Bei dieser Abkürzung bleibt die Lebensqualität auf der Strecke

(Bild: Screenshot EndurEx-Video)

Weniger investieren, um mehr zu erhalten: Krafttraining mit abgebundenen Beinen. (Bild: Screenshot Endurex-Video)

Mein letzter Blogbeitrag zur brachialen Trainingsmethode, die von Sportwissenschaftlern der ETH entwickelt wurde, teilte die Mehrheit der Kommentierenden in zwei Lager: «Das ist eine kranke Entwicklung», resümiert etwa Philipp. Raffael entgegnet darauf:«Ich selbst habe bei der Studie zur Trainingsmethode mitgemacht und ich kann es nur jedem empfehlen.» Einige, wie Sabrina, warfen die Frage auf: «Kennt man schon die allfälligen Langzeitrisiken?»

Einer der derartiges Training als ehemaliger Spitzensportler, aber gleichzeitig auch als Arzt beurteilen kann, ist Professor Thomas Wessinghage. Seine erste Reaktion war: «Diese Leute sind krank! Krank im Kopf und vielleicht auch bald krank in den Beinen.» Der Mediziner hat sich nach der ersten Entrüstung sachlich damit auseinandergesetzt. Er vermutet, dass Sportler und Wissenschaftler hinter dieser Trainingsform den «schnellen, schmerzhaften» Weg zum Erfolg suchen. Kurze, hochintensive Trainingsepisoden ersetzen dabei den jahrelangen Aufbau der körperlichen und mentalen Fähigkeiten – die Sportler nehmen mit ihrem Versuch abzukürzen in seinen Augen nicht ausreichend Rücksicht auf die möglichen Nebenwirkungen und Risiken.

Trainingsweltmeister gab es schon immer

«Leistungsorientiertes Training an der Grenze von Schmerz und körperlicher Belastbarkeit mag für den Hochleistungssportler vertretbar sein», sagt der Orthopäde. Profis seien es sich ohnehin gewohnt, ihre Gesundheit fahrlässig oder gar wissentlich aufs Spiel zu setzen. Er stellt dabei aber klar: «Gesund im eigentlichen Sinne des Wortes ist es sicherlich nicht.» Es gelte abzuwarten, ob demnächst auch Komplikationen ans Licht kämen. Wessinghage denkt dabei etwa an Thrombosen oder Embolien.

Die deutsche Lauflegende räumt ein, dass ein solches Training allenfalls positive Auswirkungen auf die mentalen Eigenschaften eines Sportlers hat. «Vielleicht erschöpft es ihn aber auch mehr als das konventionelle Trainingsprogramm.» Wer indes im Training zu viel investiert, sei im Wettkampf erschöpft – und zwar körperlich wie auch mental. Genauso wie die unermüdliche Suche der Ausdauersportler nach der Trainingsabkürzung ist auch dieses Phänomen für den 60-Jährigen nichts Neues: «Trainingsweltmeister gab und gibt es ja zuhauf.»

Wenn der «Schüttelplattenhype» abklingt

Die allgemein gehaltenen Aussagen der Zürcher Wissenschaftler, dass viele Athleten aus verschiedenen Sportarten sich dieser Methode bedient hätten, beweist für Wessinghage rein gar nichts. Aus Sicht der Anbieter sei es ein neues, interessantes und hochpreisiges Produkt. Dieses lasse sich gerade jetzt gut vermarkten, da der «Schüttelplattenhype» abklinge. Unter dem Strich erkennt er immer wieder dasselbe Muster: Dem Kunden wird weisgemacht, man müsse weniger investieren, um mehr zu erhalten.

Der Mediziner und Läufer stellt zudem infrage, ob diese folterartigen Trainingseinheiten für einen Freizeitsportler sinnvoll sind, der mit dem Sport seine Lebensqualität steigern möchte.

Tendiert der Erlebnischarakter dieser Trainings nicht gegen null, verglichen mit einem Lauf an der Aare entlang oder zum Pfannenstil hinauf?

Prof. Dr. Thomas Wessinghage ist ärztlicher Direktor der Medical Park AG in Bad Wiessee. 1982 wurde er Europameister über 5000 m, war zweiundzwanzigmal Deutscher Meister und hält heute noch die deutschen Rekorde über 1500 und 2000 m.

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9 Kommentare zu «Bei dieser Abkürzung bleibt die Lebensqualität auf der Strecke»

  • Blaser Urs-Peter sagt:

    Was für den einen gut, muss für den andern nicht auch gut sein. Parallel dazu muss die Konstitution peinlich genau beachtet werden. Alles, was wider die Natur und das Gesetz der Harmonie geht, ist ungesund und schlägt sich mit jeder Garantie in Verletzungen nieder. Und solche haben wir in jeder Sportart zur Zeit zur Genüge. Sicher ist, dass mit diesert Art von Training keine Langzeitsportler geboren werden, höchstens zeitlich beschränkte Monster.

