Unter Nikes Bewegungsdiktat

Ein Gastblog von Christian Lüscher*.

Ein Gadget motiviert und stachelt den Konkurrenzkampf an: Die Tester rennen um sogenannte Fuelpunkte.

Ein Gadget motiviert und stachelt den Konkurrenzkampf an: Die Tester rennen um sogenannte Fuelpunkte. (Foto: Rod Kommunikation)

Das runde schwarze Dings an meinem Armgelenk ist aus technischer Sicht eine kleine Wundermaschine. Es misst den Kalorienverbrauch, zählt die Schritte, die ich gehe, dokumentiert meine Bewegungen mit Hilfe eines Beschleunigungsmessers, und ein Farbcode – von rot bis grün – zeigt an, wie sich diese Werte zum definierten Tagesziel entwickeln. Das Dings hat einen Namen: Fuelband.

Es ist das neuste Supergadget aus dem Haus Nike. Es soll den Konzern in eine neue Ära führen. Statt «Just do it» heisst das neue Motto «Game on, World». Dahinter steckt die Idee, aus der Welt eine Art Spielplatz zu machen. Das Fuelband ist – wenn man so will – die Spielkonsole. Es zeichnet die Aktivität eines Menschen auf (Game), vergleicht Werte (Scores), interpretiert sie (Progress) und übermittelt sie an die Internetcommunity (Ranking). Im Zentrum steht der Wert Fuel (zu Deutsch Treibstoff), eine Art virtuelle Währung.

Wettkampf im sozialen Netz

Das Gadget zeigt 6500 sogenannte Fuelpunkte an. (Foto: Nike)

Das Sport-Gadget zeigt hier die sogenannten Fuelpunkte an. (Foto: Nike)

In dieser neuen Ökonomie geht alles um Fuelpunkte. Die Regel ist einfach: Wer sich mehr bewegt und ausdauernd trainiert, sammelt mehr. Und das ist entscheidend, ist man auf der Communityplattform Nike+ mit einer gewissen Ernsthaftigkeit dabei. Da vergleicht man sich mit Kollegen und studiert ihre Werte. Das Suchtpotenzial ist enorm, der Datenvoyeurismus kaum zu bändigen. Nach dem Joggen logge ich mich mehrfach ein und schaue, wie meine Kollegen sich im sportlichen Alltag so schlagen. Ich sehe, dass Sabrina mit ihrem Zumbatraining ihren Fuelschnitt regelmässig über die 5000er-Marke katapultiert. Ich sehe, dass Reto abends eine halbe Stunde läuft, sonst aber im bewegungsarmen Büroalltag gefangen ist. Und ich sehe mir die Daten von Daniel an, der das Band wohl nicht aus sportlichen sondern ästhetischen Gründen gekauft hat.

Doch der abendliche Vergleich in der Community ist mir nach einer Weile nicht genug. Es reizt mich mehr. Es reizt mich die Idee eines direkten Duells. Ein knallharter Kampf um jeden einzelnen Fuel. Am besten mit einem ebenbürtigen Gegner, denn nichts spornt einen mehr an, als der direkte Vergleich mit einem Kontrahenten. Ein Gegner ist auf Nike+ schnell gefunden: David, ein Zürcher Werber. Auf dem Papier sieht alles perfekt aus: Ausdauersportler gegen Kraftsportler, Boxer gegen Hockeyaner. Regeln gibst keine. Es zählt einzig die Summe der Fuelpunkte nach acht Tagen. Der Wettkampf beginnt:

Tag 1
3600 Fuelpunkte macht ein Durchschnittssportler im Alter von 25 bis 29 Jahren. Das gibt Nike als Richtwert durch. Um diesen Wert zu erreichen, ist einiges an Einsatz gefragt. Wer im Büro arbeitet, bringt es am Ende des Tages auf etwa 1000. Deshalb gehe ich aus Prinzip alles zu Fuss. Das Benutzen des Aufzugs ist verboten. Gleich zu Beginn unseres Duells treffen wir uns zum Boxtraining. Eine Stunde quälen wir uns mit Liegestützen, Situps und Schattenboxen ab. Nach einer Stunde Training liegt David mit rund 1200 Fuelpunkten voraus. Abends bessere ich meine Bilanz mit Unihockey auf. Ich spurte, versuche an jeden Ball zu kommen, lasse mich selten auswechseln. Der Tagessieg gehört mir. David kommt auf 5200 Punkte. Ich auf 6100.

