Ein Technikjunkie in Not

Hörnli – der Name klingt harmlos. An jenem Mittwoch bezeichnete er aber nicht etwa eine Ladung Kohlenhydrate. Er stand auf dem Menü des 5-Tage Berglauf-Cups. Fünf Tage, fünf Oberländer Gipfel, 22,1 Kilometer, 1950 Höhenmeter – das sind seine Zutaten. Als dritten Gang tischten die Veranstalter fünf Kilometer und nahezu 430 Höhenmeter auf. Einverleibt hatten sich die rund 300 Teilnehmer an den beiden vorangegangenen Tagen bereits die Farneralp (5,4 Kilometer, 535 Höhenmeter) und der Sonnenhof (4,3 Kilometer, 310 Höhemeter). Meine Beine waren längstens satt und das Hörnli lag mir auf dem Magen.

Ich hatte mich deshalb mit allem gewappnet, was mir den Weg zum Gipfel leichter machen würde: Mein iPod war rappelvoll mit «Eye of the tiger» und Co; meine Pulsuhr würde mir anzeigen, wenn ich nicht alles aus mir herausholte. Der Startschuss fiel um 19 Uhr – wie bei jeder der fünf Etappen des Berglauf-Cups. Und wie bei den meisten Streckenabschnitten ging es gleich zur Sache: 275 Höhenmeter bis zum ersten flacheren Abschnitt nach rund 2,5 Kilometern.

Akku schwach – Kampfgeist angeschlagen

«It’s the eye of the tiger», dröhnte mir die Band Survivor in den Ohren, meine Kampfgeister waren geweckt. Mit meiner Uhr behielt meinen Puls im Auge – Tempo drosseln! Mit dieser Anfangsgeschwindigkeit würde ich es nie bis hinauf schaffen. Ein Pfeifton, an meinem Handgelenk vibrierte meine Uhr: Akku schwach, meldete der kleine Computer. Ich war erschüttert – wie konnte ich nur vergessen ihn aufzuladen. Als ob meine Beine den Braten gerochen hätten, schienen sie plötzlich doppelt so schwer zu sein. Na wenn schon, redete ich mir selbst gut zu – die Uhr läuft schliesslich nicht für mich. Es war völlig irrational und trotzdem: Mein Kampfgeist war angeschlagen. Es dauerte, bis ich mich innerlich aufgerafft hatte und es kostete Energie.

«Risin‘ up straight to the top!» Wieder spielte die Zufallswiedergabe meines iPods den Soundtrack des unzerstörbaren Rocky Balboa. Und kurz bevor mich mein innerer Schweinehund auszählte, erreichte ich das flache Zwischenstück. Mehr als die Hälfte der Distanz lag jetzt hinter mir, die Uhr war vergessen. Im Takt ging’s energisch vorwärts. Kaum nahm ich die nächste Steigung unter die Füsse, verstummten die Survivors – nicht etwa, weil der letzte Ton der Boxhymne erklungen war. Nein, dem iPod war der Saft ausgegangen.

Verfluchte Fesseln

Es war, als ob mir ein unsichtbarer Kontrahent einen Schlag in die Magengrube verpasst hätte. Plötzlich hörte ich meinen Atem, meine schweren Schritte. Waren mir Anstrengung und Ermüdung zuvor bewusst gewesen, so drehten sich meine Gedanken jetzt nur noch um sie – die Ablenkung fehlte.

Und vor mir lag noch die gnadenlose Schlussrampe zum Bergrestaurant. Ich verfluchte meine Vergesslichkeit statt die Technik-Fesseln, die ich mir selbst angelegt hatte. Dieser Lauf führte mir meine mentale Abhängigkeit vor Augen: Statt die Signale meines Körpers wahrzunehmen, setze ich auf meinen Pulsmesser. Statt meinem Kampfgeist zu vertrauen, zählte ich auf Survivors und Co.

