Wie viel Elektronik braucht das Velo?

Wenn von Velos und Akkus die Rede ist, sind meistens eBikes gemeint. Dabei ist das Fahrrad drauf und dran, mittels Elektronik gesteuert und Teil des digitalen Lifestyles zu werden. Ein Streifzug in spannungsgeladene Gefilde – mit einem Ausblick in die Zukunft.

Strava ist der digitale Bräunungsstreifen – so war es vor kurzem auf Twitter zu lesen. Hinter diesem kurzen Satz steckt ein ganzes Zukunfts-Szenario. Denn in den Zeiten von Koblet und Kübler verrieten noch messerscharf gezogene Bräunungsstreifen an Armen und Beinen den beinharten Rennradler im Schwimmbad. Als Rominger und Zülle obenaus schwangen, traten bereits Pulsuhren ihren Siegeszug an. So wurden neben Kilo- und Höhenmetern sowie der Fahrzeit auch der Maximal- und der Ruhepuls zu Elementen der radsportlichen Selbstdarstellung. Schliesslich kommt die Leistung erst durch Erzählung richtig zur Geltung.

Wetteifern der Sportler im Netz

In Zeiten von Web 2.0 und Social Media übernehmen Plattformen wie Strava oder SportyPal die Funktion von Trainings-Tagebüchern und Sportler-Stammtischen. Neben Distanz, Höhenmetern, der Fahrzeit und Pulswerten lassen sich auch die getretenen Wattzahlen registrieren, auswerten und graphisch darstellen – gerne auch im Vergleich zur Topographie der Ausfahrt. Da die Daten weltweit einsehbar sind, erweitert sich der Kreis der miteinander Wetteifernden in einem bis vor kurzem unvorstellbaren Ausmass. Im Bereich des Extremsports übernehmen Helmkameras und Plattformen wie YouTube oder Vimeo die Funktion digitaler Bräunungsstreifen.

Noch aber hat sich niemand an eine volle Integration von Datenerhebung, mobiler Kommunikation und virtueller Plattformen zum Leistungsvergleich gewagt. Angesichts des Vormarsches der Elektronik am Fahrrad scheint das aber nur eine Frage der Zeit. Der einst rein mechanische Drahtesel hat sich innert eines Jahrzehnts ungemein gemacht. Und für einmal kommt dem Rennrad eine Vorreiter-Rolle zu. Elektronische Schaltungen wie das Di2-System von Shimano oder Campagnolos EPS-System haben sich etabliert. Auch Tachos mit GPS-Funktion und einer Schnittstelle zwecks Auswertung aller Daten am heimischen Computer sind längst nicht nur den Profis vorbehalten.

Messtechnik und Kleinkraftwerk an Bord

Sogar sündhaft teure Systeme zur Leistungsanalyse finden sich immer öfter an Velos von gutbetuchten Amateuren. Der deutsche Hersteller SRM ist so etwas wie der Platzhirsch. SRAM hat sich mit Quarq die entsprechende Technik ebenso eingekauft wie GPS-Krösus Garmin, und der französische Pedalhersteller Look hat zusammen mit Polar die «Keo Power»-Pedale entwickelt, bei denen die gesamte Wattmessung in der Pedalachse steckt. Dies erlaubt es, die getretenen Wattzahlen noch auf die beiden Beine aufzuschlüsseln, was gerade für Reha-Patienten eine interessante Sache sein dürfte.

Weil moderne Alltagsvelos meist mit einem Nabendynamo ausgerüstet sind, sind sie für digitale Stadtnomaden besonders interessant. Denn solche Nabendynamos produzieren eigentlich immer Strom, ohne dass sich der Widerstand beim Fahren spürbar erhöht. Eine Reihe von Herstellern wie Busch&Müller, Tout Terrain, Power Pedal+ und BioLogic haben darum kleine Transformatoren und Akkus entwickelt, die den überschüssigen, sonst verpuffenden Strom speichern und bei Bedarf an notorisch stromhungrige Geräte wie Smartphones oder Tablet-Computer abgeben können. So wird das Velo zum Kleinkraftwerk.

