Eine könizologische Wanderung

Diese Woche durchs Hügelland südlich von Bern


Kürzlich wanderte ich mit Andreas, Godi, Stefan, alles Männer meiner Altersklasse, nicht mehr jung, noch nicht alt. Drei von uns arbeiteten früher bei derselben Zeitung in Bern, wir sind alte Kollegen. Und Andreas, den vormaligen Geschäftsführer der Berner Wanderwege, hatte ich schon lange kennenlernen wollen. Den Anlass lieferte dann ein Buchprojekt: Andreas schreibt an einem Führer mit Berner Kurzwanderungen. Unsere Route soll darin vorkommen.

Derweil der Regen nachliess und speditiv der Sonne Platz machte, starteten wir in Niederscherli, einem Dorf an der S-Bahn-Linie von Bern nach Schwarzenburg. Schnell liessen wir den Asphalt hinter uns, passierten eine Engstelle aus Sandstein, die uns abenteuerlich wie die Hohle Gasse vorkam, und langten einige Zeit später in Oberscherli an. Dessen Bäckerei fungiert auch als Kleinbistro – und überhaupt, was für ein gastlicher Weiler: Die Ganztagesschule ist mit farbigen Purzelbuchstaben angeschrieben, so wie man es von Kühlschrankmagnet-Schriftzügen kennt. Und im Minipark erblickten wir ein gestrandetes Motorboot, an dessen Steuer kleine Kinder sicher mit Freuden Kapitän spielen.

Die Agglogemeinde, die halb Dorf und halb Stadt ist

Zu Godi muss ich nun doch etwas anmerken. Er ist mittlerweile Info-Beauftragter von Köniz und kam auch darum mit auf die Wanderung, die zu einem Gutteil in seiner Gemeinde spielt. Beim Gehen erwies er sich als gewiefter Könizologe, wir erfuhren so manches Interessante. Etwa dies: Köniz hat über 100 Kilometer Wanderwege. Leute, die sich einbürgern lassen wollen, sollten das ganze Netz abmarschiert haben, fand ich.

Des weitern redeten wir darüber, dass Köniz, Nachbarin der Stadt Bern und grösste Agglogemeinde der Schweiz mit fast 40 000 Einwohnern, den Wakkerpreis 2012 gewonnen hat. Es wurde für eine vorbildliche Raumplanung und Einbindung des öffentlichen Verkehrs ausgezeichnet. Beides ist gar nicht so einfach zu bewerkstelligen. Denn eben, die Gemeinde ist dezentral. Sie besteht aus einem stadtartigen Teil bei Bern plus mehreren Dörfern und Weilern à la Nieder- und Oberscherli.

Eine feine Wanderung

Plaudernd und keuchend gelangten wir auf die Zingghöch. Es begann ein Höhenweg hinüber zum Weiler Egg und hinab zum Lisiberg. Eine tolle Flanierstrecke war das: Wir sahen am Horizont die Dreierkomposition Eiger, Mönch und Jungfrau. Aber auch die Einzelzähne Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn.

Irgendwann waren wir nicht mehr in Köniz. Die Gegend blieb schön. In Zimmerwald assen wir gut im Löwen. Angesichts des zurückkehrenden Sommerwetters wanderten wir hernach weiter: Abstieg nach Niederhüseren zum Gürbetaler Panoramaweg. Berns – und Könizens – Hausberg Gurten war nun ziemlich, der Ulmizberg mit seiner fetten Fernmelde-Installation sogar sehr nah. Auf dem Panoramaweg hielten wir hinüber nach Englisberg zum Alters- und Pflegeheim Kühlewil. Während wir dort auf den Bus hinab nach Kehrsatz warteten, befanden wir: Doch, eine feine Wanderung! Und sicher hat Köniz den Wakkerpreis verdient!

Das fehlende Tüpfelchen auf dem «i»

Ein Detail allerdings beschäftigte uns nachhaltig. Im rustikalen Zimmerwald assen wir, wie gesagt, gut. Und die Löwen-Wirtin war passabel nett. Bloss die erste Minute unserer Einkehr verlief befremdlich. Ein Schild bei der Vordertür vermeldete eine Gartenterrasse. «Können wir draussen essen?», fragten wir die Wirtin freudig. Sie verneinte: «Das rentiert nicht.»

Gehzeit: 4 1/2 Stunden. 1 1/2 Stunden weniger, wenn man in Zimmerwald aufhört.

Höhendifferenz: 530 m aufwärts, 390 abwärts.

Charakter: Lieblich. Mittlere Anstrengung. Feld und Wald. Ein bisschen Asphalt.

Höhepunkte: Der Hohlweg von Niederscherli. Das Kleinstdorf Oberscherli. Die Aussicht vom Höhenweg nach der Zingghöch.

Hund: Gut machbar.

Einkehr unterwegs: Bäckerei Jäger in Oberscherli (Minibistro), www.jaeger-oberscherli.ch, Löwen Zimmerwald: www.loewen-zimmerwald.ch.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com.

Beliebte Blogbeiträge

7 Kommentare zu «Eine könizologische Wanderung»

  • 08/15 sagt:

    auch die Agglo wo ich seit 40 Jahren wohne war schon immer ein Wandergebiet für unsere Familie. Da gibt es ängere und kürzere Ziele die man, je nach Lust und Möglichkeit der Kinder mit ganz wenig Kosten zu einem wunderbaren Wandertag nutzen kann. Da und die Möglichkeit das kleine Kinder in einer dmals nochgesunden Umgebung aufwachsen konnten, war die Motivation in diese Gegend zu ziehen – leider hat sich das mittlerweile auch stark verändert und es ist al lebe man schon in der Stadt. Damals war die Fahrt von der Stadt zum Wohnort schon eine komplizierte und aufwendige „Reise“.
    Bereut haben wir, nun nur noch ich, nie!

  • Anja Soldat sagt:

    Danke für den Outdoorblog und die unterhaltsamen Einträge. Wurde dadurch gleich zu einem eigenen Eintrag in meinem Blog inspiriert: http://captainezwerg.blogspot.com/2012/06/heute-ware-ein-wandertag-gewesen.html

  • „Das rentiert nicht…“

    In solchen Fällen sollte man den Mut haben, sich für die Störung zu entschuldigen und das Lokal wieder zu verlassen. Unfassbar, manchen geht es offenbar zu gut…

  • Thomas Widmer (Autor) sagt:

    Vielen Dank für beide Feedbacks!

  • Daniel sagt:

    Wir waren letzthin auch im Löwen in Zimmerwald. Das Essen war zwar gut, aber sau teuer und wir erlebten die Wirtin auch nicht gerade als sehr zuvorkommend.

  • hallo thomas

    danke für die interesante wanderung…
    ich kenne diese wanderung, und kann sie bestens weiterempfehlen… man gewinnt die verschiedensten Einblicke in da
    schönste land der erde…
    in keinem andern land auf der erde haben wir auf engem raum, so unterschiedliche und rasch wechselnde landschaften…

    ich wünsche allen viel spass auf dieser herrlichen wanderung.

    gruss von
    raphael wellig / stadt Bern / http://www.raphaelwellig.ch

    • 08/15 sagt:

      das ist ja das erstqaunliche, dass man in unserem Land innerhalb kürzester Zeit die unterschiedlichsten Landschaften, Leute, Gebäude und Gepflogenheiten kennen kann.
      Ich bin letzthin mit ausländischen Freunden mit dem Glacier Express von Brig nach Chur gefahren und habe durch deren Ah-Ohrufen und durch „deren augen“ soviel Neues entdeckt dem ich bisher viel zuwenig beachtung geschenkt habe!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.