich beim Bäcker Meier einen Kaffee und einen Nussgipfel. Dann der eigentliche Wanderstart. Auf dem Gang ins und durchs Dorf erfreuen mich habliche Häuser. Das Feuerwehrdepot ist schnuckeliges Altertum der Moderne. Und die Kirche, die Romanik, Spätgotik und Barock kombiniert, ein Stück Literaturgeschichte. In ihr wurde 1833 Jeremias Gotthelf mit Henriette Zeender getraut; die beiden hatten dann drei Kinder.

Ich biege rechts ab, es geht aufwärts und an ein paar Einfamilienhäusern vorbei aus dem Ort. Bald ist das Szenario vollends ländlich: Wiesen, Wald und immer wieder einmal ein Bauernhaus wie aus einem Bildband, Herrlichkeit in Holz. Kontinuierlich gewinne ich im folgenden Höhe, erkenne im Rückblick den Riegel des Weissensteins, komme schliesslich zu einer Strasse und einem Flurpunkt namens «Diebstu». Wurde hier gestohlen? Und wenn ja, wer war der Dieb?

Das Emmental zu Füssen

Der Landgasthof Lueg erweist sich als Etablissement gediegener Gastronomie; auf dem Parkplatz steht ein Jaguar. Ich bin nicht hungrig, habe zudem ausnahmsweise ein Sandwich dabei und zottle weiter. Eine Viertelstunde darauf bin ich auf der Lueg, wo man tut, was ihr Name propagiert: lugen. In die Landschaft schauen, von der einem dieser Hoger reichlich serviert. Das Emmental liegt mir zu Füssen. Vor mir aber ragt ein trutziges Denkmal auf, das an die Berner Kavalleristen gemahnt, die gegen Ende des ersten Weltkriegs an der Spanischen Grippe starben. Ein Mann im Kühermutz – schwarzer Samt mit roten Borten – ist gerade daran, sein Alphorn auszupacken.

Erinnerungen überkommen mich. In den frühen neunziger Jahren war ich Journalist in Bern. An schönen Sommertagen beeilten wir uns auf der Redaktion sehr, mit der Arbeit so gegen sechs Uhr abends fertig zu sein. Einer oder zwei Leute eilten in den nächsten Laden, kauften Würste, Pommes Chips, Rotwein, Bier. Und dann rasten wir, zu fünft, sechst, siebt, im Auto auf die Lueg, wo wir grillierten, tranken und den Namen jenes Redaktionsfotografen in die Nacht brüllten, von dem wir wussten, dass er irgendwo unter der Lueg wohnte. Das war nicht böse gemeint oder blöd oder aggressiv, sondern spassig. Ob der Kollege uns je gehört hat? Keine Ahnung.

Empfehlenswertes Gotthelf-Museum

Ich zog weiter und erreichte bald Affoltern. Hier hätte ich wieder einkehren können, doch da war mein Sandwich. Ich rastete auf dem Gelände der Schaukäserei, ass – und schon zog es mich wieder fort.

Lange wanderte ich hernach auf einem schönen Hochplateau, hatte Alpenblick, genoss das sehr und erblickte immer wieder mal einen Bauern beim Mosten. Dann der Abstieg nach Lützelflüh. Dort traf ich wieder auf Jeremias Gotthelf, der also diese Wanderung sozusagen rahmt. Bei der Kirche ist er, der eigentlich Albert Bitzius hiess und in der Gemeinde 22 Jahre lang Pfarrer war, begraben. Wen die gewaltige Dichtergestalt interessiert, der muss, bevor er zum nahen Bahnhof zieht, das Jeremias-Gotthelf-Zentrum besuchen. Das neue Museum, im Pfarrhaus neben der Kirche untergebracht: eine Einrichtung frischen Geistes. Nicht als Retrofigur im Emmentaler Agraruniversum zeigt sie Gotthelf, sondern als hellwache Figur, die schreibend erfasste, wie die Industrialisierung diese Bauernwelt veränderte. Doch, ich empfehle den Besuch!

Route: Wynigen Bahnhof – Wynigen Dorf – Winiholz – Schwande – Leumberg – Diebstu – Restaurant Lueg – Luegdenkmal – Affoltern – Büelfeld – Egg – Elleberg – Lützelflüh Dorf – Lützelflüh Bahnhof.

Gehzeit: 4 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 490 Meter auf-, 440 abwärts.

Wanderkarten: 233T «Solothurn» und 234 T «Willisau», beide 1: 50 000.

Kürzer: Wanderende in Affoltern. 2 1/2 Stunden. 410 Meter auf-, 140 abwärts.

Charakter: Emmentaler Bauernland. Angenehme Wanderung, nur wenige etwas steilere Passagen. Viel Aussicht.

Höhepunkte: Der Ausblick von der Lueg. Die Emmentaler Bauernhöfe. Das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Einkehr in den Dörfern. Und im Landgasthof Lueg, www.lueg.ch, kein Ruhetag.
Gotthelf: Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh, www.gotthelf.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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10 Kommentare zu «Ich lugte von der Lueg»

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