Ein Japaner twittert vom Everest

Nobukazu Kuriki

Will den Everest solo und mit Live-Übertragung aufs Internet besteigen: Nobukazu Kuriki (30) aus Japan, bisher gut 23'000 Fans auf Facebook und knapp 2000 Follower auf Twitter. Für einen der Szene bisher relativ unbekannen Bergsteiger nicht schlecht, oder? (Foto: http://kurikiyama.jp)

Die neuen wilden Alpinisten. Zu diesen gehört Nobukazu Kuriki. Wenn auch auf eine andere Art. Er setzt nicht in erster Linie als Bergsteiger neue Akzente, aber als Japaner und in der multimedialen Echtzeitübertragung seiner Abenteuer. Während viele gestandene Kletterer noch nie was von Blogs geschweige denn von Twitter gehört haben, weiss der 30-Jährige Kuriki, wie er das ganze Repertoire der sozialen Medien professionell nutzen kann. Er hat sogar ein eigenes App, das er für 2,99 Dollar zum Download anbietet.

Kuriki beherrscht etwas, das in dieser Form im Alpinismus neu ist: Einen hohen Gipfel zu erklimmen und gleichzeitig aus dünner Luft alle relevanten Sozialen Medien ständig mit Text, Bildern und Videos zu bedienen. Im Moment kämpft er am Mount Everest. Er will ohne künstlichen Sauerstoff und ganz alleine via Westgrat auf den höchsten Erdengipfel steigen – ein schwierigerer Aufstieg z. B. als jener von Ueli Steck, der vergangenen Frühling via Normalroute ohne Sauerstoffflasche den Everest-Gipfel erreichte. Kuriki wäre der erste Japaner, der das schafft. Und nicht nur das: Er plant, seinen Gipfelsturm via Webcast live im Internet zu übertragen. Ob er den Gipfel wirklich erreichen wird? Wir werden es erfahren – von ihm. Auf Englisch und Japanisch, via Google+, Facebook, Twitter oder seine Homepage.

Mutterselenalleine, aber die ganze Welt kann Kurikiri am Bildschirm begleiten. Akklimatisieren in der dünnen Lüft: In diesem Video vom 29. 9. 2012 zeigt er seinen Aufstieg vom Everest-Camp 2 auf 6400 Meter ins Camp 3 auf 7200 Meter und zurück. Gerne würde man verstehen, was er sagt. Aber egal:

Kuriki, der Gipfelsammler: Mit Klettern begann er erst im College-Alter. Zwei Jahre später stieg er ganz alleine auf den Mount McKinley, den höchsten Berg Nordamerikas. Vom Erfolg beflügelt, nahm er sich die Seven Summits vor, die jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente. Mount Aconcagua, Elbrus, Kilimanjaro und die Carstensz-Pyramide hat er inzwischen gemacht. Immer alleine und ohne Hilfe – sagt er. Um in diese Geschichte einzugehen, fehlt ihm nur noch der Everest. An ihm ist er 2009 und 2010 gescheitert. Für Kuriki kein Grund, aufzugeben. Immerhin hat er bereits drei andere Achttausender gemeistert – Free Solo und ohne künstlichen Sauerstoff mitzuschleppen. Vom Cho Oyou (8201 Meter) veröffentlichte er erstmals Webcasts im Internet. Vom Manaslu (8163 Meter) fuhr er als erster Japaner mit Ski vom Gipfel ab. Vom Dhaulagiri (8167 Meter) konnte er erstmals bis in die Höhe von 6500 Meter Live-Videos senden, das war 2009. Jetzt im Herbst 2012 solls am Everest noch höher und noch «echtzeitlicher» werden.

Hier sein Best-of-Video, inklusive hemmungslosem Weinkrampf, nachdem er beim ersten Versuch den Mount Everest nicht geschafft hatte:

Twittern aus der Todeszone
Der klassische Kern der Kletter-Szene lästert natürlich. Geht es Kuriki um den Berg oder um die Show? Darf man ihn als Alpinisten überhaupt ernst nehmen? Weshalb wählt er nur die berühmtesten Gipfel der Welt, solche die sich gut vermarkten lassen? Steigt er womöglich auch bald auf das Matterhorn (4478 Meter) – Free Solo (und hoffentlich ohne Sauerstofflasche)? Andererseits: Warum soll er wegen seines medialen Talents nicht auch ein guter Bergsteiger sein?

