Von der Kühltruhe in die Sonne

Diese Woche über den Sichelpass (BE)

Ich nahm in Thun den Bus, fuhr dem Nordufer des Thunersees entlang. Bei der Haltestelle «Merligen Beatus» stieg ich aus und ging zur Schifflände hinab. Die Bergspitzen rundum waren im Herbstnebel verborgen, grau lag die Wasserfläche vor mir. Ich drehte mich um, dem steilen Waldhang zu, und zog los.

Mein erstes Ziel: das Justistal. Jeden Herbst wieder füllt es sich mit Älplern, Traktoren, Subarus und Massen von Touristen, wenn «Chästeilet» ist. Letzten Freitag war «Chästeilet»; mit anderen Worten, jetzt ist der Rummel vorbei. Die Alpen haben sich weitgehend geleert. Umso mehr wird man in dem fünf Kilometer lang schnurgerade zwischen Sigriswilergrat und Güggisgrat sich streckenden Schmaltal seine Ruhe haben.

Die Hemmungslosigkeit der Hirsche

Auf Asphalt marschierte ich ins Tobel des Grönbaches. Am Ende der Fahrpiste wies ein Wanderwegweiser nach links über die Brücke. Dies war ein Umweg, sah ich auf meiner Wanderkarte. Ich ignorierte den Abzweiger und nahm den gestuften Weg zur Rechten, schwarz gestrichelt auf der Karte. Und auch im folgenden blieb ich auf dieser Seite des Grönbaches, der übrigens die Felsen der Schlucht zur dramatischen Kulisse geformt hat.
Bei Homad erreichte ich wieder den signalisierten Wanderweg und bald die Grönhütte. Dort traf ich einen Mann mit einem Jack Russell, wir kamen ins Gespräch, wanderten zusammen, wobei mein Kurzzeitfreund mir einen Schleichweg zeigte. Abseits des Alpsträsschens, das sich bis zuhinterst im Tal zieht, führte er durch ruppiges Terrain. Der Mann, der am Thunersee wohnte, erzählte, dass man im Herbst aus den Wäldern rundum die Hirsche röhren höre; umso hemmungsloser und triumphaler sei dieses Röhren, als das Justistal nicht für die Jagd freigegeben sei.

Später war ich wieder allein. Das Gras, die verblühten Blumen, die Kräuter zu meinen Füssen waren dick mit Raureif überzogen, als sei das Tal eine gewaltige Kühltruhe. Vor mir aber sah ich den Sichelpass, den die Sonne vergoldete. Von hohen Bergen links und rechts flankiert, Burst und Schibe, wirkte der gekrümmte Übergang wirklich wie eine Sichel.

Schliesslich war ich in der Sonne. Auf dem letzten Abschnitt vor dem Pass durchschritt ich Erosionsterrain mit stoffartig weichen Gesteinsfalten. Flysch? Ich bin ein Geologie-Nichtkenner. Oben auf der Passhöhe dann eine Verdoppelung der Sehfreude: Hatte ich zuvor, immer wieder mich umdrehend, die mittlerweile aus dem Dunst ragende Niesenpyramide bewundert, so fesselte mich nun auch der Kamm der Sieben Hengste vor mir.

«Dert möcht i sy, dert möcht i gah»

Ich rastete und unterhielt mich mit einem Ehepaar aus Interlaken. Sie erzählte, er habe bereits seinen vierten Herzinfarkt erlitten. Er nickte und schaute in die Ferne. Als die zwei aufstanden, tat ich es ihnen gleich. Sie stiegen ab nach Süden, ich hielt fort nach Norden. Die folgende Geröllpassage hatte alpines Gepräge. Danach landete ich schnell in einer Landschaft grüner Alpen und saftiger Wälder. Vorbei am Skilift langte ich in Innereriz an und vertrieb mir dort die Zeit, bis der Bus nach Thun vorfuhr, mit der Einkehr in der «Säge».

Über einem Bier beschaute ich mir meine Fotos. Vor dem Pass, am Hindersberg, hatte ich den Gedenkstein für Adolf Stähli, Oberhofen, 1925 bis 99, fotografiert. Ein Komponist. Die Liedzeile, die zu lesen stand, passt als Wandermotto: «Im Justistal, dert zwüsch de Flüehne, dert möcht i sy, dert möcht i gah».

Route: Merligen Beatus (Bus ab Thun) – Strässchen (Wanderweg) den Grönbach hinauf bis zur Brücke. Dort entweder links über die Brücke und auf einem Umweg am Hang zur Homad (ausgeschildert). Oder rechts des Baches weiter (diese Variante ist auf der Wandekarte schwarz gestrichelt) bis zur Homad. Danach: Homad – Grönhütte – Hindersberg – Sichelpass – Ober Schöriz – Unter Schöriz – Innereriz Säge (Bus nach Thun; wenige Kurse).

