Die Wanderung, die in der Arztpraxis endete

Diese Woche ins Erstfeldertal und zum Brüsti (Uri)

Als ich eines heissen Sommertages in Erstfeld aus dem Zug stieg, stellte ich fest: Zur Wanderung ins Erstfeldertal war von meinem Grossgrüpplein einzig Pierre erschienen. Kein Problem – im Gegenteil: Pierre ist ein toller Wanderkollege. Eine bejahende Natur. Fast immer gutgelaunt. Auf rührende Art bei jeder Unternehmung sich auf den Kafi Schnaps am Schluss freuend.

Wir unterquerten die Bahn, überquerten die Reuss, hatten somit vor uns den steilen Hang zum Erstfeldertal – und machten einen Fehler. Wir nahmen das Strässchen. Dabei gibt es einen Wanderweg zum Sagerberg hinauf, merkten wir halb oben, als wir die Karte konsultierten. Exakt da hielt ein Auto der Korporation an und wollte uns mitnehmen; den Korporationen gehört die Mehrheit des Bodens im Urnerland.

Wir lehnten dankend ab und erreichten bald gemässigter steigendes Terrain. Das Strässchen wurde zur Kiespiste, und wir genossen das Erstfeldertal. Es ist Bilderbuch-Schweiz mit sonnengebräunten Hütten, einem schäumenden Wildbach, dem einen oder anderen Wasserfall und überragenden Charakterdarstellern von Bergen. Einmal passierte uns das Alpentaxi. Es transportiert Leute, die zur Kröntenhütte hinten über dem Talabschluss wollen, einem Stützpunkt für Hochtouren.

Allein mit TV und Tiefkühltruhe

Unsereins bog beim Bodenberg rechts in den Hang und vollzog ein U. Nun wanderten wir, freilich viel höher, wieder retour, auf die Reuss zu. Beim Wilerli, einem Miniweiler mit einem Seilbähnchen hinab nach Erstfeld sprachen wir mit einer alten Frau am Brunnen. Wie das im Winter sei, fragten wir. Nun, sagte sie: Im Winter sei sie allein mit dem Hund, der Katze, den Hühnern. Die anderen Leute seien dann im Tal. Aber sie habe ja den TV. Und eine Tiefkühltruhe.

Nun hielten wir auf das Bockitobel zu: wieder neues, wieder anderes Gelände. Dieses Tobel ist eine Show aus Stein; bläulich schimmern, unendlich hoch sind die Felsen. Den linken Tobelrand entlang stiegen wir auf, schwitzten schwer, mussten Bikern ausweichen, Irren, die mit dem Brüsti-Seilbähnchen aufgefahren waren und nun zu Tale schossen. Beim Waldnachterseelein wurde die Welt wieder lieblich. Vorbei an der Kapelle des Heiligen Wendelin, der für die Nöte der Hirten zuständig ist, gelangten wir zur Seilbahnstation Brüsti. Und dann stiegen wir noch etwas höher, zur Bergwirtschaft Z’Graggen, wo wir assen und Kafi Schnaps tranken. Toll war die Terrasse, mühsam die Grossgruppe besoffener Fasnächtler.

Blutwürste an der Ferse

Wir waren mehr als fünf Stunden gewandert. Meine neuen Schuhe zwickten bös, wie das beim Einlaufen passieren kann. Doch anders als Pierre fand ich, es sei noch nicht genug. Er fuhr mit dem Bähnchen hinab nach Attinghausen, ich nahm den Fussweg zu Tale, den selten begangenen via Chulmi und Regliberg. Er stellte sich als im Oberteil miserabel signalisierter Geisspfad heraus, war an einigen Stellen rutschig und heikel.

Unten hinkte ich. An beiden Fersen hatte ich riesige Blasen, doch nicht das klassische Modell mit wässriger Flüssigkeit, sondern eine Art Blutwürstchen. Als sie Tag für Tag mehr weh taten, ging ich zur Ärztin. Sie kratzte sie mit dem Skalpell aus, füllte die Krater mit Antibiotika und lachte herzlich, als ich fragte, ob ich am Wochenende wieder losziehen könne. Es dauerte fast drei Wochen, bis ich wieder normal laufen konnte.