Evolution elektronischer Fahrwerke

Beim Mountainbike hat es die Elektronik bisher am schwierigsten. Tatsächlich sind die steten Vibrationen im Gelände und der häufige Schlammbeschuss kein naheliegendes Umfeld für allfällige Spielereien. Schon Mitte der 90er-Jahre überraschten Noleen und K2 jedoch mit «Smart Shock»-Federelementen. Die sollten nur auf Erschütterungen, aber nicht auf Antriebseinflüsse reagieren und ein Aufschaukeln verhindern. Die Funktion liess damals aber stark zu wünschen übrig. Das Bike-Magazin «Move» lästerte gar über das teuerste LED-Lämpchen der Welt.

Schon weit ambitionierter war das Concept-Bike «Simon», das Cannondale im Herbst 2009 präsentierte: Sensoren messen das gefahrene Tempo, Erschütterungen sowie die Einfedergeschwindigkeit der Gabel. Die Dämpfung wird darauf in Sekundenbruchteilen elektromechanisch angepasst. Zudem lassen sich mit dem kleinen Joystick am Lenker vier vordefinierte Einstellungen wählen, von komfortabel bis sportlich-straff. Einen etwas einfacheren Ansatz verfolgt der taiwanesische Hersteller RST mit einem Prototypen, der die Feineinstellung von Federbein und Federgabel über einen kleinen Computer am Lenker erlaubt. Beide Systeme verschwanden nach der Präsentation wieder in den Entwicklungslaboren, statt in den Handel zu gelangen.

Gegen diese Prototypen wirkt das «iRD»-Konzept von Federungsspezialist Fox schon fast wie ein Rückschritt. Dafür kommt es bereits mit dem Modelljahrgang 2013 auf den Markt, also im kommenden Herbst. Hier dient die Elektronik nur dazu, vom Lenker aus blitzschnell zwischen einem straffen und einem schluckfreudigen Fahrwerk hin und her zu wechseln. Da Fox das System zusammen mit Shimano entwickelt hat, haben sich der Akku und die Stromkabel bereits beim Di2-System der Japaner bewährt – und damit im Strassenrennsport. Mit iRD zielt Fox vor allem auf Rennfahrer und die betuchte Klientel, die diesen nacheifert.

Schöne, neue Socialmedia-Welt?

Dafür weist Fox mit einer Smartphone-App, welche Schritt für Schritt die Einstellung des Fahrwerks nach Fahrertyp und –gewicht erleichtert, in eine weitere, interessante Richtung. Denn bisher hat noch kein Hersteller die kleinen Taschencomputer mit Telefon-Funktion direkt mit den Funktionen von Fahrrädern verknüpft – einmal abgesehen von reinen Tacho-Funktionen, die auf GPS-Daten basieren. Smart wollte zwar beim neuen eBike zunächst das Smartphone zum Tacho und Zündschlüssel in einem machen, ist aber wieder von diesem Vorhaben abgerückt  Auch sonst setzt noch kein Hersteller konsequent auf diese Lösung, obwohl sie so naheliegend scheint.

In naher Zukunft könnte das dann so aussehen: Auf den letzten Metern vor der Passhöhe ruft der Pedalritter 2.0 per Sprachsteuerung schon einmal die Eckdaten seines Anstieges auf dem am Lenker montierten Smartphone auf. Und mit nur einem Tastendruck verbreitet er diese Daten gleich über die sozialen Netzwerke in alle Welt. Im Stile von «Statusmeldung: Erschöpft, aber zufrieden. Oben auf dem Albula.» Oder auf Twitter: «Albula done, 57min from Bergün Sporthotel. 550 Watt maximum, 280 Watt average. #tiredbuthappy» – Wer braucht da noch messerscharfe Bräunungslinien?

Was halten Sie von Elektronik am Fahrrad? Ist es ein Gewinn oder führt dies das Fahrrad weg vom Charme simpler Mechanik?

Behalten Sie ihre gefahrenen Kilometer eher für sich oder lassen Sie die Welt gerne wissen, was Sie auf dem Velo geleistet haben?

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