Die Tücken des ersten Mals


Mein erstes Mal war ein spontaner Entscheid. Mein Glück war es, dass die Organisatoren des Ironman 70.3 Rapperswil-Jona am vergangenen Wochenende noch wenige Startplätze vor Ort vergaben. In der Euphorie meines waghalsigen Entschlusses meldete ich mich an – ohne wirklich abschätzen zu können, auf was ich mich einliess: Noch nie hatte ich einen Triathlon bestritten, der über die übliche olympische Distanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren und 10 km Laufen) hinausging. Jetzt standen 1,9 km Schwimmen, 90 km Velo und 21 km Laufen auf meinem Programm – und mit der Anmeldung wuchsen die Zweifel. Würde ich mich übernehmen?

Ich holte mir letzte Tipps von zwei Routiniers (siehe unten) und versuchte mich damit zu beruhigen. Einige Ratschläge bewirkten aber das Gegenteil. Ich hatte beispielsweise weder einen Plan B bei einem platten Reifen auf der Radstrecke, noch würde ich mit flinken Fingern einen neuen Schlauch montieren können. Nur zu gerne überliess ich dies bei Trainings und Ausfahrten jeweils den Herren der Schöpfung, die sich damit einerseits galant zeigten. Andererseits ersparten sie sich aber auch stundenlange Wartezeiten. Kleidung für Kälte und Nässe getestet? Auch dahinter fehlte auf meiner Liste das Häkchen.

Material in Plastikbox

Eines hatte ich allerdings die Tage vor dem Ironman 70.3 in Rapperswil im Auge behalten: Die Prognosen der Wetterfrösche. Sie sagten kurze Schauer am Morgen, später Aufhellungen und gegen Ende des Nachmittags heftigen Regen oder gar Gewitter voraus. Petrus‘ Marschbefehl stand also: Nach dem Start um 9 Uhr galt es vor dem Unwetter im Ziel zu sein, denn meine Angst vor dem Donnergrollen würde mir den Wettkampf sonst zur Hölle machen.

Die Meteorologen sollten Recht behalten: Als die weiblichen Teilnehmerinnen ihre Wechselzone einrichteten, goss es wie aus Kübeln. Glücklicherweise hatte ich mir den Ratschlag eines Freundes zu Herzen genommen und mein Material in eine Plastikkiste mit Deckel statt in eine Sporttasche gepackt. Bis Petrus beschlossen hatte den Wasserhahn wieder zuzudrehen, war meine Habe trocken geblieben. Wie ich in der Wechselzone beobachtete, pflegten viele der Triathletinnen einen pragmatischen Umgang mit dem Regenwetter: Während sie üblicherweise damit so lange wie möglich warten, hatten sie an diesem Tag ihre Neoprenanzüge bereits vor dem Einrichten ihres Plätzchens – mehr ist es nämlich nicht – übergestreift. Ihnen konnte der Regen so nichts anhaben.

Vom Kurs abgekommen

Nachdem mein temporäres Zuhause bereit war und ich mich in meinen Neopren gezwängt hatte, stand der Start schon kurz bevor. Eine Schar pinker Badekappen ragte bereits aus dem Wasser – aufgereiht hinter dem Startseil. Der Start: Das Wasser schäumte unter den Schlägen der zahlreichen Arme – das tat auch ich, vor Wut. Von hinten, links und rechts rempelten, stiessen und schlugen die Damen ein, auf was immer ihnen im Weg war. Abermals lobte ich mir den Hinweis eines Freundes. Er riet mir, zwei Badekappen zu tragen. Eine davon stülpte ich über die Gummizüge meiner Schwimmbrille … komme wer oder was wolle, die konnte mir so nichts und niemand vom Kopf reissen.

Ich zog los, blickte immer wieder in die Tiefe des Obersees – der Boden ausser Blickweite, nicht zu vergleichen mit dem Greifen- oder dem Pfäffikersee. Meine Fantasie ging mit mir durch, was sich da unten wohl für Viecher tummelten? Mein Atem stockte, ich schluckte Wasser, prustete, zog erneut los, konzentrierte mich auf meine Atmung. Und plötzlich hörten die Schläge und Rempeleien auf. Ich schwamm und schwamm – zufrieden mit meiner Einsamkeit. Als ich aufschaute, um meinen Kurs zu überprüfen, war der Grund für die Eisanmkeit augenfällig – ich hatte die Strecke verlassen. Die Kurskorrektur kostete mich Zeit, Nerven und Kraft, doch sie sollte nicht die letzte bleiben. Im Nachhinein sollte mir eine Freundin schmunzelnd nahelegen: «Blicke nach jedem zweiten Zug kurz auf.»