Oben angelangt, gönnte ich mir eine kleine Verschnaufpause, bevor es gemütlich wieder talwärts ging. Die Boxhymne wollte mir nicht aus dem Kopf: «Had the guts, got the glory!» Hätte ich mit funktionierendem iPod und Sportcomputer das Hörnli tatsächlich schneller oder gar leichter erklommen?

20 Kommentare zu «Ein Technikjunkie in Not»

  • hans sagt:

    wer behauptet einen Pulsmeter sei nicht nötig,vorallem bei Dauerleistung,weiss nicht von was er spricht.
    Es kann gut sein,dass man sich sehr wohl fühlt.Schaut man aber auf den Pulsmeter sieht man ,dass er zu hoch ist und
    man muss etwas zurücktreten.Genau so ist es umgekehrt.
    Nach Gefühl laufen das ist so eine Sache!!!!
    Aufgepasst!!
    Wichtig ist,dass man sich altersgerecht sich verhält.

  • Martin sagt:

    Man mag mir das verübeln, aber ich kann mir nicht helfen und empfinde regelmässig Mitleid für diese Ipod-JoggerInnen. Es hat für mich etwas degeneriertes, abhängiges und ruheloses (Pia betitelt sich selber ja als Technik-Junkie). Die Idee Musik an Wettkämpfen als Taktgeber einzusetzen (Rocky!) scheint mir das ganze noch zu toppen. Vic Röhtlin hat im Bund mal sinngemäss gesagt, er sei immer wieder erstaunt, wie viele Läufer meinten technische Hilfsmittel würden ihre Leistung verbessern, dabei gebe es nur eines: Mehr Training.

  • Roland sagt:

    Sport hat mit Freiheit und Freude zu tun. Deshalb sollten wir darauf achten, frei zu bleiben. Es dürfte keine Rolle spielen, ob wir mit oder ohne Pulsi, GPS oder Musik laufen. Wobei: Was mich erstaunt, ist, dass die meisten, die mit Musik laufen, des Rhythmus wegen eigentlich hinken müssten. Dass sie es nicht tun, bedeutet entweder, dass sie die Musik nicht wahrnehmen, oder dass sie „taktlose“ Menschen sind.

  • mel sagt:

    als ich mit dem joggen angefangen habe, fand ich musik extrem hilfreich. ohne bekam ich immer ein durcheinander mit der atmung, was kurzum zu seitenstechen führte. mittlerweile jogge ich lieber ohne musik, weil ich die geräusche im wald sehr geniesse :-)

  • Luise sagt:

    Es ist wirklich so: Musik motiviert. Ich stelle sie jeweils in einer Lautstärke ein, mit der ich Vogel- und andere Stimmen so wie Autos noch hören kann. Auch ich habe einmal vergessen, den IPod aufzuladen. Aber nach dem ersten Frust fasst man sich. Unvorstellbar, dass die fehlende Musik Einfluss auf die Leistung hat.

  • Jossip Tchugashwili sagt:

    Die Pulsuhr nehme ich nur noch selten mit, den iPod meistens (aber nicht immer), dafuer habe ich meine GPS Uhr immer dabei. Es gibt nichts Schoeneres als auf GoogleMaps meine Laeufe abzuspeichern….

  • Andy Marty sagt:

    Meine Garmin Uhr benötige ich nicht um den Puls zu checken, den spüre ich selbst, jedoch habe ich so die Km, Zeit und Geschwindigkeit besser unter Kontrolle und kann mein Training meinen aktuellen Tages-Zielen anpassen. Zudem, wie es Alexander bereits erwähnt hat, kann so eine Uhr enorm motivierend wirken. Was hatte ich am Sonntag für eine Freude als ich mein 30 Tages Ziel in Sachen Kilometer erreicht habe, ein super Gefühl und das zusätzlich zum so oder so vorhandenen super Gefühl nach dem Laufen. Ob mit oder ohne Musik ist doch egal, jedem das Seine, ich laufe mal mit und mal ohne, ich geniesse die Musik und auch die Geräusche der Natur. Abwechslung tut gut.

