«Steil und abweisend – uns gefällt das»

Heute begrüssen wir Gast-Blogger David Hefti. Der 19-jährige Alpinist aus Davos Glaris ist Mitglied der neunköpfigen Jugend-Gruppe, welche vom Schweizer Alpen-Club (SAC) im Rahmen des Pilotprojekts Leistungsbergsteigen geschult und gefördert worden ist. Vor zwei Wochen hat das Team die dreijährige, berufsbegleitende Ausbildung mit einer Expedition in Peru abgeschlossen. David Hefti und Marcel Probst haben danach noch alleine einen 6000er in Angriff genommen: die Italienerroute (6c+ / A2 / WI 5 / 1100 m) auf den Jirishanca.


Die letzten sieben Tage haben wir nun gemütlich in Huaraz und Umgebung verbracht, um uns von den vergangenen fünf Wochen im Hochgebirge zu erholen. Es gibt viel zu verdauen in diesen Tagen. Wunderschöne Gipfelerfolge, ergreifende Sonnenuntergänge und unvergessliche Momente mit Freunden. Aber auch Misserfolge und etliche Diskussionen. Die Jugendexpedition des Schweizer Alpen-Club SAC ist soeben beendet. Die meisten Kollegen sind schon zurück in die Schweiz gereist. Zusammen mit Marcel Probst werde ich nun noch weitere zwei Wochen in Peru verbringen. Sich in Huaraz die Zeit zu vertreiben, fiel uns nicht schwer. Huaraz ist eine lebendige Stadt auf rund 3000 Metern. Nach dem Erholungsprogramm mit Biken, Baden und Ausgang, verbrachten wir die letzten beiden Tage mit der Organisation unseres letzten Trips. Jetzt geht es endlich wieder los. Unser Ziel: der 6094 Meter hohe Jirishanca. Wir beide fühlen uns fit und sind hochmotiviert.

Um drei Uhr morgens haben wir mit unserem Transporteur vor dem Hotel abgemacht. Für peruanische Verhältnisse überpünktlich fahren wir schon um halb vier Uhr los. Die Sitze im Auto sind unbequem. Ich versuche trotzdem zu schlafen. Erfolglos. Irgendwann passieren wir Llamac, das letzte grössere Dorf. Ab hier ist die Strasse holprig. Ab und zu hält der Fahrer vor einer Barriere. Wir müssen einige Soles Wegzoll abliefern und weiter geht die Fahrt.

«Spiegeln» und packen

Gegen acht Uhr treffen wir in Matacancha ein. Einige Hütten mit Grasdächern sind zu sehen. Bald haben wir den Eseltreiber und seine Tiere gefunden. Mit geübten Handgriffen belädt er die fünf Esel und das Maultier. Es geht  schnell. Zusammen mit dem peruanischen Koch starten wir auf die Tagesetappe, fast wie andere Trekker auf dem bekannten Huayhuash-Trekking. Der kleine Unterschied: Wir tragen einen schweren Rucksack und bewältigen die Strecke von zwei Trekking-Tagen in fünfeinhalb Stunden.

Nach zwei Pässen, beide fast 4700 Meter hoch, erreichen wir  das Ende der Laguna Carhuacocha. Die Szenerie, die sich uns hier bietet, ist überwältigend. Über dem türkisblauen See ragen die Bergspitzen von Jirishanca, Yerupaja und Siula in den Himmel. Die Wände sind steil und abweisend, uns gefällt das.

Tags darauf transportieren wir drei das gesamte Material hinauf zur Laguna Chaclan. Ein malerischer Bergsee auf ungefähr 4500 Metern. Wir richten das Basecamp ein. Den Tag verbringen wir mit den Vorbereitungen für die kommenden Tage am Berg. Wir «spiegeln» die Route, so nennen wir Bündner den Blick durch den Feldstecher, und Packen.

