Heliskiing – «undemokratisches, elitäres, lärmerzeugendes Gehabe»

Stop Heliskiing

Äbeni Flue, der beliebte Heliskiing-Berg auf 3962 Meter im Grenzgebiet der Kantone Bern und Wallis: Die «Stop Heliskiing»-Demonstranten von Mountain Wilderness sind noch beim Aufstieg, als der erste Helikopter kurz nach 8 Uhr die ersten Skitouristen beim Gebirgslandeplatz rund 100 Meter unter dem Hauptgipfel (nicht im Bild) absetzt. (Foto: Mountain Wilderness)

Es war ein gefundenes Fressen für die Anbieter der touristischen Gebirgsfliegerei: Ausgerechnet eine Umweltaktivistin von Mountain Wilderness stürzte vergangenen Sonntag bei der Skiabfahrt von der Äbeni Flue, verletzte sich dabei das Knie so stark, dass sie von einem Rettungshelikopter geholt und ins Spital gebracht werden musste. Und das ausgerechnet nachdem sie dort oben beim Gebirgslandeplatz auf knapp 4000 Meter über Meer an einer Kundgebung gegen Heliskiing teilgenommen hatte. Der Leiter der Air-Glaciers-Basis Lauterbrunnen liess es sich nicht nehmen, seine Häme der Zeitung «Berner Oberländer» mitzuteilen: «Sie demonstrieren gegen den von uns verursachten Fluglärm durch Heliskiing – gleichzeitig sind sie dann ‹gottefroh›, wenn wir sie bei einem Unfall während ihrer Kundgebung per Luftrettung ins Tal hinunterholen.»

Seine Aussage klingt zwar schlagfertig, ist aber undifferenziert, eines Rettungsleiters unwürdig und ebenso unnötig wie das Heliskiing selbst. Denn Mountain Wilderness – eine Alpenschutzorganisation, die sich für mehr Respekt gegenüber der Bergwelt einsetzt – kämpft nicht per se gegen die Gebirgsfliegerei, sondern gegen den zunehmenden touristischen Flugverkehr in geschützten, alpinen Gebieten. 3500 Helikopterflüge, welche einzig dem Spass der Gäste dienten, gab es 2010 alleine zu den sieben Gebirgslandplätzen im Unesco Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch, das notabene rechtlich durch das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung geschützt ist – und in dem sich auch der Heliskiing-Berg Äbeni Flue befindet. 1500 Flüge brauchte es in diesem Gebiet zusätzlich für Rettung, Transport und Versorgung. Das Verhältnis steht also 7:3.

Im Video: Unüberhörbar werden Helitouristen auf der Äbeni Flue abgesetzt.

Gute Flüge, schlechte Flüge

Heliskiing und andere touristische Gebirgsfliegerei wie Alpenrundflüge sind in unseren Nachbarländern entweder ganz verboten, oder nur stark eingeschränkt erlaubt. In der Schweiz hingegen stehen den Unternehmen 42 legale Gebirgslandeplätze zur Verfügung. Mit über 15’000 Rotationen werden bei uns jährlich 20’000 Personen in die Höhe geflogen. Der grösste Teil fürs Skifahren abseits der Pisten, der Rest für Hochzeiten, Champagnerfrühstücke, private Fotoshootings und ähnliche Zwecke. Angebot und Nachfrage steigen.

Beim Thema Helikopterflüge geht es, wie Peter Camenzind, Redaktor des SAC-Magazins «Die Alpen», in der Ausgabe April 2011, treffend formulierte, vordergründig um die Frage, welche Flüge gut sind und welche schlecht. «Gut sind die, die einen gewissen Nutzen für die Allgemeinheit erbringen, also Rettungs-, Transport- und Versorgungsflüge. Schlecht sind die, die dem Spass einiger weniger dienen. Hintergründig geht es aber darum, wie der Alpenraum genützt werden soll, und noch mehr darum, wer darüber zu entscheiden hat: die Bergbevölkerung, die dort lebt, oder die Unterländer, die in den Bergen Ruhe und Erholung suchen.» Über dieses Dilemma wird seit 50 Jahren gestritten.