  • Alexander sagt:

    Joggen war für mich lange nur Mittel zum Zweck, nämlich fitter für die Hochtouren zu werden. Und ich habe es nur sehr sporadisch betrieben. Seit ich mir aber eine Puls- und GPS Uhr angeschaft habe, bin ich am Distanzen und Herzschläge sammeln. Ob beim Klettern, Joggen, Wandern oder auf Hochtouren, dieses Gerät motiviert mich ungemein. Meine Leistungen sind gestiegen, und es macht mir erst noch Freude, zu Joggen – was früher kaum vorstellbar war. Wie sich das entwickeln wird, kann ich aber noch nicht voraussagen.

  • Markus Behringer sagt:

    Die schnellsten Läufer der Welt benutzen weder mp3-Player, Pulsuhren oder sonstigen Hightech-Kram. Sogar Laufschuhe haben die wenigsten. Und dennoch laufen sie der europäischen „Laufelite“ regelmässig um die Ohren. Zeit zum nachdenken…

  • Erika B. sagt:

    Ich glaube, man kann lernen, auf die eigenen Körpersignale zu achten, statt auf das Piepsen einer Pulsuhr. Und zugestöpselt mag ich ebenfalls nicht laufen, weil ich dann die Natur nicht höre, die Vögel, das Rauschen der Blätter und des kleinen Baches.
    Aber es kommt auf die Ziele an.

  • martin sagt:

    ich finde es ja immer lustig: die läufer mit den stöpseln in den ohren, die sich fast zu tode erschrecken wenn man sie überholt. neben sich nahenden „gefahren“, hört man ohne musik im ohr auch die natur – wunderbar finde ich. und dem einen oder anderen läufer würde es auch gut tun, auf seine schritte zu hören und sich evtl. mal über den laufstil gedanken zu machen… :-)

  • David sagt:

    Es gibt die richtige Lösung für leichteres Laufen mit Musik epoSOUNDS. In den USA bereits ein grosser Erfolg. Einfach aufs Lauftempo einstellen und los gehts.

  • Tim Weser sagt:

    http://www.spiegel.de/spiegel/a-560127.html
    „Schadet Musikgenuss beim Joggen oder Radfahren? Neue Experimente zeigen: Klangduschen wirken leistungsfördernd – aber sie führen auch zur Ausschüttung von Stresshormonen.“

  • Markus Lindenmann sagt:

    Ausser für Anfänger sind Pulsmesser gänzlich überflüssig. Wer sich seit Jahren regelmässig bewegt, kennt seinen Körper und seinen Allgemeinzustand. Elelektronischer „Schnickschnack“ lenkt ab und bringt die „User“ um einzigartige Natur Erlebnisse und die innere Harmonie.

    • Peter Meier sagt:

      Nachdem ich mir von Jahren eine Pulsuhr angeschafft habe, verwende ich sie heute kaum noch. Denn auch ohne die Pulsuhr weiss ich heute genügend genau in welchem Pulsbereich ich gerade laufe. Ab und zu überprüfe ich dies wieder mit der Pulsuhr – nur um mein Pulsgefühl bestätigt zu sehen und die Pulsuhr wieder monatelang wegzulassen.

  • SomeintPhia sagt:

    Schneller oder leichter erklommen? Der Test mit gar keiner Technik oder mit komplett funktionierender wird es zeigen.

    Anlässlich des regnerischen GPs von Bern im 2011 hatte ich extrem mit der Soundqualität des ipods zu kämpfen, das war dann nicht wirklich ein Erlebnis. Im 2012 gings dann mit funktionierender Technik (und auch etwas mehr Trainingskilometern) 10 Minuten schneller ins Ziel. Der Unterschied / Einfluss ist trotzdem schwierig eruierbar.

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich finde die ganzen technischen hifsmittel, gerade beim joggen, eher störend. ohne kann ich: – meinen gedanken nachhängen, den tag verarbeiten, konzepte durchdenken; und/oder einfach die natur geniessen.

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