Hinauf zu trutzigen Burgen

Diese Woche im Oberhalbstein (GR)

Frühmorgens reiste ich ins Bündnerland. Das Postauto von Chur nach Savognin steuerte ein Schlesier, der daneben deutsche Reisebusse lenkt; er wohne halb in Laax bei einem Freund, halb in München, entnahm ich einem Gespräch. Wie auch den Spruch: «Ich komme, wenn sie mich rufen. Wie James Bond.»

«Renne, renne, widerlicher Käfer!»

In Savognin tat ich dreierlei. Erstens: Ich kaufte mir in der Apoteca Son Mitgel eine Gliedersalbe Dolo-Calm. Dergleichen kann ein Wanderer immer brauchen. Zweitens: Ich nahm im Café Casparin einen Kaffee. Und drittens: Ich betrachtete, wieder draussen, ausgiebig die Berge rundum; man stelle sich die folgende Wanderung in einer splendiden Alpenkulisse vor.

Ich ging zur Julia, Gelgia auf Romanisch, und ihr entlang abwärts. Da war bald ein Seelein, der Lai Barnagn. Und eine rosarote Tafel, Teil eines Poesiewegs. Ein Gedicht begann so: «Corra, corra, antipatic bau/ ampestond e sdivirond!» Zu Deutsch: «Renne, renne, widerlicher Käfer/ mit viel Lärm und mit Gestank!» Die Zeilen stammen von Pater Alexander Lozza, 1880–1953. Der legendäre Pfarrer in Salouf war auch ein Dichter. Und ein berüchtigter Wilderer. «Die Tiere gehören nicht dem Kanton», pflegte er zu sagen. Sein Flobert-Gewehr versteckte er gern im Regenschirm.

Bündner Freiheitsheld

Mühelos gelangte ich, nach Querung der Julia, hinauf nach Riom. Es begrüsste mich die Trutzburg Rätia Ampla. Eine Gedenktafel erinnerte an Benedetg Fontana. Dieser Adlige war vor 500 Jahren der Vogt der Gegend und wegen seiner Resolutheit respektiert. Einen kommunalen Grenzstreit schlichtete er, indem er sein Schwert in den Boden rammte und rief: «Cò è’l igl cunfegn!» – «Hier ist die Grenze!» 1499 kam er in der Schlacht an der Calven um und wurde darob zum Bündner Freiheitshelden; mehr darüber heute in meinem Wanderblog.

Riom: ein Dorf mit herrlichen alten Häusern. Hernach ein grosser Auftritt der Natur: Den Weg zum nächsten Hangdorf, Salouf, versperrt das Tobel des Adont, dessen bröckelnde Stein-Fels-Flanken an die berühmte Ruinaulta-Schlucht erinnern. Über eine Brücke erreichte ich sicher die andere Seite. Salouf streifte mein Weg nur. Dann Pulens, ein wenig verunstaltet durch die Ferienhäuser. Dann Del, klein und herzig. Dann Mon, ziemlich klein und herzig.

Faulenzer-Capuns mit Fernblick

In Mon kam ich zum Restaurant Avant-Porta. Im Fenster stand ein Schild, wonach Kurt und Magi ökologisch kochen. Ich trat ein, setzte mich ans Fenster, sah tief unten das Albulatal, bestellte die «Faulenzer-Capuns», einen Gratin mit Käse, Pizokeln, Salsiz, Mangold. Er war hervorragend. Später «gschprächlete» ich ein wenig mit der Wirtin, einer Aargauerin. Es sei nicht einfach, hier oben durchzukommen, sagte sie. Doch der Fernblick sei herrlich. Im Frühling blühten auf den Wiesen Türkenbund und Frauenschuh. Einen Wiedehopf habe sie auch schon am Fenster gehabt.

Ich zahlte und ging. Unterhalb von Mon passierte ich «Sankt Cosmas und Damian»; die Ursprünge dieses burgähnlichen Gotteshauses reichen 1000 Jahre zurück, der Turm ist doch immerhin über 600 Jahre alt. Hernach stieg ich einsam, doch auf gutem Weg endgültig ab nach Tiefencastel im Tiefstherbst. Dort, wo die Julia in der Albula endet, war der Grund mit Raureif bedeckt und vereist, der Ort selber ein Schattenloch. Man erträgt diesen Hades aber mit Leichtigkeit nach einer derart schönen und sonnenreichen Strecke.

Route: Savognin Post – Weg rechts der Julia – Brücke nach Riom – Riom – Brücke über den Adont – Salouf – Pulent – Del – Mon – Kirche Sankt Cosmas und Damian – Tiefencastel Dorf – Tiefencastel Bahnhof.

Gehzeit: 4 Stunden.

Höhendifferenz: 440 Meter auf-, 770 abwärts.

Wanderkarte: 258 T «Bergün/Bravuogn», 1: 50’000.

Kürzer: Man spart eine Stunde Gehzeit, wenn man in Mon den Bus nach Tiefencastel nimmt. Allerdings gibt es nur wenige Kurse: Fahrplan studieren!

Charakter: Dörfer mit viel Historie und Kultur. Sanftes Wandern auf einer Sonnenterasse. Einzig der Abstieg Mon – Tiefencastel ist ein wenig ruppig und kann im Spätherbst glitschig sein.

Höhepunkte: Die Weite des Oberhalbsteins mit den hohen Bergen rundum. Die Burg von Riom. Das Gewaltstobel des Adont. Der Tiefblick von Mon hinab ins Albulatal.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Sehr empfehlenswert ist das Avant-Porta in Mon. Ruhetag Mo/Di. 081 637 04 56. Küche mit ökologischen Produkten, nette Leute, wenige Zimmer – idealer Genuss- und Rückzugsort.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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2 Kommentare zu «Hinauf zu trutzigen Burgen»

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