Die einen gehen im Team an einen Berg und lassen niemanden daran teilhaben. Kuriki machts umgekehrt. Nicht allein zuhause, sondern allein in der Todeszone. Wer will, kann ihm am Computer daheim zuschauen. Was auch immer seine Motivation sein soll: Er wagt etwas. Dramatische, multitalentierte Unterhaltung.

Verfolgen Sie Nobukazu Kuriki auf seiner Webseite, auf Twitter oder Facebook (bitte anklicken). Sein Live-Gipfelsturm am Mount Everest könnte in diesen Tagen stattfinden.

Was meinen Sie: Wie lange dauert es, bis alle – auch wir Hobby-Bergsteiger in den Alpen – bei unseren Gipfeltouren eine Helmkamera tragen und live ins Netz senden, damit unsere Angehörigen und Freunde daheim in Echtzeit mitzittern können, ob es uns noch gut geht, oder ob wir schon abgestürzt sind?

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23 Kommentare zu «Ein Japaner twittert vom Everest»

  • hallo mitenand

    super sache was hier kuriki macht. das ist doch völlig jedem frei gestellt, wie man sich vermarket.
    die meisten alpinisten ( fast alle ) haben keinen reichen onkel in amerika. oder sind herren söhnchen, die sich
    alles leisten können.
    in jedem sport, bergsteigen ist aber mehr als sport wird vermarktet, das ist doch legitim.

    ich war im 1992 am everest auf 8200m ohne künstlichen sauerstoff, und weiss wovon ich rede.
    ich wünsche kuriki viel erfolg, und er soll mir den everest gruessen.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  • Pete sagt:

    erfrischend, bei einem solchen unternehmen mal nicht das logo mit den zwei roten bullen auf dem silberhelm prangen zu sehen.

  • Fliege sagt:

    Wieso ist hier die Rede von 23.000 Facebook-Fans? Auf seiner Seite sehe ich nur 465?

  • Joachim Adamek sagt:

    Berg-mann@: Ob Sie`s glauben, oder nicht: Gestern morgen, als ich etwas Leerlauf hatte, habe ich mich gefragt, wie ich eigentlich so vermessen sein kann, über Herrn Kuriki den Stab zu brechen, von dessen Existenz ich bis letzten Mittwoch keine Ahnung hatte. — Also, ich kann Ihre Kritik durchaus nachvollziehen und teile sie bis zu einem gewissen Grad.
    Andererseits sind Kommentare spontane, zeitnahe Reaktionen, die man nicht unbedingt auf die Goldwaage legen sollte. Ich würde heute nicht mehr schreiben, was ich am Mittwoch geschrieben habe. Ok, die bergsteigerischen Leistungen von Herrn Kuriki halte ich weiterhin für überdurchschnittlich. Dass er am Berg dieselben Techniken einsetzt, wie Gerfried Göschl und Cedseric Hählen sie auf ihrer letzten Tour im Frühjahr eingesetzt haben, spricht gleichfalls für seine Professionalität. Was mir allerdings an seinen Videos nicht gefällt, sind die desillusionierende Darstellung des Höhenbergsteigens und der ziemlich einfallslose Zusammenschnitt diverser Touren. Beides ist extrem phantasielos. Mag sein, dass er mit diesen Videos letztlich vor allem Geld einspielen willl. Dass er mit 30 bereits von seinen Touren leben kann, ist eine Leistung, die andere ihm erst einmal nachmachen müssen.

    Was die Frage von Frau Knecht betrifft, so bin ich überzeugt, dass bald viele Leute mit Helmkamera durch die Alpen wandern werden. Früher hat man seine Freunde gequält, indem man sie gezwungen hat, sich stundenlang Dias anzuschauen. Warum das nicht mit Film und Computer auf neue Art wiederholen? Dad hat dann sonntags endlich mal wieder was zu tun, Mum wird’s danken, und die Kids werden ihre Freiheit geniessen. Dann wird die Welt auch abends um Sieben noch in Ordnung sein.

  • Berg-mann sagt:

    was mich hier mehr stört ist dass es Menschen gibt die sich daran stören dass andere etwas machen was sie selber ja gar nicht verstehen. Da wird gesagt er sei ein nur ein Hightech Bergsteiger oder vielleicht nur Publikumsgeil, ja und?

    Wäre es denn besser wenn bis 65 arbeitet, ein gutes Mitglied der Gesellschaft ist und es dann versucht?
    Ist ja typisch „Schweizerische Ansicht“
    Wer von den permanenten Nörglern hat den schon einmal den Finger aus dem A…h genommen und auch etwas versucht um viel später sich selber sagen zu können er/sie habe es versucht?