Als ob ich reichlich Alkohol statt Wasser geschluckt hätte, so fühlten sich meine ersten Schritte beim Schwimmausstieg an. Dankbar und leicht torkelnd hielt ich mich an den mir entgegengestreckten Händen der bereitstehenden Helfer fest.

Wenn das Rad den Tarif durchgibt

Neopren ab, Helm auf und los gings aufs Rad. Die 90-Kilometer-Strecke war in zwei Runden aufgeteilt. Die erste diente mir als Ersatzbesichtigung, hatte ich es doch versäumt, mich mit dem Weg, den Steigungen und Abfahrten vor Ort vertraut zu machen. Die ersten 45 Kilometer liefen rund. Auf der zweiten Runde hingegen zerwarfen sich mein Rennrad und ich in der ersten Steigung: dem «Witches Hill». Kurz vor der Kurve in den Aufstieg hatte ich eine Banane verdrückt und stopfte die Schale noch in meine Tasche, als ich bereits in die ansteigende Kurve fuhr – im grössten Gang.

Der Reflex war schnell und falsch: Ich drückte den hinteren und den vorderen Kettenkranz gleichzeitig und unvermittelt in den kleinsten Gang. Bevor ich mich versah, rebellierte mein Rad und quittierte meine grobe Aktion mit dem Auswurf der Kette. Ungläubig trat ich weiter in die Pedalen – im Leerlauf, vom Anstieg zusätzlich gebremst, bewegte ich mich kaum noch vorwärts. Langsam aber sicher legte sich mein Velo seitlich auf den Asphalt, noch bevor ich mich aus den Klickpedalen befreien konnte. Glück im Unglück: Ausser einigen Verpflegungsgels, ein wenig Haut, und ein unbehelligtes Ego liess ich nichts liegen und kam – nach diesem Schuss vor den Bug – heil in die Wechselzone.

Wenn der Magen knurrt

Dort warteten meine Laufschuhe. Der innere Schweinehund war an diesem Sonntag ein ordentliches Geschöpf. Er verleitete mich, statt sofort loszulaufen, Ordnung an meinem Plätzchen zu machen. Ein anderer Sportler beobachtete dies und rief entsetzt: «Aufräumen kannst du später, jetzt musst du los! Lauf!» Beharrlich blieb er, die Hände in die Hüften gestemmt, stehen und duldete keinen Widerspruch. Laufen, aber wo war schon wieder der Ausgang für die dritte Disziplin? «Los, in der linken, unteren Ecke gehts raus!» Mit hochrotem Kopf schwor ich mir, nie wieder den Laufausgang nur auf der Karte zu begutachten.

Nach den ersten Schritten merkte ich schnell – meine Beine hatten nicht realisiert, dass sie nicht mehr in den Velo- sondern in den Laufschuhen steckten: Ich lief wie auf rohen Eiern. Ich musste rund fünf Kilometer zurücklegen, bis sich Laufen wie Laufen und nicht wie Taumeln anfühlte. Endlich, meine Disziplin. Wie eigenartig fühlte es sich aber an, nicht mit frischen Beinen loslegen zu können, nicht einmal eiserner Wille half dagegen: Innerlich knurrte nicht nur ich, das tat auch mein Magen. Ein unmissverständliches Alarmzeichen, mein Tank war leer – ich lief auf Reserve. So nutzte ich das kulinarische Angebot an den Verpflegungsposten ausgiebig: Bananen, Bouillon, Cola, Chips, Wasser, Gels, Iso-Getränk. Inzwischen hatten aber die ersten Sturmböen die Rosenstadt erreicht und es schien, als hätten sie die Zuschauermengen weggepustet. Mein Lauf wurde einsam. Während üblicherweise mein iPod ein treuer Rennbegleiter ist, lässt ihn das Triathlonreglement nicht zu. Ich vermisste ihn schmerzlich, lenkte die wachsende Erschöpfung doch meine Aufmerksamkeit auf meine müden Beine. Ein Ratschlag vom einstigen Olympioniken Markus Ryffel rettete mich ins Ziel: «Wenn die Beine nicht mehr vorwärts wollen, lass die Arme arbeiten – die Füsse werden folgen!» Sie taten es und brachten mich über die Ziellinie – kurz bevor die ersten Regentropfen fielen.