Tag 2
Die Zahlen haben mich voll im Griff. Ständig checke ich die Werte ab. Ich will schon morgens aus der roten Zone, akzeptiere nur grün. Wenn ich nur im Büro sitze, verbrenne ich kaum Kalorien. 50 Fuelpunkte gehts pro Stunde vorwärts, zu wenig. Ein SMS von David um halb neun setzt mich enorm unter Druck. «Schon 2500 Fuels», lese ich auf dem Display. Er war bereits um 6 Uhr auf den Beinen, bei perfekten Wetter legte er einen 8-km-Lauf am Basler Rheinhafen hin. Um aufzuholen, entscheide ich mich über Mittag für ein Lauftraining. Vorwärts komme ich allerdings nicht. Durch die vielen Stop-and-Gos im Strassendschungel Zürich komme ich gerade mal auf 1500 Punkte. David hat die Marke von 3000 längst geknackt. Angetrieben von der Angst, eine Schlappe einzufangen, gehe ich abends nochmals laufen. 10 Kilometer sind mein Ziel, das Tempo bewusst hoch. Die Bilanz lässt sich sehen. Ich schliesse mit 5500 ab. David gibt 5200 durch. Obwohl ich in Führung liege, zeichnet sich ein Kopf an Kopf Rennen ab. So viel ist klar.

Tag 3
Meine Beine sind müde. Die Oberschenkel schmerzen. Die Belastung in den letzten beiden Tagen war zu viel. Wenn das so weiter geht, bin ich in fünf Tagen ein Wrack, sage ich mir. Jetzt heisst es regenerieren. Meine Strategie: Den Gegner leicht in Führung gehen lassen, um dann im entscheidenden Moment zuzupacken. David hingegen gibt Vollgas. 90 Minuten Boxtraining absolviert er über Mittag. Das Sacktraining haut buchstäblich Fuel drauf. Der Tag endet für ihn mit 5435 Fuel. Mein Faulenzen kostet mich die Führung. Ich liege mit 3500 Punkten klar zu tief, vergebe die Führung. So schnell gehts.

Tag 4
Ich bin immer noch müde. Ich schlafe länger, brauche immer noch Erholung. Aber auch David spürt das Duell in den Knochen. Seine Tage beginnt er jeweils früh, bewegt sich morgens mehr und hetzt von einem Kundentermin zum nächsten. Um Mitternacht zählt sein Fuelband 5462. Ich hingegen kam nicht so recht auf Touren. Mein Fuelband zeigt 2600. Der Einbruch drückt aufs Gemüt. Die Motivation wäre ja da, der Körper streikt. Es muss sich was ändern.

Tag 5
Jetzt heisst es aufholen. Alle Kräfte müssen mobilisiert werden. Ich geh morgens vier Kilometer joggen. Mittags nochmals acht Kilometer, mache Hanteltraining, poliere die Bilanz mit Seilspringen auf und putze die Küche. Der Wert steigt. Um 16 Uhr habe ich einen Traumwert von 4300 Fuel. Und David? Auch er legt sich ins Zeug. Nach dem Meeting mit seinem Geschäftspartnern in Zürich joggt er 7,6 km zurück nach Kilchberg. Das Ausschlafen kostete ihn allerdings wertvolle Punkte. 24:00 Uhr heisst es Abrechnung: Ich schick ihm ein Bild meiner Anzeige: 6000. I am back. Das Rennen ist wieder offen. Zu meiner Überraschung kommt er auf einen Tageswert von 4325.

Tag 6
Jetzt ist klar warum. Am Telefon erklärt er mir, dass auch er müde ist. Was wir an Fuels sammeln, kommt der Aktivität eines Extremsportlers nach. Davids Tag beginnt spät. Wieder verschläft er wertvolle Fuelpunkte. Ich sehe meine Chance gekommen. Ich entscheide mich für den Lauf der Woche. Die magische Grenze von 8000 Punkten schwebt mir vor. Ich laufe auf den Uetliberg – plus 1000 Punkte. Jogge zur Felsenegg und wieder zurück – plus 3000 Punkte. Sprinte auf den Turm – plus 300 Punkte. Und jogge gemütlich wieder nach Hause – plus 2000 Punkte. Abends bin ich noch voller Energie. Ich entscheide mich für einen lockeren Lauf: Plus 1300 Punkte. Um Mitternacht steht 8080 auf meiner Anzeige. War das der Sieg? David schreibt mir eine SMS. Der Schock: 3906. Das wars.