Route: Teil eins: Erstfeld SBB – Sagerberg – Bodenberg bis Punkt 1002 m – Oberberg – Wilerli – Bockitobel – Waldnachterseeli – Brüsti Seilbahn mit Abstecher zum Gasthaus Z’Graggen etwas höher und retour (hernach Fahrt mit der Bahn hinab nach Attinghausen). Teil zwei, fakultative Verlängerung: Brüsti Seilbahn – Rämseli – Chulmi – Regliberg – Wettmatt – Attinghausen Seilbahn Talstation.

Gehzeit: 5 1/4 Stunden für Teil eins. Zusätzlich 2 Stunden für Teil zwei.

Höhendifferenz: 1330 m aufwärts, 280 m abwärts für Teil eins. Zusätzliche 1040 Höhenmeter abwärts für Teil zwei.

Wanderkarte: 245T «Stans» und 246T «Klausenpass», 1: 50 000.

Seilbahn: www.attinghausen-tourismus.ch/seilbahnen

Charakter: Anstrengend. Zuerst das idyllische Erstfeldertal. Dann der Höhenweg Richtung Wilerli. Dann das apokalyptische Bockitobel. Schliesslich ein panoramareicher Finish zum Brüsti und Berggasthaus Z’Graggen.

Höhepunkte: Der Bach im Erstfeldertal. Die hohen Berge. Der Blick vom Wilerli hinab ins geschäftige Reusstal. Das wildromantische Bockitobel. Die Einkehr im Gasthaus Z’Graggen.

Hund: Machbar, aber sehr anstrengend.

Einkehr: Berggasthaus Z’Graggen, www.berggasthauszgraggen.ch, momentan kein Ruhetag.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

17 Kommentare zu «Die Wanderung, die in der Arztpraxis endete»

  • Günter Klein sagt:

    Hallo in die Schweiz,
    auch auf die Gefahr hin, dass wir hier wegen verrissen werden – aber es bringt wirklich was.
    Blasen beim Wandern müssen nicht sein. Zwei paar Socken übereinander ziehen, die Füsse mit einer nicht fettenden Salbe einreiben – fertig.
    Oder wer es etwas eleganter haben möchte: Doppel-Socken kaufen, z.B. von der Firma Wrightsock.
    Viele Grüße aus Süddeutschland
    Günter Klein

  • Danke für die Tipps. Ich habe ein Mittelklassmodell von Fuss. Er ist nicht überempfindlich auf Scheuern, kennt aber Grenzen. An besagtem Tag übermannte schlicht der Wanderdrang den Verstand.

  • hallo mitenand

    thomas hat nichts falsch gemacht. die wanderung war nicht zu lange. er wurde 100% nicht richtig beraten, und man hat
    das falsche modell an thomas verkauft.
    frage:
    – hat der verkäufer mit der einlage sohle gemessen ?
    – hat der berater die richtige breite verkauft ?
    – ist er auf den einsatzbereich eingegangen ?
    – hat er die richtigen socken für das entsprechende futter verkauft bekommen ?

    das sind die entscheidenen fragen. ein guter berater verkauft, berät so gut, das man ohne probleme direkt eine
    5 stunden wanderung angehen kann.

    ich wünsche allen viel spass beim wandern.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  • Daniel Münger sagt:

    Der Fuss, bzw. Ferse und Zehen sollten sich ohne Freiraum mit dem Schuh bewegen. Und Baumwollsocken tragen.

    • mel sagt:

      ich schwöre vielmehr auf socken aus merinowolle. sind zwar etwas teurer, aber für mich jeden franken wert. denke allerdings, dass die richtigen socken etwas sehr individuelles ist; man muss einfach ausprobieren, was bei einem selbst am besten klappt!

  • Helvetia sagt:

    Immer Compeed einpacken, dann kann man beim ersten Anzeichen einer Blase reagieren und dieser vorbeugen. Es gibt einfach Füsse, die sind empfindlicher als andere ist mir auch schon mit bewähren Schuhen (aber evtl. falschen Socken) passiert, dass ich die Wanderung barfuss beendet habe ;-)

  • Daniel Heierli sagt:

    Irgendwann muss man die neuen Wanderschuhe ja einweihen, und sooo lang ist diese Wanderung ja auch nicht.
    Gut wäre es vor allem, die Signale des Körpers rechtzeitig zu spüren und schon unterwegs ein Stück Sport-Tape oder ein Compeed an der richtigen Stelle anzubringen. Am besten möglichst früh, solange da noch keine schlimme Blase ist.

