Das Hollywood der Läufer


Wer hat noch nie davon geträumt ein Held zu sein? Ein Held für seine Angebetete, ein Idol für sein Kind, ein Star für sich selbst. Dafür gibt es unzählige Gelegenheiten – tagein, tagaus. Und wenn es ein Volk gibt, das diese Augenblicke zu zelebrieren weiss, sind es die Amerikaner. Das haben sie am 18. März eindrücklich an meinem Beispiel bewiesen – und das, obwohl das Drehbuch eher jenes eines Dramas entsprach.

Erster Akt: Die trügerische Idylle

Der Sonntag beginnt völlig harmlos – so wie manch ein Thriller aus Hollywood. Der New Yorker Central Park liegt im Dunkeln. «Die Stadt, die niemals schläft» schlummert noch. Unzählige Gestalten schlendern im Morgengrauen durch die Strassen. Sie alle tragen eine Plastiktüte mit einigen Habseligkeiten mit sich, die sie an der Ostseite des Parks fleissigen Freiwilligen abgeben. Einer Karawane gleich durchqueren die Teilnehmer des New-York-City-Halbmarathons 2012 das grüne Herz der Millionenmetropole, um sich auf der Westseite in ihre Startblöcke zu stellen. Eingepfercht trotzen sie dort der morgendlichen Kälte. Neben mir eine Gruppe Männer, die sich mit verbalem Schulterklopfen gegenseitig Mut machen – vor mir zwei junge Frauen, die einander andauernd aufgeregt in die Arme fallen.

Aus den Lautsprechern donnert der Speaker die klingenden Namender Läufer aus Äthiopien und der Lokalmatadoren. Als stünde der Super-Bowl an, stimmt ein Sänger die Nationalhymne an. Die Regie stimmt: Die Läufer ziehen ihre Mützen vom Kopf, legen die Hand auf die Brust, verstummen ehrfurchtsvoll. Hollywood hätte es nicht besser gekonnt. Hühnerhaut – nicht nur wegen der Kälte. Die Euphorie packt die weit mehr als 15’000 Läufer. Der Startschuss fällt. Langsam setzt sich mein Startblock in Bewegung. Ich trabe der Startlinie entgegen. Als ob es um Tod und Leben ginge, gesteht eine der jungen Frauen im letzten Moment ihrer Freundin ihre Angst vor den Hügeln im Park, während ich mich in Sicherheit wiege. Was sind schon New Yorker Hügel auf den ersten 10 Kilometern gegen den Gornergrat und die Plaine Morte im Wallis am vergangenen Gigathlon?

Zweiter Akt: Die Ernüchterung

Der Schritt über die Startlinie unterbricht Gespräche, weckt Hoffnungen. Es gilt den richtigen Trott für die kommenden 21 Kilometer zu finden. Ich suche vergebens. Die sanften Steigungen lassen das nicht zu, bremsen den Schritt, beschleunigen Puls und Atem. Meine Sicherheit weicht nach rund sechs Kilometern endgültig. Noch ein Hügel. Ich packe innerlich den Stier bei den Hörnern – und zieh kraftvoll bergauf, um kraftlos oben anzukommen. Seitenstechen. Was war schon das Gornergrat gegen diesen buckligen Park? Erleichtert diese trügerische Idylle hinter mich zu lassen biege ich auf die 7th Avenue ein – weit vor mir das Flimmern der bunten Lichter des Times Squares.

Für einmal machen sich nicht gelbe Taxis die Fahrbahn streitig, sondern Läufer. Übergrosse, blinkende Bildschirme buhlen um meine Aufmerksamkeit – und haben leichtes Spiel. Meine Wunschzeit ist bereits nach der ersten Hälfte unerreichbar geworden. Ich bin versucht, in die nächste U-Bahn-Station abzutauchen und ins Hotel zu fahren. Ein muskelbepacktes Calvin-Klein-Model lächelt lasziv-lässig von der Fassade eines Hochhauses auf mich herab. Zwei zierliche Models springen am Wolkenkratzer nebenan ins kühle Nass, zwei riesige M&M’s winken von einem Bildschirm, daneben die Aufforderung eines Handyanbieters: «Sei bemerkenswert!» Heute ist nur mein Kampf gegen den Wunsch aufzugeben bemerkenswert. Der Läuferstrom ergiesst sich auf eine Querstrasse hin zum Hudson.