Tag 7
Meine Taktik scheint aufgegangen zu sein. Nun nicht locker lassen. David und ich treffen uns zu einer zweiten Direktbegegnung. Joggen entlang der Sihl. Wir machen einen 5-km-Lauf. Beide konnten wir den Tag durch wenig Fuel sammeln. Wir joggen locker. Doch ich spüre das linke Bein, mein gestriger Husarenstreich hat mich körperlich ans Limit gebracht. Trotzdem schenken wir uns nichts. Die kompetitive Komponente des Fuelbands gipfelt darin, dass es nicht mehr nur darum geht, wer das höchste Fuel einfährt. Sondern auch darum, wer der Schnellere ist: Wie die Irren jagen wir im Schlussspurt die Bürglistrasse runter. David gewinnt klar. Real hat er mich abgehenkt. Virtuell bin ich immer noch in Front.

Tag 8
Zwar konnte David den Abstand verringern. Doch nach meinem Kassensturz bin ich nur noch 1000 Punkte in Führung. Zu einem Fuelshowdown kommt es nicht. Er muss sein dienstägliches Boxtraining wegen eines Meetings sausen lassen. Tatsächlich kommt er um Mitternacht nur auf 4130 Fuel. Durch das Unihockey und Lauftraining knacke ich nochmals die 5000er-Marke. Die Bilanz lässt sich sehen. Am Ende gewinne ich mit 1200 Punkten Differenz, was äusserst knapp ist.

Fazit

Zuerst das Gute: Das Fuelband von Nike ist in jeder Hinsicht ein tolles Gadget, das nur schon wegen der LED-Leuchten einen Kauf wert ist. Es bringt alle Fakten auf den Tisch und verbindet diese clever mit dem Netz. Ganz nach dem Motto: «You can only improve what you can measure.» Mein Alltag wurde aktiver und ich entwickelte mich vom Couch-Potato zum Runner. Das Resultat: Nach 5 Wochen verlor ich 5 Kilogramm an Gewicht.

Nun zum Schlechten: Seit 2 Wochen trage ich mein Fuelband nicht mehr. Das Dings ist im Innern durchgerostet, was es untauglich macht. Wie das passieren konnte? Keine Ahnung. Auf jeden Fall ist die Entwicklung vom Läufer zurück zum Couch-Potato auf der Waage deutlich zu erkennen: Plus 2 Kilogramm. Und David? Er kommt nur schwer vom Fuelband los. Er sammelt mit seinem Personaltrainer am Handgelenk immer noch Fuel und das verbissener als je. Neuerdings sogar mit einem Spezialschuh von Nike.

Und was halten Sie von solchen digitalen Vermessern?

*Christian Lüscher ist Reporter bei Newsnet in Zürich.

34 Kommentare zu «Unter Nikes Bewegungsdiktat»

  • hubert schoch sagt:

    wer am meisten Punkte hat gewinnt?
    dann hänge ich doch dieses Armband meiner Katze um den Hals, die ist den ganzen Tag unterwegs. Da gewinne ich sicher

  • Bernhard Folda sagt:

    Funktioniert das Ding auch im Wasser?

    • Jeery sagt:

      ne leider nein. Ich schwimme viel und habs mir trotzdem zugelegt, weil ich damit super meine Täglichen aktivitäten auswerten lassen kann. Und ich bin auch sehr zufrieden damit.
      Ich sehe dass nicht sehr tragisch dass ich es nicht im wasser benutzen kann.. ich weiss ja was ich geleistet habe. ;) bekommst einfach keine fuels..
      …noch zur Frage weiter oben, wie es gemessen wird.. es hat ein sensor drin,der die geschwindigkeit misst und die hin und herbewegung. So wie ich das beurteile kann.. bin ja schliesslich kein Entwickler von dem ding ;)

      noch zum verschleiss.. wenn man es Ordentlich behandelt, hält es sicherlich länger. Meins trage ich jetzt ca.2 monate und ist immernoch im top zustand.

  • Cybot sagt:

    Hat man auch noch Zeit für ein Privatleben, wenn man so viel Sport macht? Wenn ich jeden Abend trainieren würde, würd sich meine Frau ziemlich schnell beschweren, ich sei nie zu Hause. Und 90 Minuten Training über Mittag dürfte den Feierabend auch ziemlich weit nach hinten verschieben. Alles in allem ziemlich unrealistisch für Normalsterbliche. Aber das ist dieses Blog ja meistens.

    • 3 bis 5 mal Training in der Woche genügen. Die Woche hat 7 Tage. Wenn das eine Frau nicht mitmacht, sollte man sich vielleicht mal überlegen, ob man sie nicht zurückgeben sollte.

  • Benjamin Borgsberger sagt:

    «You just can improve what you can mesure.»