Schlafen auf einem schrägen Felsband mitten in der 1100-Meter-Steilwand

Die Luft ist beissend kalt. Trotzdem krieche ich um sechs Uhr aus dem warmen Schlafsack, gehe hinüber ins Küchenzelt. Unser Koch Marcos will uns noch dies und das mitgeben, damit wir am Berg nicht verhungern. Um sieben Uhr sind wir startklar. Zwar habe ich mich in den letzten Wochen an den schweren Rucksack gewöhnt, nach drei Stunden Zustieg zum Wandfuss bin ich dann aber trotzdem froh, das sicher fast zwanzig Kilo schwere Teil abstellen zu können. Das kleine Zelt ist schnell aufgestellt. Wir wollen heute die ersten drei Seillängen der Italienerroute klettern und die Seile hängen lassen, damit wir am nächsten Morgen ein bisschen schneller sind. Die Kletterei verläuft reibungslos und bald sind wir wieder unten im Zelt, wo wir Stunden mit Schneeschmelzen für Tee, Suppe und Nachtessen verbringen.

Am Freitag starten wir bei Sonnenaufgang. Ziel ist das Italienerbiwak auf 5300 Metern, mitten in der Wand. Der Fels ist praktisch trocken und die Temperaturen angenehm warm. Die Schwierigkeit dieser zehn Seillängen liegt beim Freiklettergrad 6c+, und dem technischen Grad A2 (das heisst, dass Kletterstellen mit künstlichen Mitteln überwunden werden, da sie zum Freiklettern zu schwierig wären). Die ganze Biwakausrüstung ist in einem Sack verstaut, den Haulbag ziehen wir mit dem Seil zum nächsten Stand, in diesen Schwierigkeitsgraden wäre sie auf dem Rücken viel zu schwer. Das Nachziehen ist anstrengend und kostet Nerven, der Sack bleibt immer wieder irgendwo hängen. Ein bisschen müde erreichen wir schliesslich am Nachmittag das Italienerbiwak. Es ist ein schmales, leicht schräges Felsband mitten in der steilen Wand. Unser kleines Zelt steht direkt am vierhundert Meter tiefen Abgrund.

Gefährlichte Wechten und skurrile Eisformationen

Am nächsten Morgen starten wir um fünf Uhr. Das Zelt und die Schlafsäcke bleiben hier. Die Rucksäcke sollen so leicht wie möglich sein. Wir wollen in einem Tag auf den Gipfel und wieder bis hierher absteigen. Es sind fast achthundert Höhenmeter bis zum höchsten Punkt. Hinzu kommen einige Hindernisse: zuerst ein Eiscouloir, das hinaus auf den Grat führt. Dort sind einige steilere Stufen zu überwinden, eine ist senkrecht. Ich muss vollen Einsatz geben, um sie zu überwinden. Es folgen einige Quergänge nach rechts in eher losem Gestein.

Nach einigen sechzig Grad steilen Firn- und Eishängen stehen wir unter dem ersten Eisüberhang. Ganz links überwinden wir ihn, um danach wieder weit nach rechts zu queren, damit wir über schwierige Felskletterei unter den zweiten, noch grösseren Eisüberhang gelangen. Es ist schon Mittag. Die Zeit wird eng. Wir müssen Gas geben, um den Gipfel zu erreichen, sonst müssen wir in der Nacht abseilen. Noch liegt ein sehr brüchiges Felsstück vor uns, bevor wir am Gipfelgrat stehen. Er ist gespickt mit grossen Wechten und skurrilen Schnee- und Eisformationen.

Konsterniert abseilen

Auf der Nordseite können wir die ersten Hindernisse umgehen. Über eine unsichere Schneebrücke erreichen wir einen Firnhang, wo wir wieder einige Meter weiterklettern können. Lästig ist dieser Griesschnee, der das Weiterkommen erschwert und das Absichern fast unmöglich macht. Um drei Uhr stehen wir auf der ersten grösseren Erhebung auf dem Gipfelgrat. Wir sehen keinen Sinn mehr, unseren Weg zum Gipfel fortzusetzen. Das Weiterklettern ist zu risikoreich. Zudem ist die Kletterei hier auf Grund der schlechten Schneebedingungen sehr zeitaufwändig. Ein wenig konsterniert beginnen wir mit dem Abseilmanöver. Noch bei Tageslicht um 18:00 Uhr erreichen wir den Eisschlauch. Jetzt ist der Weg runter zum Zelt nicht mehr schwierig zu finden. Es ist schon dunkel, als wir die letzten Seillängen zum Biwakplatz abseilen und schlüpfen um halb acht müde in den wärmenden Schlafsack.