  • Franziska sagt:

    Eine ganz schöne Ecke des Erstfeldertals ist dem Wanderer verborgen geblieben: nämlich der Talabschluss bei der Kröntenhütte mit dem wundervollen Hochmoor, dem Fulensee sowie dem schönen Gletscherbach, der über eine Steilstufe als imposanter Wasserfall ins Tal donnert (ca. fünfstündige Rundwanderung von Bodenbergen aus; vgl. http://www.kroentenhütte.ch).

  • Stucki sagt:

    Danke für den Wandervorschlag. Als „Einheimischer“ kann ich noch ergänzen, dass diese Wanderung im Winter mit dem Schlitten noch viel mehr Spass macht und ich danach keine Blasen an den Füssen habe. Traumhaft im Schnee!

  • Ella Müller sagt:

    Sogar ich als Nicht-Wandererin weiss, dass man zum langen Wandern niemals neue Wanderschuhe tragen sollte! Gute Besserung!

  • Fischbacher, Chrigel sagt:

    Die Bilder gefallen mir immer gut. Zum Wandern selbst habe ich leider nichts zu sagen.

  • Martin sagt:

    Ich kann ihnen nachfuehlen. Ich war am Wochenende ebenfalls mit meinen neuen Wanderschuhen unterwegs und habe mir riesige Blasen geholt. Die Haut war schon runter als ich die Schuhe auszog. Urspruenglich habe ich auch gehofft, dass alles wieder gut ist bis am Wochenende, da das Wetter wieder sehr schoen sein soll.

    Auch wenn es noch nicht gut ist, ich mache eine einfachere Tour und fuer die Blasen klebe ich ein Compeed Pflaster drauf.

  • Philipp Rittermann sagt:

    guten tag herr widmer. nun, ich entnehme ihrem bericht, dass sie diese wanderung nicht nur genossen haben. bezüglich schuhen – ich weiss nicht, ob mir das zusteht, aber ich wage sie hier ein klein wenig zu kritisieren -> mit neuen schuhen sollte man keine 5h-wanderung unter die füsse nehmen, da sind blasen vorprogrammiert. wünsche ihnen gute besserung! LG PHR.

    • Steiner78 sagt:

      Der Aufmacher auf der Startseite lautet denn auch: „Warum es nie eine gute Idee ist, mit neuen Schuhen zu wandern.“

      Ich persönlich kann es nicht nachvollziehen. Ich habe auch schon mit neuen Schuhen 5h-Wanderungen gemacht, ohne Probleme. Auch während meiner ganzen Militärzeit (Infanterie) hatte ich nie eine Blase.

      • stefan sagt:

        meine Erfahrung ist: Wanderschuhe aus synth. Obermaterial muss man in der Regel nicht einlaufen. Sehr wohl aber Volllederschuhe. Jedoch kann ein einlaufen von synth. Schuhen hilfreich sein, um über mögliche anpassungen der Innensohle zu entscheiden.

      • mel sagt:

        dann hast du glück und bist schlicht nicht so der „blasen-typ“. ich kenne das gegenteil, eine gute kollegin bekommt ständig blasen, egal was für schuhe und wie gut eingelaufen oder nicht. sie hat einfach extrem heikle füsse, hat schon x tricklis probiert, aber nichts hilft. ganz schön mühsam, so was….
        ich bin guter durchschnitt: normalerweise keine blasen, bei grösseren touren (mehr als 6h) und womöglich noch mit steigeisen an den füssen, leide ich am nächsten tag auch ein bisschen. solange es aber nicht so krater gibt wie beim herr widmer gehts ja noch. sowas tönt nach grausigen schmerzen; hoffentlich ists mittlerweile wieder verheilt, ansonsten gute besserung!

    • barbara sagt:

      und ich habe letztes jahr meine wanderschuhe prima eingelaufen, passte alles ganz toll. bis wir pilgern gingen. da holte ich mir die blasen auf dem hinweg im zug. und wurde sie nicht mehr los bis zum letzten tag, gelobt sei der mensch der die blasenpflaster erfunden hat.

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