Dritter Akt: The American Dream

Die Nebeldecke hängt an diesem Tag tief, Ton in Ton mit dem Grau der Strasse, der Wolkenkratzer und des Wassers. Wo an heiteren Tagen in der Ferne die Freiheitsstatue ihre Fackel in den Himmel streckt, scheint an diesem Frühlingstag für mich der Vorhang schon gefallen zu sein. Mechanisch setze ich einen Fuss vor den anderen, denn ich weiss aus Erfahrung: Jetzt aufgeben schmerzt noch mehr. Aus den Nebelschwaden ragt vor mir plötzlich der Freedom Tower auf. One World Trade Center, Amerikas stolze Antwort auf die Anschläge vom 11. September 2001. Ein willkommener Vorwand, um inne zu halten, kürzer zu treten. Während meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, zwinge ich meine Füsse vorwärts.

Und als ob mein Scheitern an diesem Tag nicht schwer genug wiegen würde, schicken mich die Regisseure meiner läuferischen Tragödie in die letzte Bewährungsprobe: ein Tunnel. Die Zuschauer warten draussen. Jeder Schritt hallt. Kalte Einsamkeit. Das Ende naht. Es ist aber nicht etwa eine Erleichterung – eine letzte Steigung, um zwei Blocks auf die Zielgerade. Dort jubelt der Pulk. Euphorisch begrüsst der Speaker die Läufer und steckt sie an. Mein Schritt wird schneller, vergessen die Qualen. Aus den Lautsprechern posaunt der Mann: «You all did it!» Und schickt ein kalter Schauer meinen Rücken runter, was ist dagegen eine Hymne? Im Ziel hängt mir eine Seniorin eine Medaille um den Hals. «That’s great work, sweetheart!» Sie drückt mir anerkennend den Arm. Einige Meter später reicht mir ein junger Mann einen Verpflegungsbeutel versüsst mit einem: «You are amazing!» Ich labe ich mich an diesen Worten. Sie treffen direkt ins Herz. Ich lechze nach mehr – um zu vergessen. Und prompt: Eine junge Frau reicht mir meine Habseligkeiten. «You were fast!» Aus den Lautsprechern donnert die Siegeshymne «We are the Champions», die Zuschauer spenden Beifall. In diesen Minuten bin ich eine Heldin – ungeachtet meiner Enttäuschung. Ja, sie tragen dick auf, die Amerikaner. Sie feiern den Sieger Peter Kirui (59:39 Minuten) mit demselben Enthusiasmus wie die Schweizer Journalistin (1:50 Stunden) und den ältesten Läufer John Platt (81 Jahre alt, 2:50 Stunden).

Die New Yorker haben meinem 21 Kilometer langen Drama ein Happy End geschenkt – ist das nicht etwas, was die Veranstalter und Zuschauer in der Schweiz von ihnen lernen können?

19 Kommentare zu «Das Hollywood der Läufer»

  • Anne Marie Kunz sagt:

    Congratulations Pia.. 1.50 fur den New York City Halbmarathon ist eine beachtenswerte Leistung, besonders wenn man den Lauf mit Jet-Lag bestreiten muss. Ich bin Schweizerin, wohne aber schon viele Jahre in New York und habe mehrere Marathons, sowie viele Races im Central Park in den Beinen. Wir New Yorker sind immer wieder erstaunt, wie die Ausländer sich am Schwierigkeitsgrad des Central Parks täuschen; der Park ist keine leichte Strecke und kann ganz happig sein mit den vielen
    Hügeln; das täuscht ganz schön. Schade, dass ich Dich nicht kannte, ich war im Park und habe den Lauf gesehen, war ganz
    spannend, besonders vorne bei der Elite. Dass die New Yorker die Läufer anspornen, ist normal, hier sind wir sehr enthusiastisch
    und gehen raus und spornen die Leute an. Die Leute sind sehr herzlich und bewundern jeden, der so einen Lauf fertig macht, die Zeit ist sekundär, wichtig ist das Mitmachen.
    Es freut mich, dass Du eine gute Zeit in New York gehabt hast und wünsche noch viele erfolgreiche Running Races.
    Keep going, you can do it and you look great.