Tipps von Routiniers fürs erste Mal (Triathlons verschiedener Distanzen):

Gute Vorbereitung – nicht nur physisch

Roger Kern, zweimaliger Finisher am Ironman Hawaii, warnt davor, sich während den Vorbereitungen nur ums Training zu kümmern. Nur zu oft gingen dabei Wechselabläufe, Ernährung, Technik, Kleidung, und so weiter vergessen. «Ich habe beispielsweise Sportler erlebt, die keine Reifenpanne beheben konnten und sich so mit dem Malheur selbst aus dem Rennen nahmen.» Es gilt also zu üben, wie ein Schlauch unter Zeitdruck gewechselt wird. Kern prägt sich zudem vor einem Wettkampf jeweils die Standorte der Verpflegungsposten ein, damit seine Energietanks auch immer voll sind. Er trinke und esse regelmässig und in kleinen Portionen, definiere vor dem Rennen bereits geeignete Stellen, um sich zu verpflegen. «Auf einem kurvenreichen Abschnitt muss ich mich auf dem Velo auf die Strecke konzentrieren und verdrücke daher meinen Gel an einem geeigneteren Ort wie einem Aufstieg, einer Kuppe vor einer Abfahrt oder einer langen geraden Strecke.»

Auch Heiner Blattmann ist ein alter Hase in der Triathlonszene. Er stand bereits als Junior auf Podesten von Europameisterschaften und nahm als Jugendlicher mit der Elite an Schweizermeisterschaften teil. Nach einer längeren Pause gewann er 2003 den Triathlon von Schaffhausen. Heute führt Blattmann in Winterthur das Triathlon- und Lauffachgeschäft Stop’n Go. Er geht mit Kern einig: «Oft werden die Wechsel in der Vorbereitung vernachlässigt.» Obschon sie tückisch sein können. So könne das schnelle Aufstehen, wenn der Athlet nach dem Schwimmen aus dem Wasser steigt, zu Gleichgewichtsschwierigkeiten führen. Es heisst also sorgfältig aus dem Wasser zu kommen und sich erst mal auf die eigene Standfestigkeit zu konzentrieren.

Wenn das Auge täuscht

Der Wechsel vom Rad in die Laufschuhe ist nicht ohne. Auch ein guter Läufer könne damit seine liebe Mühe haben, so Blattmann. Einerseits ist die Beinmuskulatur noch in der Tretbewegung drin und muss sich auf den Laufschritt umstellen. Andererseits täusche die visuelle Wahrnehmung: «Beim Velo schiesst alles an einem vorbei, beim Laufen ist das Tempo aber deutlich langsamer.» Das verleite die Sportler dazu, zu schnell anzulaufen. Es sei ratsam, die ersten Kilometer locker zurück zu legen, bis der Rhythmus stimmt. Fest steht für Blattmann: Das kann man trainieren. Einfach vor einer Velofahrt die Laufschuhe bereitstellen und wenn man vom Sattel steigt, sofort loslaufen – und zwar gleich einige Kilometer im Wettkampftempo, um danach ruhig auszulaufen. Blattmann stellt klar, dass für einen Triathleten wichtig sei, den Situationsplan in und um die Wechselzone zu kennen. Er empfiehlt den Sportlern, vor dem Rennen das Gelände zu besichtigen. Das gelte idealerweise auch für die Strecke.

Keine Hast in der Wechselzone

Wie Heiner Blattmann empfiehlt auch Roger Kern, die Wechsel vorher zu üben. Nicht nur wegen den verschiedenen Disziplinen, sondern auch wegen dem Vorgehen in der Wechselzone. Am besten präge sich der Sportler einen Ablauf ein, den er stets einhält. Dank dieser Routine gehe nichts vergessen. Er warnt vor Hast: «Lasst euch besser ein paar Sekunden mehr Zeit, dafür habt ihr alles mit dabei.» Es sei wichtig, gegen die Hektik in der Wechselzone immun zu bleiben. «Ich habe schon Athleten gesehen, die nochmals zu ihrem Wechselplatz zurückkehren mussten – oder noch schlimmer, sich auf die Laufstrecke begaben und dann merkten, dass sie noch den Helm auf hatten.» Blattmann weiss zudem, dass die Triathleten im Wasser ihre Startnummer nicht tragen. Darum bleibe diese dann oft in der Wechselzone liegen. Er empfiehlt darum, die Startnummer und die Velobrille in den Helm aufs Velo zu legen.