    Englisch ist schon eine coole Sprache, nur sollte man sie auch nur dann verwenden, wenn man sie beherrscht. Wahrscheinlich war „You can only improve what you can measure“ gemeint.

  • Daniel sagt:

    Keine schlechte Sache, aber ich investiere lieber in Schuhe, Kleidung und Zeugs das mir direkt was bringt. Laufe völlig elektro-tech frei und finde das gut so.

    • Pulsmesser kann ich also zu 100 % empfehlen. Wenn man ohne joggen oder Velo fahren geht, hat man nie den richtigen Puls. Mir hilft es ungemein, entspannt zu joggen oder Velo zu fahren. Und die mentale und körperliche Entspannung erreiche ich mit joggen oder Velo fahren im Grundlagenausdauer-Bereich – Ohne Pulsmesser ist man immer zu hoch.

  • Renaiolo sagt:

    Was passiert, wenn mand das Fuelband wild herumschüttelt oder schwingt? Lässt sich damit die Challenge gewinnen? Oder misst es auch den Puls?

    • Cybot sagt:

      Das ist genau die Frage, deren Antwort ich in diesem Artikel auch vergebens gesucht habe. Was misst das Ding?

  • Rindolone sagt:

    Ich finde es eigentlich eine Super Sache. Nur: Es funktioniert (noch) nicht mit allen Sportarten.
    Z.B. funktioniert es nicht mit Velofahren und somit ist dieses Gadget für mich leider nutzlos.

  • Mäsi sagt:

    Find’s ’ne gute Sache – natürlich gilt auch hier, dass es ‚vernünftig‘ verwendet werden soll.

    Ich überlege mir, eines anzuschaffen. Es ist mehr die Neugier, zu sehen, wie sich meine verschiedenen Sporttage unterscheiden.
    Wieviel pro Stunde leiste ich in einem Tennismatch mehr als pro Training?
    Wie unterscheiden sich meine Unihockey-Trainings? Hätte ich heute mehr Einsatz geben können?

    Stimmt im Endeffekt auch das Gefühl mit der Leistung überein?

    Lässt sich durch das Fuelband ein brauchbares Trainings-Feedback (bezüglich Intensität) an die Trainer geben?

  • Jenny sagt:

    Was kostet das Geraet denn und wo kann man es kaufen?

  • Mir reicht die Datensammlung meiner Pulsuhr, teilen tue ich diese nicht. Das Resultat ist ja oben sehr gut beschrieben: Stress, Stress, Stress…davon habe ich schon genug im Arbeitsleben!

  • Lucky_Looser sagt:

    „Und was halten Sie von solchen digitalen Vermessern?“

    Gar nichts.
    Alle meine Puls- und Distanzmesser verstauben vor sich hin.
    Ich brauche keine äusseren Motivatoren, denn für mich ist die Bewegung draussen in der Natur Motivation. Darum habe ich auch nie Motivationsprobleme.

    • Lucky_Looser sagt:

      Heute wurde ich z.B. beim Laufen von Intensivregen überrascht. War ziemlich schnell pflotschnass.
      War eine super „erfrischende“ Erfahrung. Solche Erlebnisse sind super, weil sie einen aus der Routine/Monotonie schmeissen.
      Routine/Monotonie ist Motivationskiller #1.

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich finde die Idee des digitalen Vermessens gut.
    Der Wettbewerb zwischen dem Autor und seinem Kollegen ging schon aber Richtung gesundheitsschädlich. Wenn das ganze 4 Wochen gemacht worden wäre, hätte es vielleicht zu Überlastungen geführt.

    • Roger sagt:

      Jetzt sind wir doch einmal derselben Meinung Herr Moser!:-)

      Ich empfinde das Tracking als extrem motivierend (zeichne alle Läufe auf). Ich kann meine Zeiten verlgeichen, sehe die Fortschritte und kann mich daran erfreuen.

      Das Fuelband hat mich sofort angesprochen, jedoch hat mich der Bericht dann doch etwas abgeschreckt. Ich würde wohl auch Gefahr laufen, dass ich mich beim Punkte sammeln übernehmen würde.

      • Wenn Sie sich beim Punkte sammeln übernehmen würden, interpretiere ich mal, dass Sie sich an Läufen oder MTB Rennen in die Überlastung hetzen lassen.
        Können Sie sich an Läufen oder MTB-Rennen kontrollieren, oder lassen sie sich hetzen?

        • Roger sagt:

          Das weiss ich noch nicht so genau, nehme meinen ersten Lauf am Wochenende in Angriff!:-)

          Das Ziel ist jedoch mitch nicht verheizen zu lassen und mein Tempo zu lauffen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.