    Man muss es ja nicht verstehen wass er da macht – zumindest könnte man mal versuchen nicht immer gleich gegen alles zu sein. Er hat Geld zum versauuuen und erfüllt siche seine Träume, und sollte er babei umkommen – wird er bestimmt glücklicher sein als ein Nörgler der mit 78 seinen Hut hinhängt.
    Auch als erfahrener Bergsteiger bis über 21’000 feet würde ich das was er machen will nicht tun, eben andere Einstellung – aber desswegen mache ich seinen Spirit nicht schlecht (wie andere die noch NIE etwas riskiert haben)

    Nun gut, bestimmt beginnen gleich alle „Nörger“ gegen diesen Text zu reklamieren und Dinge zu beschreiben welche sie ja gar nicht verstehen. Mal schauen was daher kommt. Viele Grüsse ;-)

  • mel sagt:

    wie funktioniert das technisch, wie hat der (3G-)empfang auf diesen gipfeln?

  • Joachim Adamek sagt:

    Nobukazu Kuriki gehört zweifellos zur Avantgarde der Bergsteiger. Um als Bergsteiger zu gelten, muß man m.E. nicht über soundsoviel Jahre auf Berge gestiegen sein. Kuriki hat, wie alle Profis, ein Ziel: Er will die Top Seven ohne Sauerstoff besteigen. Und weil er die Lebensform des 21sten Jahrhunderts adaptiert hat, ist er in den sozialen Medien präsent und berichtet live von seinen Touren.
    So wie ich Kuriki ohne Zweifel für einen echten Bergsteiger halte, so halte ich ihn für einen überzeugten Netzwerker, der die Vorteile erkannt hat, die die virtuelle Welt bietet. Die virtuelle Welt ist das jüngste Netz, das die Menschen über die Erde gespannt haben. Möglich war dies letztlich nur,
    weil der Mensch ein sprachbegabtes Wesen ist.
    Und hier nur beginnt, meine Skepsis an Kuriki: Wir alle wissen, das Schwatzhaftigkeit mehr Laut als Inhalt ist. Gute Erzählungen sind das Gegenteil von Schwatzhaftigkeit. Sie kommen mit einem Minimum an Worten aus. — Als ich die Videos von Kuriki sah, dachte ich wehmütig an Sasha DiGiulian. Mag sein, vielleicht fehlt mir jene Portion Begeisterung, die man haben muss, um Live-Reportagen etwas Besonderes abzugewinnen. Ich persönlich betrachte die Berge lieber aus der Distanz. Die “Höhepunkte” einer Tour werden mir meist erst nach Abschluss bewusst. Was kann ich erzählen, bevor ich die Tour beendet habe?
    Selbst wenn Kuriki der größte Tolpatsch unter den Profi-Alpinisten ist, so ist er dennoch Wegweisend: Studentenwohnheime, die nur eine Schlaf- und Schreibmöglichkeit bieten, sind nicht mehr zeitgemäß. Wer den Anschluss nicht verlieren will, lebt wie Nobukazu Kuriki in Hightech-Centren. Die Zukunft hat zwei Buchstaben, wie längst erkannt sein sollte.

  • Roger sagt:

    Wer nur wegen des geldes, solche höchstleistungen versucht,unterschätzt den everest gewaltig. Er wird es mit dem tod bezahlen, weil er dem mammon verfallen ist. Ich wünsch ihm trotzdem alles gute!

    • Eduardo sagt:

      „Er wird es mit dem Tod bezahlen, weil er dem Mammon verfallen ist“ – Hallelujah, aber wir sind sozusagen alle mehr oder weniger dem Mammon verfallen, denn von irgendwas müssen ja die ständig eintreffenden Rechnungen bezahlt werden. Und die teuerste aller Rechnungen (nämlich die, welche das Leben kostet) wird am Ende sowieso immer gestellt. Die Idee des Japaners gefällt mir gut. Mal sehen, wie die Technik funktionieren wird.

  • captain kirk sagt:

    Auch wenn ich davon nichts halte, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass ich weder FB noch Twitter gut finde.

    ABER wenigstens geht er alleine hoch und lässt sich nicht „Hochtragen“ und die Steigeisen von Bergführer anziehen wie gewisse Schweizer Cervelat-Promis dies tun um für sich und eine Marke Werbung zu machen.

  • Philipp Rittermann sagt:

    …wie schön…ein mediengeiler japaner.