  • Conny sagt:

    Congratulations Pia!!!
    Super Leistung!

  • Jörg sagt:

    Letzten November habe am New York City Marathon teilgenommen. Ich kann diesen Bericht nur zu 100% bestätigen. Der Enthusiasmus der New Yorker Zuschauer war wirklich einmalig und überwältigend. Egal ob Weltklasseläuferin oder Hobbyjogger am Ende der Kräfte: alle Teilnehmenden wurden angefeuert und die Leistungen respektiert. Das Publikum war richtig laut, ein bisschen verrückt und dabei immer perfekt fair. Ich konnte diese positive Energie richtiggehend für mich einsetzen und habe jeden Meter genossen. Im Ziel hat der Staff immer wieder „Great job“ gesagt (was ich in der Schweiz von einem Offiziellen noch nie gehört habe). Und selbst nach dem Lauf winkten mir auf dem Weg ins Hotel wildfremde Menschen fröhlich zu und gratulierten mir. Noch heute geht mein Herz auf, wenn ich an dieses grossartige Erlebnis denke!

    • Klaus sagt:

      Könnte es sein, dass ein Volk, das sogar die drei Schritte zum Briekasten (oft gezwungenermassen, weil das Trottoir fehlt) im Auto zurücklegt, naturgemäss mehr Respekt hat vor Menschen hat, die länger als fünf Minuten zu Fuss gehen können ohne zwischendurch drei Hamburger und vier hlabe Liter Cola gegen die drohende Unterzuckerung zu sich zu nehmen?
      Geht halt nichts über ein gutes Vorurteil, ich weiss…

  • Eve sagt:

    Die Stimmung am Frauenlauf in Bern ist auch genial und motivierend – da wird man auch vom ersten bis zum letzten Meter angefeuert und gefeiert – von den Papis, den Grospapis und den Kindern – mit Transparenten, Musik und Applaus. Und die 5km schaffen alle. Und wem dies zu wenig ist, macht die Runde 2x – beim der 10km Distanz. Und der Zieleinlauf vor dem Bundeshaus ist genial – sowie das anschliessende Bad in der Aare im schönsten Frei-Bad der Schweiz (Marzili – gratis Eintritt).

    • mel sagt:

      das kann ich bestätigen! bin da letztes jahr zum ersten mal mitgelaufen und war sehr positiv überrascht von der tollen stimmung :-)

  • Giorgio Perez sagt:

    Ich bin schon verschiedene Marahons in den USA gelaufen. Ist doch einfach genial – wobei es immer darauf ankommt was für einen. Es ist ein Volksfest. Auch die Zuschauer haben Spass – sogar bei strömendem Regen. Auch die Läufer untereinander haben Spass. Ich habe während des Laufes schon Freundschaften geschlossen. Man wird angefeuert mit „Looking good“ auch wenn man mehr kriecht als rennt. Es macht einfach Spass. Und wer etwas Anderes behauptet hat es noch nie erleben dürfen.

    • Janette sagt:

      Genau! Schweizer sind generell miesepetrisch veranlagt und können mit fröhlichen, positiven Menschen nur schlecht umgehen! Auch sind sie neidisch und eifersüchtig. Andern zugestehen, dass sie was gut machen, kann der Durchschnittschweizer kaum!

  • Christian sagt:

    Mensch Mädel, 1:50 auf 21 KM sind doch gut !! 5:23 auf 1000

    • Franz sagt:

      @Christian. Das ist genau das, was die Autorin hören wollte! Endlich sagt ihr einer, dass ein hügeliger 1/2 Marathon in 1:50 ziemlich gut ist. Das mit dem Amigeschwätz rundherum war nur Beigemüse. Viele Langstreckler (Marathonis und Triathleten) tun immer so bescheiden (understatement), wollen aber eigentlich hören, was für harte Jungs und Mädels sie doch sind. Ich bin selber über zehn Jahre Triathlet (alle Distanzen) gewesen, aber am Schluss ging mir genau diese Haltung auf den Keks. Zudem haben v.a. die Marathonis (Triathleten weniger) so extrem limitierte Bewegungsamplituden (Kniehub von weniger als 10cm), dass sie sich schon fast Zerrungen holen, wenn sie über einen Randstein laufen müssen. Heute bin ich Fan von Mehrkämpfern/innen. Die können alles. Werfen, Springen, Sprinten und Laufen. Sie sind ganzheitlich trainiert und sehen mind. ebensogut aus, wie die Triathleten. Von den ausgemergelten Marathonis ganz zu schweigen. Und das ist in der Tat „amazing!“

  • Otto Liebschitz sagt:

    Gibt’s denn dort kein öV, muss man da alles laufen? Dann gibt’s dort wahrscheinlich auch keinen anständigen Biergarten.