Aletsch

Der Grosse Aletschfirn und das Aletschhorn (links): Blick vom Konkordiaplatz am Freitag, 30. März 2012, ca. 17 Uhr. (Foto: Natascha Knecht)

Äbeni Flue – der beliebte Heliskiing-Berg auf fast 4000 Meter über Meer

Aber zurück zum vergangenen Sonntag, 1. April 2012: Ich war bereits drei Tage im Gebiet Jungfrau-Aletsch unterwegs, mit Steigfellen und Ski, ergötzte mich an der Schönheit dieser Berg- und Gletscherwelt, genoss mit Bergfreunden die Einsamkeit abseits der hektischen Zivilisation, entschleunigte Geist und Körper. Wie die «Fahnenträger» – so werden die Mitglieder von Mountain Wilderness von gewissen Leuten abschätzig bezeichnet – stiegen auch wir am frühen Morgen, etwa eine Stunde nach den Umweltaktivisten auf die Äbeni Flue, ein breiter, 3962 Meter hoher vergletscherter Berg mit grandioser Rundsicht bis nach Frankreich und Italien – und mit beliebtem Gebirgslandeplatz. Der Himmel war kitschig blau, die Sonne strahlte, aber es war bitter kalt und ein eisiger Wind blies heftig. Der Aufstieg zum Gipfel dauert von der Hollandiahütte rund 2,5 Stunden und verlangt weder technisch noch konditionell eine grossartige Leistung und wäre für die Helitouristen problemlos machbar.

Anspruchsvoll war hingegen die Abfahrt. Von Pulverschnee – mit dem die Heliskiing-Anbieter gerne werben – keine Spur. Im Gegenteil: Weil von diesem Berg seit dem letzten Schneefall bereits Hunderte von Heliskifahrern gefahren sind, alles verspurt haben und an diesem Tag die zahllos ineinander verlaufenden Spuren pickelhart gefroren waren, war es schwierig, heil oder gar einigermassen elegant runterzukommen.

stop heliskiing

Richten ihren Appell an den Bund, die Kantone Wallis und Bern, die Welterbegemeinden und an den Stiftungsrat des Unesco Weltnaturerbes: Die Aktivisten von Mountain Wilderness.

Grandiose 2400 Höhenmeter Abfahrt – aber nicht für gierige Helitouristen

Dennoch landete bereits um 8.15 Uhr der erste, lärmige Helikopter und setzte Skitouristen ab, die vom kalten Wind fast weggeblasen wurden und eilig abfuhren. Die Aktivisten von Mountain Wilderness hatten sich etwas unterhalb des Landeplatzes positioniert. Damit ihre Banner-Fahne mit der Aufschrift «Stop Heliskiing» nicht wegflatterte, hielten acht Leute sie mit aller Kraft fest. Zu direkten Interaktionen zwischen den Heliskifahrern und den «Fahnenträgern» kam es nicht, die Demonstranten und ihr sanfter Protest wurden jedoch von allen unübersehbar wahrgenommen, was Sinn und Zweck der Aktion war. Angeflogen kamen an diesem Morgen verhältnismässig wenig Helikopter, vielleicht ein halbes Dutzend, wohl aufgrund des starken Windes. An anderen Tagen sind es auf der Äbeni Flue gegen zwanzig. Mit ihren Kundgebungen richtet Mountain Wilderness einen Appell an den Bund, die Kantone Wallis und Bern, die Welterbegemeinden sowie an den Stiftungsrat des Unesco Weltnaturerbes. Sie sollen sich bei den laufenden Verhandlungen um die Gebirgslandeplätze im Weltnaturerbe für die Schaffung von mehr Ruhe und Stille im einzigartigen Weltnaturerbe einsetzen.

Grosser Aletschfirn

Blick von der Hollandiahütte zum Konkordiaplatz und zum imposanten Finsteraarhorn (vis-à-vis): Zur Äbeni Flue gehts gleich von der Hütte links hinauf. (Foto: Natascha Knecht)

Die Abfahrt von der Äbeni Flue über die Lötschenlücke hinab nach Blatten beträgt 2400 Höhenmeter und ist sensationell. Seltsam: Unterhalb der Anenhütte befindet sich ein «Warteplatz» für Helikopter, der die Heliskifahrer wieder auflädt, und auf einen anderen Berg fliegt, zum Beispiel auf den Petersgrat. Am Sonntag taten mir die gierigen Helitouristen, die von diesem Abhol-Angebot Gebrauch machten, ehrlich etwas leid. Denn bis auf die Höhe dieses «Aufladeplatzes» war die Abfahrt pickelhart und anstrengend, erst weiter unten gegen den Talboden des Lötschentals wurde der Schnee weicher, angenehmer und eine echte Freude.