  • U. Knecht sagt:

    Wer hat eigentlich Zeit, das Getwittere zu lesen? Ne, danke, dann lieber eine richtige Reportage oder ein Buch.

  • Alissia Lucero sagt:

    Lese ich da einen gewissen Neid einer Hobby-Alpinistin zwischen den Zeilen heraus? Warum sollte es so verwerflich sein, als Alpinist die digitalen Möglichkeiten zu nutzen?

    Zweifeln Sie am Können des Herrn Kuriki und finden, ein Normalo-Bergsteiger wie er soll sich nicht so inszenieren? Ich habe bisher noch nie von diesem Herrn gehört, aber wenn ich mir sein Palmares anschaue und seine geplante Route studiere, dann muss der Bursche doch gewisse Fähigkeiten haben.

    Eine dramaturgische Unterhaltung war sogar bei der ersten Schweizerin gefragt, die den Everest (auf vorgespurter Normalroute mit Sauerstoff) erreichte. Ihre Multimediashows waren gut besucht, die Leute interessierte es, was sie erlebte, obwohl die Leistung im Vergleich eher Hobby war. Und sogar unser Spitzenathlet, der Ueli Steck hat bei seinem Versuch die ausgetretene mit Fixseilen versehene Normalroute gemacht und viele Leute haben das interessiert mitverfolgt.

    Wenn Sie als Hobby-Bergsteigerin eine Helmkamera tragen, können Sie das gerne live ins Netz senden, nur wird das wohl niemand sehen wollen. Eine gewisse herausragende Leistung sollte schon gebracht werden. Wobei es sicher auch hier Leute gibt, die nicht Leistung sehen wollen, sondern nur Leiden oder Versagen, was ja noch mehr beim Hobby-Alpinisten passiert als bei den Profis.

    Mediale Inszenierungen sind nichts Neues, das Schweizer Fernsehen hat auch schon viel durchschnittlichere Berg-Inszenierungen verfolgt und teilweise live gesendet. Kuriki scheint tatsächlich ein spannendes Projekt vorzuhaben und ich finde es toll, dass man das Live verfolgen kann, wenn man will.

    Zum Schluss könnten Sie vielleicht noch die Website von Laura und Yuri, den Mexikanern anschauen, die waren mit Kobler und Partner am Makalu und arbeiten fast genau so live wie der Japaner. Nur Videos haben sie keine aufgeschaltet.

    • Ich lese keinen Neid heraus. Ich schätze die Autorin als vorwärtsorientierte Alpinistin ein. Wenn sie sich in SAC-Hütten die Zähne putzt UND auch in der Halle trainiert, könnte sie vorwärtsorientiert sein. Dass sie es persönlich evt. blöd findet, wenn jeder mit Helmkamera einen Berg besteigt, finde ich nicht schlimm.

  • Bop sagt:

    Auf einen tieferen Niveau, wieviel Hobby-Bergsteiger auf Blogs ihre tolle Leistung veröffentlichen ??
    Die Hikr und Skitouren.ch usw. waren sicher mal gedacht, um nützliche Infos über Routen und Bedingungen mitzuteilen und werden mit nutzlosen Bericht überflutet, die nur für das Ego des Verfasser gut ist.
    Die Menschen sind fast alle so, wenn sie etwas erreicht haben, wollen sie es mitteilen, auch wenns keiner interessiert.

  • Ovy Ho sagt:

    Solche Dinge sind nutzlos und mit dem Bergsteigen nicht vertraute werden dazu neigen, dass gewisse Leistungen völlig überhöht wahrgenommen werden. Aber die „Moderne“ und somit auch das Geldverdienen mit dem Bergsteigen ist eine Tatsache und aus dem Sport nicht mehr wegzudenken…

    Welch ein Graus sich vorzustellen, dass in Zukunft halbfähige Kletterer in einer Route hängen und via Twitter von ihren Heldentaten berichten und mit der entsprechenden App herausfinden, wo der nächste Tritt und Griff der Route ist…

  • Mir gefällt die Idee! Aus 2 Gründen:
    1. Weil sie mir gefällt und ich das auch so machen würde und
    2. weil er den klassischen und rückwärtsorientierten Alpinisten damit ganz schön in den Arsch tritt und sie auslacht. Wenn er noch überall kundtun würde, dass er an einer Kletterwand in der Halle traininert hat und immer noch trainiert, werden die klassischen und rückwärtsorientierten Alpinisten ins hyperventilieren kommen.
    Danke Nobukazu Kuriki

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