  • Balthasar sagt:

    Was soll dieses Marathon laufen? Es schädigt nur dem Körper, als dass es zu irgendetwas anderem nützlich ist! Hört endlich auf so lange Strecken zu laufen, um euch nachher 3 Monate krank zu fühlen, das bringt nichts.
    Fangt an zu Sprinten oder sonst aber Marathon ist etwas für Leute die ihren Körper entweder hassen und gerne physischen Selbstmord begehen möchten.
    Versucht es doch mal mit kurzen Intervallen, dass macht viel mehr Spass, es ist immer wieder schauerlich solche Berichte von Menschen zu hören, die sich freiwillig zerstören und dies dann auch noch stolz der ganzen Welt mitteilen möchten!

    • Bea Schaer sagt:

      Erstens war der Artikel nicht ueber den NY Marathon sonder den NY Halbmarathon und 2. sollten sie nicht verallgemeinern. Es gibt auch Leute ob sie es glaube oder nicht denen macht es Spass laengere Distanzen zu laufen. Ich habe mich auch noch nie so gesund gefuelt wie seit ich Marathons laufe und fuer Marathons trainiere. Klar ist es nicht fuer jederman, manche Leute sind wohl auc genetisch eher fuer laengere Distanzen praedestiniert.

    • Fred sagt:

      Was soll dieses Sprinten? Es schädigt nur dem Körper, als dass es zu irgendetwas anderem nützlich ist! Hört endlich auf so kurze Strecken zu laufen, um euch nachher 3 Monate krank zu fühlen, das bringt nichts.
      Fangt an zu joggen oder sonst aber Sprinten ist etwas für Leute die ihren Körper entweder hassen und gerne physischen Selbstmord begehen möchten.
      Versucht es doch mal mit langen ruhigen läufen, dass macht viel mehr Spass, es ist immer wieder schauerlich solche Berichte von Menschen zu hören, die sich freiwillig zerstören und dies dann auch noch stolz der ganzen Welt mitteilen möchten!

    • Pia Wertheimer sagt:

      Lieber Balthasar – keine Sorge es hat letztlich grossen Spass gemacht und ich fühl mich alles andere als krank! Versuch’s doch mal! ;-)
      Sportliche Grüsse
      Pia Wertheimer

      • Giorgio Perez sagt:

        @Balthasar: Als mehrfacher Marathon Teilnehmer kann ich nur sagen „Sprich nicht von Sachen von dennen Du keine Ahnung hast“. Es ist richtig dass es gesünderes gibt als einen Marathon in 3 Stunden zu absolvieren. Aber so mit 4 Stunden hat man ein paar wenige Tage etwas Muskelkater, und dann ist gut. Ist halt eine Frage des Trainings, und nichts für untrainierte Sprinterlein. ;-)

  • Luise sagt:

    Ich bin noch in den USA gelaufen, aber die Leute müssen phänomenal sein. Schon ein bisschen anders ist es in der Romandie, z. B. am Lausanne Marathon wo viele Leute bis zum Schluss ausharren und die Laufenden anfeuern, lustig, charmant, liebevoll. Die deutschweizerische Mentalität ist da halt trockener, introvertiert und vielleicht ich-bezogener. Schade. Als Schweizerin mit italienischen Wurzeln leide ich manchmal unter dieser Schwäche, kein (Mit) Gefühl zeigen zu können. Ich versuche es anders zu machen und schliesslich gibt es ja auch Ausnahmen. Z. B. gibt es oft Frauen, die mich als Läuferin gezielt ermuntern. Vielleicht fürchten die Männer ja, das könnte bei einer Frau als Anmache ankommen?

  • Philipp Rittermann sagt:

    wenn man selbst nicht denken kann, wird man gerne motiviert. ich glaube gerne, dass die ami’s darin führend sind.

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