  • Peter Siffert sagt:

    Solche Trainingsmethoden zeigen doch nur, wie krank die Gesellschaft ist. Und: Wessinghage hat was sehr Wichtiges gesagt. Nur mit langer Trainingserfahrung weiss man, wie der Körper tickt. Wann der Puls zu hoch ist. Wann etwas nicht mehr stimmt. Aber selbst bei guten Sportlern in Semi-Profi und auch Profibereich erreichen vielleicht nur 60% dieses „Gspür“. Es ist wie ein 7. Sinn, den man hat oder nicht. Armstrong hat ja an der Tour de France seinen Pulsmesser bei 170 weggeschrissen, weil er die Stopp-Rufe vom Teamarzt nicht mehr hören wollte. Und er fühlte genau, da geht noch was (vielleicht auch weil er noch … egal). Und dieses Gespür, die Fähigkeit sich beim Laufen zu erholen und wieder anzuziehen und das alles intiutiv, das Unterscheided einen Top-Sportler von einem anderem Sportler. Pulsmesser, Labortraininigs, Tabellen und Schemas bringen zwar den 0815-Sportler weit, aber frei nach Goethe: wenn man es nicht erfühlt, ihr werdet es nicht erjagen…

  • Erika B. sagt:

    Das ist vermutlich ein Training für jene, die jeweils im Kraftraum stöhnend über ihre Grenzen gehen, um täglich und unermüdlich Muskelwachstum herbeizuführen. Beim Krafttraining gehört ein Anteil Leiden dazu, das sehe ich ein, aber soweit würde ich nie gehen.
    Beim Laufsport geniesse ich die Natur und kann mich langsam steigern oder die Leistung halten, ohne zu leiden. Das ist ja gerade das Schöne daran.

  • Martin Kallmann sagt:

    Ich finde bei solchen Trainingsmethoden sollte zwischen den Ansprüchen von Profisportlern und Freizeitsportlern unterschieden werden: Für den Profi mag es ja eine mögliche Alternative sein, aber für den Freizeitsportler sollten Genuss und Erholung im Vordergrund stehen (körperlich und seelisch), daher sind solche Methoden nicht brauchbar – zumal sie vielleicht sogar Lanzeitschäden (Thrombosen etc.) hervorrufen können.

    • Sgt Klinger sagt:

      Einverstanden. Das Problem ist doch, dass zu viele Freizeitsportler sich für Profisportler halten und dementsprechend verhalten. Wessinghage hat sehr recht.

  • Sebastian Mesmer sagt:

    So wie ich das sehe, handelt es sich hier lediglich um ein (extremes) HI (high intensity)-Training. Dabei wird der Körper bewusst überlastet, um eine schnellere Leistungssteigerung zu erwirken.
    Ein toller nebeneffekt einen solchen anaeroben Training (ohne Zugabe von Sauerstoff bei der Energieverbrennung) ist, dass der Körper lernt, mehr Kreatin einzuspeichern. Und besagtes Kreatin ist offensichtlich im Laufsport gerade in Mode.
    Es steht ausser Frage, dass ein solches Training über längere Zeit dem Körper schadet. So setzt beispielsweise das ganze Laktat den Muskeln zu. Doch jedes halbe Jahr einen Monat solche Torturen haben noch niemanden ins Grab gebracht.

    Es muss aber auch gesagt werden, dass es in der Schweiz offensichtlich nicht gern gesehen wird, wenn einer leidenschaftlich einer Sache nachgeht.

    • Rainer sagt:

      > Es muss aber auch gesagt werden, dass es in der Schweiz offensichtlich nicht gern gesehen wird, wenn einer
      > leidenschaftlich einer Sache nachgeht.

      Doch: der Arbeit im Büro ;-)
      Das wird immer gern gesehen.

      Mein Erfahrung ist, dass vor allem regelmäßiges Training wirklich was bringt. Das muss nicht mal so viel sein, aber halt wirklich fast jeden Tag.
      Dummerweise ist es oft schwierig, Beruf und Training unter einen Hut zu bringen – daher wohl auch der Wunsch, ein paar „Abkürzungen“ zu finden…

    • Winner sagt:

      @ Mesmer: Dieses Schweizer-Bild kann ich überhaupt nicht verstehen. Im Radsport, z.B. Mountain Bike Sport gibt es in der Schweiz extrem viel Leidenschaft. Vielleicht kennen Sie die falschen Schweizer.

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich finde, wessinghage sieht das vernünftig. die immer bizarrer werdenden methoden zur leistungssteigerung werden nicht ohne „nebenwirkungen“ sein. „mens sana in corpore sano“ – und die mit „vernünftigem“ masse und mitteln sind besserer garant für eine ausgeglichene lebensweise als das ganze extrem-zeugs.

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