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 1090 Meter auf-, 630 abwärts.

Wanderkarte: 254T «Interlaken», 1: 50 000.

Charakter: Ruppig einzig zu Beginn im Tobel des Grönbaches. Ansonsten komfortable Alp- und Bergwanderung. Grosse Aussicht.

Höhepunkte: Das stille Justistal. Die Steilwände im Tal zur Linken und Rechten. Das Ebenmass des Niesens im Rücken. Der Weitblick vom Pass.

Hund: Machbar.

Einkehr: Am Anfang in Merligen und am Schluss in Innereriz in der «Säge» (Ruhetag Mi).

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

13 Kommentare zu «Von der Kühltruhe in die Sonne»

  • tam sagt:

    Ja, der Asphalt und der Verkehr im Justistal sind ärgerlich. Ich habe die Wanderung vor ein paar Jahren von Eriz aus gemacht (genau genommen bin ich sogar in Schangnau gestartet). Ich würde sie nur noch an einem Wochentag unternehmen und ausserhalb der Alpzeit, weil man dann auch über die Wiesen gehen kann. Oder dann würde ich die beschriebenen Schleichwege benutzen. Übrigens: Heute führen auf die meisten Alpen Strassen und oft sind sie asphaltiert. Das ist für Wanderer ärgerlich. Anderseits: Wenn es keine Strassen gäbe, würden die Alpen auch nicht mehr bestossen und der Wald würde alles überwuchern, und das möchte ich als Wanderer auch wieder nicht.

  • hallo thomas

    thomas hat hier eine der schönsten wanderungen in den berner voralpen beschrieben.
    wirklich eine grossartige gegend. muss man einfach machen.

    ich wünsche allen viel spass in den berner alpen.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  • U. Knecht sagt:

    Ein Minus: Im Justistal scheint trotz Fahrverbot jeder eine Ausnahmebewilligung zu haben. Konsequenz: Recht viel Verkehr in dieser Sackgasse.

    Ein Plus: Die freundlichen Wirtsleute von Eriz im Rest. Schneehas.

    Die Wanderung ist übrigens Teil des Kulturwegs der Alpen von St. Gingolph nach Müstair.

  • Ich ziehe es vor, zuerst die Passseite mit dem Asphalt zu machen und dann im unverbrauchteren Teil zu landen; das Eriz ist einfach herrlich als Ankunftsort. Und die Sieben Hengste sind genauso imposant, wenn ich von Süden komme und sie erblicke, finde ich…

  • Marcel Zufferey sagt:

    Die Meringues im Eritz sind legendär. Und ja: In umgekehrter Richtung ist die Wanderung zur Sichle eindeutig schöner.

  • P. M. sagt:

    Lieber Herr Widmer

    Warum begehen sie den Weg in dieser Richtung? Umgekehrt erst die imposanten Wände der Sieben Hengste und weit vorne die Sichle. Dort eröffnet sich der Blick ins Justistal und weit vorne in dessen Verlängerung die Pyramide des Niesen, die beim Weiterweg immer näher kommt und immer imposanter wird. Warum lassen sie dieses Erlebnis in ihrem Rücken?

    P.S. Sichelpass? Das höre ich nun wirklich zum ersten Mal. Das ist doch einfach die Sichle…

  • Dani sagt:

    Da liefen mir mal einige Ziegen unbemerkt hinterher, ins Tal hinunter. Ein Bauer schiess mich zusammen, weil er zu blöd war, seine Ziegen richtig einzuzäunen!

  • Beat Zahnd sagt:

    Von Schwanden Sagi runter zum Äschbach, dort rechts Richtung Schulhaus Reust, bei Cheistli rechts Richtung Hornbach-Buchen, runter in den Huetgraben, hoch bis Rütegg und dann rüber bis Eritz gibt es auch eine geniale Strecke um mit einem drehmomentstarken Mopped die Gegend zu beschal…taunen. Unzählige sehr enge Bögen mit vielen Bodenwellen. Bewegliche Hindernisse gibt es selten und die Rennleitung ist auch selten in der Gegend. Sonntag Vormittag gelegentlich einige Stündeler unterwegs zu den diversen Betschöpfen.

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich kenne die gegend. das reizvolle hier ist, dass man sich um hundert jahre in der zeit zurückversetzt fühlt; eine wohltuend nostalgische wanderroute feranb ausgetretener pfade. auf dem bild linkerhand ist auch ein für die region typisches flarzhaus erkennbar.

    herr widmer – what the hell ist ein „jack russel“?

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