Lötschental

Abfahrt ins Lötschental: Blick von der Hollandiahütte. (Foto: Natascha Knecht)

Noch ein paar generelle Gedanken zum Heliskiing:

–    Weshalb gehen Skitourenfahrer ins Hochgebirge? Weil sie dort Stille finden. Die Lärmemission der zunehmenden touristischen Gebirgsfliegerei stört, ist ein Eingriff in die letzten Ruhezonen im Land – «und zeugt von grosser Gedankenlosigkeit und Mangel an Respekt gegenüber der Natur und den Menschen, die Erholung suchen oder auf Bergtour sind. Darunter leidet die Qualität der Alpenregion, was auch dem Tourismus und damit der Bevölkerung der Alpentäler schadet.» (Willy Küng, ehem. Finanzvorstand und Stadtrat Zürich)

–    Befürworter und Anbieter von Heliskiing argumentieren, die Flüge seien notwendig, damit die Piloten Erfahrungen sammeln können für die unbestritten dankbaren Rettungsflüge. Um gute Piloten zu haben, brauche es eine «breite Basis». Gegner halten diese Begründung für fadenscheinig. Es gebe genügend andere Gelegenheiten für notwendige Helikopterflüge. Das Flugbrevet kostet viele Zehntausend Franken, diese wollen amortisiert werden, Heliskiing dient rein kommerziellen Zwecken, was sonst? Ein «undemokratisches, elitäres, lärmerzeugendes Gehabe, welches in volkswirtschaftlicher Hinsicht kontraproduktiv ist.» (Heinz Bächli, Gründer Bergsport Bächli)

–    Viele Bergführer unterstützen das Heliskiing. Die einen mehr, die anderen weniger. Vor allem im Wallis verdienen einige bis 60 Tage pro Winter ihr Geld. Für sie ist es eine willkommene Einnahmequelle. Nur ganz wenige Bergführer lassen sich nicht auf solche Abenteuer ein. Manche aus Prinzip, andere weil es unter Umständen eine heikle Sache wird, da sie auf dem kurzen Flug die Gäste kaum kennen lernen und deren Fahrvermögen nicht einschätzen können. Schwierig sei oft auch, das Gelände aus der Luft zu beurteilen, besonders nach Schneefällen. Bergsportschulen, die gegen Heliskiing sind, lassen sich an nur einer Hand abzählen. Ebenso die Bergsportgeschäfte und Hersteller von Bergsportausrüstung.

–    Befürworter der touristischen Gebirgsfliegerei argumentieren, dass auch die SAC-Hütten mit Helikoptern versorgt werden. Das stimmt. Verglichen werden da allerdings Äpfel mit Birnen. Zu den körperlichen Grundbedürfnissen gehören: Einatmen von sauberer Luft, Wärme, Trinken, Essen, Schlafen, Ruhe, Entspannung. Heliskiing gehört nicht dazu. Mir persönlich macht es nichts aus, selber Verpflegung und Gaskocher in ein Biwak oder einen unbewarteten Winterraum zu buckeln, das habe ich auch schon gemacht – genau wie zahllos andere Alpinisten. Gäbe es keine Hütten, würde ich die nötige Biwakausrüstung auch mittragen. Als Journalistin kann ich auch auf Foto- und Filmaufnahmen aus der Luft verzichten.

–    Heliskiing ist längst nicht mehr ein Privileg der Reichen. Auch Normalverdiener lassen sich von den Angeboten verlocken, denn sie sind (zu) erschwinglich. Zum Beispiel kosten «3 imposante Heliflüge mit 3 einzigartigen Abfahrten mit einem Bergführer» und eine Übernachtung in einer exklusiven Berghütte mit Apéro und Wellness bei 7 Teilnehmern 1150 Franken pro Person.

Ist es Gedankenlosigkeit, dass Helitouristen solche Aktivitäten in geschützter Landschaft von nationaler Bedeutung als Gewinn der Zivilisation ansehen? Ist es Egoismus? Unkenntnis? Wie nachhaltig denken Heliski-Unternehmer? Ihre Meinung interessiert mich.

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