Gnade mit sich selbst

Roger Kern rät zudem: «Keine Experimente!» Es diene dem Athleten nicht, am Vorabend oder sogar kurz vor Rennbeginn komplett neue Abläufe oder Material auszuprobieren. Er empfiehlt daher, beispielsweise im Vorfeld eine mögliche Kleidung für schlechtes und kaltes Wetter zu testen. «Auch hier habe ich Athleten beobachtet, die bei kühlen Temperaturen im Trägershirt unterwegs waren und unterkühlt den Wettkampf aufgeben mussten – schon ein paar Ärmlinge hätten dies wohl verhindert.» Weiter ruft er vor allem Erstlinge zu Gnade mit sich selbst auf: «Bereite dich vor, auch Fehler machen zu können und zu dürfen. Kein Meister ist vom Himmel gefallen.» Alle Teilnehmer hätten hart für diesen Anlass trainiert. «Also lasst euch nicht von unvorhergesehenen Dingen den Tag vermiesen!» Er selbst habe sich mal beim Wechsel vom Schwimmen aufs Velo ein warmes Untershirt anziehen wollen. Wegen seiner nassen Haut und kalten Händen habe er sich dabei fast stranguliert. Die Schiedsrichter in der Wechselzone durften ihm nicht helfen, hätten sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen können. «Mein Ärger war schnell verflogen und auf dem Velo musste ich selber über mich und die Situation lachen.» Grundsätzlich helfe ein Plan B für die verschiedensten Situationen, so Kern. «Stellt euch Fragen: was mache ich bei einem Reifendefekt, was mache ich bei schlechter Witterung, was wenn ich eine Trinkflasche verliere?»

8 Kommentare zu «Die Tücken des ersten Mals»

  • Angelika sagt:

    ein super Artikel:-) ich war gestern auch dabei, auch einer der Rookies mit den pinken Abdekappen….aber egal wo und wer, alle zählen auf dich, feuern dich an und am Schluss ist jeder Finisher ….und sein eigener „Sieger“…ich habs geschafft:-)

  • Congrats Pia- dies ist eine tolle Leistung. Wie schon gesagt, es ist kein Meister vom Himmel gefallen und man/frau kann sich noch so gut vorbereiten, es ist immer anders. Das einzige, was mir hilft, ist die Eingang/Ausgangs Punkte und Bike course vor dem Rennen anzuschauen. Ich habe dann auch etwas zum Knabbern auf dem Velo -das beste war: chips mit viel Salz -schade, dass Guacamole und Drink nicht so gut geht beim Fahren! Auf dies kann man sich ja am Schluss freuen! congrats!! you are BEST you Rock..what is next?

  • Jan sagt:

    Das weckt schöne Erinnerungen an 2009, als ich in Rappi meinen allerersten Triathlon absolviert habe. Besonders in Erinnerung ist mir die Stimmung unter den Teilnehmern geblieben. Von manchen, die mich überholt haben gabe es aufmunternde Worte oder sogar ein Schulterklopfen. Und als ich, völlig am ende meiner Kräfte, in der zweiten damals noch langen laufrunde durch die Joner Almend vor mich hintorkelte, pakte mich eine Athletin an der Schulter und feuerte mich in reinstem schwäbisch mit den worten „los, du schaffsch das, koi frag!!!“ an. Sehr schade, dass es nun das letzte Mal hat sein sollen und ich gar nicht dabei sein konnte. Ich hoffe, die 70.3 Distanz lebt in der Schweiz irgendwie weiter, sonst muss ich mir überlegen, am über die volle Distanz zu gehen.Und das wird dann noch einmal ein ganz anderes Erlebnis, das erste Mal wird aber immer in ganz besonderer Erinnerung bleiben und ich bin froh, dass es an so einem schönen Ort wie Rappi war.

    • Franz sagt:

      Das ist so, ein ganzer Ironman ist etwas völlig anderes, ist aber auch zu schaffen. Nur dann sollte sie dann auf keinen Fall mit leerem Tank auf die Laufstrecke, das kommt selten gut. Rappi gibts nicht mehr, schade, aber was ist mit dem TriTicino in Locarno…..?

    • Felix sagt:

      In Murten am Seelandtriathlon gibt es die gleiche Distanz (70.3). Es fehlt einfach das Wort Ironman und darum zieht es viel weniger Leute an. Dafür ist die Strecke auch nicht überlaufen und die Gegend ist gerade so schön.

  • r.altenburger sagt:

    Gratulation zum tollen Text :-) und natürlich zum erreichten Zieleinlauf am 70.3 in Rappe. Macht Spass die Erlebnisse von gestern auch hier nochmals originell verfasst revue passieren zu lassen.
    Schade gibt’s den Ironman in Rapperswil zukünftig nicht mehr ….war echt schön.

  • Luise sagt:

    Ach, das kann man so richtig nachfühlen! Aber genau so muss es sein. Einfach ran und aus den Fehlern lernen.

  • Beat Karrer, Winterthur sagt:

    … und schon wieder hat die Pia einen richtig guten Text verfasst – während andere Athleten noch ihre Wunden lecken … vielen Dank!

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