Der schönste Ort der Schweiz. Wirklich!

Diese Woche im Schächental und Brunnital (UR)


Samstagmorgen um acht, der Zug ins Tessin ist voll mit Rekruten. Sie trinken Bier aus Halbliterdosen. Gott sei Dank singen sie keine zotigen Lieder, wie es früher der Brauch war. Jeder ein digitaler Autist, lauschen sie stumm dem Sound aus den Ohrhörern. Nur einer nervt. Alle fünf Minuten kräht er durch den Wagen: «I biglietti, per favore.» Besser der Humor des Chauffeurs im Bus von Flüelen zum Klausenpass. Beim Denkmal in Altdorf, das Vater und Sohn Tell zeigt, gibt er durch: «Der Grosse ist der Franz Steinegger. Der Kleine, das ist der Blocher.»

In Unterschächen-Ribi, wo die Klausenstrasse markant zu steigen beginnt, steigen wir aus. Zur Alp Wannelen hinauf, unserem ersten Ziel, könnten wir jetzt das Seilbähnchen nehmen, das aus einer besseren Holzbaracke startet – doch wäre das extrem schade. Wir würden des Anblicks der Alp Äsch nicht teilhaftig. Ich wage todesmutig den Superlativ: Sie, die wir nach 45 lockeren Gehminuten erreichen, ist der schönste Ort der Schweiz. Wer sie wirklichkeitsgetreu malen würde, bekäme zu hören: «Was für ein klischierter Helgen, du Kitschbruder, du!»

Wilde Ursprünglichkeit

Äsch, das ist ein Dutzend Ställe, Hütten, Häuser im Bergkessel. Sie hocken auf sattgrünen Matten, in denen ab und zu ein Stein liegt und für Schattenwurf und Kontur sorgt. Die Kühe weiden ausgesprochen anmutig. Eine Kapelle steht da auch. Und hinten stürzt ein Wasserfall über eine 100 Meter hohe Felsfluh und tut, was in seinem Namen «Stäuben» anklingt: Er stiebt.

Schliesslich lösen wir uns und ziehen weiter. Nun wird die Sache streng. Wir vollziehen eine grosse Kurve um den Wasserfall, werden später direkt über ihm den Bach queren, der ihn speist. Der Weg nach Hütten, zur Nideralp und nach Wannelen ist abwechslungsreich und wild: Das eine Stück ist Wald mit dramatisch freiliegenden und sich festkrallenden Baumwurzeln, das nächste Weide mit riesigen Felsbrocken, niedergekollert von den Bergen oberhalb. Dann wieder gehen wir auf einem Höhenweg und blicken auf die gegenüberliegende Flanke des Schächentals samt Gipfeln wie Schächentaler Windgällen und Kaiserstock.

Und dann ist da Feuchboden, über und über bedeckt von Pestwurz. Jedes einzelne der riesigen Blätter ist durchlöchert. Ich blicke genauer hin: Eine Armada kleiner, schillernder blauer Käfer frisst sich satt. Es muss ein bizarres Gefühl sein: das essen, worauf man hockt.

Vollends glücklich

Auf Wannelen kehren wir in der Alpwirtschaft ein, probieren ihren Käse, geniessen Luft und Sonne. Die Älplerfamilie hat sich ins Innere des Hauses zurückgezogen, feine, diskrete Menschen, wie oft in den Bergen. Nun könnten wir nach gut drei Gehstunden die Wanderung beenden und mit der Seilbahn nach Ribi niederfahren. Doch der zweite, noch einmal so lange Teil macht vollends glücklich. Wir steigen ein wenig durch ein brüskes Waldstück ab, ziehen dann vorwärts, vorbei an der Trogenalp; schon wieder eine Wirtschaft! Und auch im Alpweiler Brunni können wir einige Zeit später einkehren.

Hernach geht es dem Hinter Schächen entlang durchs Brunnital zur Klausenstrasse zurück. Das Fazit, das wir in Unterschächen über einem Bier ziehen: Wer diese Wanderung nicht kennt, ist arm und sollte sie baldmöglichst machen!

Route: Unterschächen-Ribi (Bus) – Wannelen-Talstation – Äsch – Gurtenstalden – Hütten – Nideralp – Wannelen-Bergstation – Trogenalp – Brunni – Bielen – Unterschächen-Post (Bus).

Gehzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 930 Meter aufwärts, 990 abwärts.

Kurzvariante: Nur die erste Hälfte bis zur Alp Wannelen gehen. Von dort mit der Seilbahn wieder hinab nach Unteschächen-Ribi. 3 1/4 Stunden, 830 Meter auf-, 250 abwärts.

Wanderkarte: 246 T «Klausenpass» 1: 50 000.

Charakter: Bilderbuchschweiz. Steilpassagen auf- und abwärts, stellenweise schmal, doch nicht ausgesetzt. Anstrengend. Besonders schöne Bergansichten.

Höhepunkte: Der Alpweiler von Äsch. Der Blick vom Höhenweg vor Wannelen auf die Talflanke gegenüber mit der Klausenstrasse und den hohen Bergen darüber. Das Fussbad im Hinter Schächen im Brunnital.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Wannelen und Trogenalp (bei gut Wetter momentan in der Regel offen) und im Brunni-Beizli (Do Ruhetag). http://www.unterschaechen.ch/Alpbeizli.84.0.html

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

22 Kommentare zu «Der schönste Ort der Schweiz. Wirklich!»

  • Erliger Marcel sagt:

    Eine Wanderungen die sehr vieles bietet was ein Wanderherz begehrt: Naturstrassen und Weg, Wildbäche, Wasserfall, tiefgrüne Wiesen, Wälder, Kühe, Gemsen, viele kleine von Bauern geführte Alpwirtschaften, imposante Felswände, einrückliche Panaoramawelt – einfach herrlich – hier kann man Energie tanken. Für jene die es zuhinterst auf der Alp Brunni, nach einer Stärkung im Alphüttli, nochmals wissen wollen: Auf der Sittlisalp gibt es noch eine Alpkäserei die auch Käse, Joghourts und Shaks verkauft oder auf Gampeln wiederum eine kleine Alpwirtschaft bevor man mit der Seilbahn ins Brunnital herunterfährt. Es gibt bei diesem Zusatz einen kleine Wermutstropfen: Man verpasst die Wandungen durch das wildromatische Brunnital.

  • Rosmarie Frey sagt:

    Habe die Wanderung am Sonntag unter die Füsse genommen. Bin aber von Wannelen mit der Seilbahn zurück nach Unteschächen gefahren. Denn mit 74 Jahren auf dem Buckel brauchte ich 5 Stunden bis zur Beiz. Da war der 2. Teil nicht mehr drin. Es war ein herrliches Erlebnis. Bin fasziniert von der Landschaft. Danke für den Tipp!

  • Giovanni sagt:

    Meine Frau und ich haben einige Malie die Wanderung von der Klausenoasshöhe aus gemacht. Sie hat sich jedesmal gelohnt. Jetzt sind wir aber erheblich ölter geworden und müssen darum unsere Berrgwanderungen leiderr etwas einschränken. Aber nach wie vor schätzen wir es, uns im Gebiet Urnerboden-Klausenpass-Schächental zu bewegen.

  • what a wonderful place

    Seit 40 Jahren wohnen wir in den USA, in ein paar Tagen sind wir wieder im “ Schaechen Vallley“ auf Besuch
    bei Verwnaten und Bekannten und freuen uns diesen ruhigen Flecken zu begehen und zu schatezen.

  • Heimwehurnerin sagt:

    Wie wohl tut der Bericht meinem Heimwehherz! Wo ich doch gerade für eine Woche auf der Alp Äsch wohne und jedenTag frische Milch von den heimischen Bauern beziehen darf – ich geniesse jede Minute auf dieser wunderschönen Alp! Am Montag beginnt wieder der Alltag un Zürich – gerne werde ich da an den Kraftort Äsch zurückdenken!
    PS: Von Äsch aus könnte man mit einer kleienen Seilbah nach Oberalp fahren. Dort hat im Sommer die Alpbeiz mit herrlichem Alpkäse geöffnet, und man kann eine slte authentische Sennhütte besichtigen! Danach Abstieg nach Niederalp usw….

  • René von Euw sagt:

    Ja, Äsch mit dem Schteibi ist ein zauberhafter Flecken. Das wusste schon Regisseur Xavier Koller, der wichtige Teile seines Films „Das gefrorene Herz“ 1979 in Äsch gedreht hat.