Am nächsten Tag wird uns langsam bewusst, dass wir mit unserer Leistung am Berg zufrieden sein können. Wir haben ohne Vorarbeiten am Berg in nur drei Tagen den Gipfelgrat erreicht. Die Kletterei war durchgehend sehr fordernd. Es gab keine einfache Seillänge in der ganzen, tausend Meter hohen Wand. Und das alles auf einer Höhe von 5000 bis 6000 Metern. Eine wertvolle Erfahrung.

«Cumbre?», «der Gipfel?» fragt Marcos als wir den Kopf ins Küchenzelt reinstrecken. «Nein, leider nicht ganz.»

Lesen Sie auch den ersten Gastblog von David Hefti: «Profitieren und nichts leisten»

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10 Kommentare zu ««Steil und abweisend – uns gefällt das»»

  • Joachim Adamek sagt:

    Ein ganz herzliches Danke an den Jung-Blogger für diesen zweiten Beitrag aus Peru. Den Bericht von Eurer Besteigung des Jirishanca fand ich persönlich am spannendsten. Insgesamt hat das Lesen Spass gemacht, nicht nur wegen Deiner Ehrlichkeit, Deiner Ausgewogenheit und Deiner humorvollen Schilderung des Lokalcolorits, sondern vor allem, weil man spürt, dass Du wirklich in den letzten Wochen jede Menge Highlights erlebt hast. Zwischen dem Post vom Juni und dem letzten aus Peru liegen nicht nur geographische Welten. Dir ist es geglückt zu zeigen, welchen persönlichen und sportlichen Zugewinn Du von dem Pilotprojekt Leistungsbergsteigen des SAC hattest. — Ich wünsche Dir GRÖMÖNA, den grösstmöglichen Nachhaltigkeitseffekt, und dem SAC viel Glück bei dem Bemühen, Klettertalente frühstmöglich zu erkennen und zu fördern.

  • hallo david und marcel

    herzliche gratulation zu dieser super leistung.
    grossartig euer respekt und ehrfurcht vor den bergen… weiter so.

    ich wünsche weiterhin viele tolle bergtouren.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  • Philipp Rittermann sagt:

    find ich toll. ein löbliches beispiel für einen verantwortungsbewussten jungen mann.

    • ben sagt:

      Philipp Rittermann sagt:
      6. Juni 2012 um 07:13
      ich denke “leistungsbergsteiger” haben keine allzu hohe lebenserwartung….und ich glaube auch nicht, dass es diese “ausbildung” braucht.

      Philipp Rittermann sagt:
      6. Juni 2012 um 12:17
      es ist ihnen aber schon bewusst, dass der “leichtsinn der jugend”, welchen wahrscheinlich die meisten von uns erlebt haben, gegnüber der erfahrung der älteren nicht unbedingt vor torheit schützt? ich wage zu bezweifeln, dass ein “ausgebildeter 19-jähriger” die erfahrung und den verstand der verhältnismässigkeit aufbringt.

      Was doch so eine unnötige ausbildung und förderung alles nützt *ironiemodus aus*

  • Markus Glarner sagt:

    RESPEKT vor dieser Leistung. Und vorallem auch vor der Entscheidung, rechtzeitig umzukehren. Nur wer das kann, wird in diesem Sport alt.

  • Hans-Ueli sagt:

    SUPER, dass es heute für Junge diese Möglichkeiten gibt! Echte Vorbilder sind gefragt. Es geht auch ohne Red Bull. Herzliche Grüsse von einem Davoser in Südamerika..

  • Baumgartner Cornelia sagt:

    Grossartig!!!¨ Gratulation, deine Grosstante Cori

  • Ovy Ho sagt:

    Schöne Leistung und einmal mehr ein Beweis dafür, dass Bergsteiger (auch junge) keine kopflosen Hasardeure sind, die jedes Risiko nehmen nur des Gipfels wegen…

  • ben sagt:

    Tolle Leistung, Glückwunsch.
    Und Respekt vor dem Mut zum Rückzug.

    Gruss von einem anderen Bündner

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