Cheesecake im globalisierten Alpenhotel

Diese Woche von Birgisch zur Belalp (VS)

Vor dem Bahnhof Brig sehen wir die Postautos – welches ist wohl das unsrige? Das mit den Massen von Leuten, die Schlange stehen? Gott sei Dank, nein, das ist der Bus über den Simplon. Ist es der andere Bus, der auch schon fast voll ist? Gott sei Dank, nein, das ist die Linie hinauf nach Blatten.

Unser Bus, der nach Mund, ist erfreulicherweise praktisch leer. Speditiv trägt er uns am Nordhang über Brig und Naters ein Stück höher. «Birgisch, Parkplatz» heisst unsere Haltstelle. Wir steigen aus, sehen eine Asphaltfläche, ein paar Häuser und vorn an der Terrassenkante ein Kirchlein. Der Wanderwegweiser zeigt unser Ziel an: Nessel/Belalp.

Berggiganten am Horizont

Wir ziehen los, kommen gleich als erstes an der braun-hölzernen Gemütlichwirtschaft «Birgisch» vorbei. Fünf Minuten weiter oben sonnt sich eine Babyschlange am Rand der Strasse. Es wird unser gewahr, will fliehen, kommt auf dem glatten Grund aber nicht recht vorwärts. Erst im Gras legt es an Tempo zu und entschwindet.

Bald sind wir den Hartbelag los. Die 1000 Höhenmeter der nächsten zwei Stunden sind Gehfreude. Die Steigung ist nie brutal, der Alpweg meistert sie in souveränen Kehren. Ein schäumender Gebirgsbach schneidet den Weg, das Wasser ist eiskalt, kommt direkt von den Schneefeldern über uns. Eine Trockenmauer begeistert das Auge durch ihr Ebenmass, sie wurde 2003 fachgerecht restauriert. Der Fernblick ist grandios, wo der Wald es erlaubt: Tief unten sehen wir das Gleisfeld von Brig. Direkt gegenüber haben wir die Simplonstrasse. Und den Horizont rahmen Berggiganten.

Baden im Bach vor Bäll

Endlich erreichen wir, nun doch ein wenig müde, die Nesselalp. Eine Handvoll Ferienhäuser hockt oberhalb des Baches, auf der Kuppe darüber thront ein Kapellchen aus Stein, «Maria zum Schnee». Wir treten ein, schauen uns das zusasmmenklappbare, dreiflüglige Marien- und Heiligenbild von 1656 auf dem Altar an – portable Schönheit.

Wenn der Aufstieg zur Nesselalp die ebenso schmackhafte wie happige Hauptmahlzeit dieser Wanderung war, so ist die zweite Etappe hinüber zur Belalp das luftige Dessert. Zu den Zutaten gehört der Blick auf den Aletschgletscher in mittlerer Distanz. Unser Ziel liegt wesentlich näher. Der Weg Richtung Belalp zieht sich in etwa der Höhenlinie entlang durch den Steilhang, der über und über von Alpenrosenbüschen bedeckt ist. Kurz vor Bäll, einem Ortsteil der Belalp mit einer zu grossen, hässlichen Ferienhaus-Überbauung, gönnen wir uns ein Fussbad im Bach.

Route: Birgisch Parkplatz (Bushaltstelle der Linie Brig – Mund) – Oberbirgisch – Birgischwald – Alp Nessel – Bäll – Belalp Seilbahn (Niederfahrt nach Blatten zum Bus nach Brig).
Gehzeit: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1080 Meter aufwärts, 70 abwärts.

Charakter: Streckenweise steil im ersten Teil, doch nie ausgesetzt oder gefährlich. Viel Wald. Ab Nesselalp eine völlig andere Wanderung: weitgehend geradeaus hinüber zur Belalp. Insgesamt sehr aussichtsreich.

Höhepunkte: Der Tiefblick auf Brig aus dem Birgischwald. Das Fussbad im Nessjeribach auf der Nesselalp. Das reizende Kapellchen daselbst.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Am Anfang im Restaurant Birgisch (Montag Ruhetag) und am Schluss in Bäll in der Hamilton Lodge (momentan durchgehend offen).

Wanderkarte: 2516 T «Aletschgebiet» 1: 25 000.

Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu «Cheesecake im globalisierten Alpenhotel»

  • Urs Kyburz sagt:

    Wenn man das Bild 11 anschaut oder generell über das Rhonetal überblickt, müssen sich die Walliser nicht wundern, dass die Zweitwohnungsinitiative angenommen wurde. Ganze Landschaften wurden und werden da ganz grässlich verschandelt, sie zerstören ihr eigenes Kapital. Gut, dass dem Einhalt geboten wurde, aber sie werden sicher noch Schlupflöcher finden. Wer es nicht wahrhaben will, soll mal Montana und Umgebung vom Illhorn aus anschauen.

  • hallo thomas

    danke für den schönen wandertipp.
    ich bin in fiesch, im aletschgebiet aufgewachsen, und kenne diese wanderung bestens. ich kann sie allen wanderern und
    naturfreunden empfehlen. die weit- und einblicke in die natur sind einfach wunderbar.

    ich wünsche allen viel spass.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

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