  • Hallo Guido, auf die Gefahr hin, dass ich nicht gemeint bin – natürlich war ich schon im Fellital: Gurtnellen – Fellilücke – Nätschen.

    • Guido sagt:

      Das freut mich, und es hat Ihnen hoffentlich gefallen. Falls Sie wieder mal Lust haben, besuchen Sie das Tal wieder mal und kehren dann in der Treschhütte SAC ein. Sie erstrahlt jetzt im neuem Glanz.

  • Martin sagt:

    Merci fuer die Vorschlaege, ist notiert

  • peter ess sagt:

    durfte/musste in den 80er 4 Wochen in diesem Tal verbringen … eben: Militär – schönstes Schweiz …..! Glücklicherweise ist es nicht ganz so einfach sich dorthin zu verirren :-)

  • Guido sagt:

    Ich wage zu behaupten Sie waren noch nie im Fellital.

  • Lieber Herr Rittermann, vielen Dank für den Tipp; ist notiert! GPS-Koordinaten? Meinen Sie eine Datei im gpx-Format mit der ganzen Route? Mir ist eben leider nicht klar, wie ich die rein technisch an den Leser bringe… Seufz

  • Philipp Rittermann sagt:

    so herr widmer – nun hab‘ ich mal einen tipp für sie -> waren sie schon mal im valle di lei wandern? – tolles erlebnis mit wilden schluchten, sturzbächen und dann – der höhepunkt nach der überquerung der staumauer – das „baita del capriolo!“ wird von einem original und seiner frau geführt. ausgezeichnete lokale spezialitäten à discrétion, (es wird aufgetischt und man bezahlt das was man isst). der selbstgekelterte schaumwein hat absolutes suchtpotential und die ambiance ist herrlich bodenständig. es ist mir nach stundenlangem…. „müden“ sogar gelungen, die allerletzte flasche, (ausstellungsstück), des legendären „schlangen-grappa’s zu ergattern. fazit – toller tag und eine trophäe mehr. :) -> sogar mit hund, frau und kindern machbar, (der grappa hilft….).

    • Philipp Rittermann sagt:

      ou ich vergass – wann möglich die beiz unter der woche besuchen – gibt einem die gelegenheit mit dem wirt zu plaudern. am wochenende bei schönem wetter ist der hahnen geragelt voll.

  • Pedro Lima sagt:

    Im heutigen Zeitalter wäre die Angabe der Koordinaten für’s GPS sehr dienlich!

    • Philipp Rittermann sagt:

      …wer für’s wandern ein gps braucht tut mir leid. oder sind sie einer der lustigen mitmenschen die irgendwelchen schnickschnack im wald verbuddeln, wo dann ganze heerscharen das zeugs (mit gps….) suchen…und was anderes verbuddeln……

      • Pedro Lima sagt:

        weder buddeln noch suchen sind gefragt.

        Der eine wandert mit der Karte der andere ist fasziniert von den Möglichkeiten eines GPS. Im Notfall könnte
        man die Koordinaten einfach an die REGA weitergeben, falls mal etwas passiert. Sie nehmen ja auch keine
        Telefon-Fixstation mit auf die Wanderung sondern ihr Handy, falls Sie eines haben.

        In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Wandern; mit Karte oder GPS

    • Benjamin sagt:

      Werter Herr Lima, Sie sehen ja wo der Start der Wanderung ist. Wenn sie erstmal da sind werden sie sehen das es da von Wanderwegweiser nur so wimmelt. Sie können sich also unmöglich verlaufen. Im Zweifelsfalle geben die Bewohner auch gerne Auskunft und sie können dabei noch ein bisschen socializen. Sparen sie doch den Strom für bessere Zwecke und brauchen sie ihr GPS dort, wo es auch wirklich von Nöten ist. Hochachtungsvoll, Benjamin Waibel

  • G. S. sagt:

    Sofort zubetonieren++ Damit man das gesunde Umfeld geniessen kann…….

    • Philipp Rittermann sagt:

      ….mit gütiger unterstützung des bundesrates und seines vetterliwirtenberatergremiums wird das aufgrund äh-druck der bergkantone bestimmt so weit kommen….und wann dann alles verbaut ist, ziehen die bergler in’s unterland….

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich bin arm und werde diese wanderung baldmöglichst machen! :)

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