Als beim Michaelskreuz plötzlich der Himmel aufriss


Kürzlich waren Winter und Frühling in einer Wanderung gepaart. Wir sahen nur grauen Himmel, bis die Sonne kam; wir hatten zuerst kalt und dann warm. Das gilt auch im übertragenen Sinn: Der Start in Rotkreuz, Teil der Gemeinde Risch, war unfreundlich. Rotkreuz ist zur Unwirtlichkeit verbaut. Dafür ist es hablich, Roche Diagnostics und andere starke Firmen geschäften hier.

Wir zogen los Richtung Michaelskreuz und wählten dabei denjenigen Pfad, der zuerst einen guten Kilometer gegen den Zugersee leitet, also nicht direkt auf unser Ziel zu; das war klug, wir entkamen schnell der Zersiedelung. Wald, Wiese, Bauernhäuser, so hats der Wanderer gern. Bloss eine kleine Orientierungskrise war noch durchzustehen, bevor alles gut wurde: Im Nebel verliefen wir uns und gerieten auf unmarkierte Pfade.

Der Himmel reisst auf, die Rigi zeigt sich

Oben beim Michaelskreuz verfreundlichte sich die Welt vollends. Wir fanden eine gepflegte Wirtschaft. Man müsste in ihr zu Mittag essen; für uns wars zu früh, wir nahmen nur Kaffee und hielten hernach hinauf zur nahen Kapelle, die als einer der schönsten Zentralschweizer Aussichtspunkte gilt. Angeblich soll der Erzengel Michael, als Büblein getarnt, vor anderthalb Jahrtausenden einem Einsiedler befohlen haben, auf dem Hügel ein Kreuz aufzustellen. Auch uns wurde ein Erlebnis religiöser Art zuteil: Auf den letzten Metern zu Kreuz und Kapelle riss der verdunstete Himmel auf. Plötzlich zeigte sich die Pilatusspitze. Und die Rigi mit ihren Nagelfluhbändern und der unverkennbaren Antenne.

Gut gelaunt gingen wir weiter und kamen via einen Bauernhof mit dem poetischen Namen Schiffmannshof hinab nach Udligenswil. «Udlige» nennen es die Einheimischen, hat mich mein Luzerner Redaktionskollege Beat Bühlmann gelehrt. Und das benachbarte Adligenswil ist «Adlige». In Udlige war nun Essenszeit. Wir fanden den «Frohsinn» offen, erschraken ein wenig über die draussen angezeigten 14 Gault-Millau-Punkte, wagten uns dennoch hinein – und ja, wir waren bei aller Verschwitztheit willkommen und hatten bald die Spezialität des Hauses vor uns. Die Güggeli waren gut, und trotzdem kann ich mir die Frage nicht verkneifen: Was war jetzt daran speziell Gault-Millau?

Zwetschgenschnaps und Baumnüsse

Das Wetter wurde immer besser, die Sonne hellte uns auf, wir stiegen ins Götzental ab und wieder auf nach Adligenswil. Ein wenig mehr noch als Udligenswil ist es ein Schlafdorf für Einfamilienhäusler mit Auto, wir spürten kein Charisma und mochten nicht verweilen. Mein Rucksack war übrigens nun deutlich schwerer: Pierre hatte sich bei einem Bauernhof im Dallenbach einen Zwetschgenschnaps gekauft, den ich für ihn trug. Dazu kamen meine Baumnüsse.

So schnaufte ich beim erneuten Aufstieg zum Dietschiberg heftig. Dieser, von dem man die Stadt Luzern, ihren See, Berge noch und noch vor Augen hat, bietet dem Wanderer wenig Genuss. Die Ausflugsbeiz ist ebenso entschwunden wie die riesige Freiluft-Spielzeugeisenbahn, stattdessen hat sich ein Golfclub breitgemacht. Tiefer unten fanden wir das Schlössli Utenberg vor, das war bester Realersatz. Bevor die Wanderung das Luzerner Seequai entlang zum Bahnhof führte, tranken wir auf der Terrasse süffigen weissen Glühwein. Er hätte auch ohne die vorangegangene Wanderung glücklich gemacht.

Route: Bahnhof Rotkreuz – Breitfeld – Schönau – Michaelskreuz – Schiffmannshof – Hauetli – Udligenswil – Götzental – Dallenbach – Adligenswil – Dietschiberg – Schlössli Utenberg – Seepromenade – Bahnhof Luzern.

Gehzeit: 5 ½ Stunden.

Höhendifferenz: Je 650 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Aussichtsreiche Route. Einige Stücke Hartbelag. Viel Abwechslung. Anstrengend.

Höhepunkte: Die schlichte Michaelskapelle in spektakulärer Lage. Der Blick auf die Rigi über dem Küssnachter See. Luzerns mondäne Seepromenade.

Hund: Keine Gitterroste, keine Leitern; gut machbar.

Einkehr: Michaelskreuz, gasthausmichaelskreuz.ch. Frohsinn Udligenswil. Rössli Adligenswil, roessli-adligenswil.ch. Schloessli Utenberg, schloessliutenberg.ch.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

6 Kommentare zu «Als beim Michaelskreuz plötzlich der Himmel aufriss»

  • Lara D. sagt:

    Also das klingt nach einer Wanderrouten für mich! Abwechslung finde ich immer gut, wenn es nur bergauf geht, wird mir schnell langweilig ;) Allerdings weiss ich nicht, ob mein Mann das Wandern durchhalten würde. Naja die Wanderwege werde ich mir auf jeden Fall mal auf meiner Wanderkarte notieren :)

  • Dominik sagt:

    Das Michaelskreuz ist auch wunderschöner Höhe- und Mittelpunkt einer kleinen Velorunde ab meiner Haustür, und man kann selbige durchaus unter strahlend blauem Himmel geniessen. Siehe hier: http://www.velofahrer.ch/2012/03/03/der-fruehling-ruft-ich-pedale-an/

  • Lukas sagt:

    Der „Marienkäfer“ auf Bild 9 ist leider kein einheimischer Marienkäfer, sondern der eingewanderte asiatische Marienkäfer, der den einheimischen seit ein paar Jahren verdrängt. Man unterscheidet diese relativ leicht. Einheimische haben wenige Punkte, meistens schwarz auf rotem Grund. Asiatische haben viel mehr (ca. 11 Punkte), auf eher orangem Grund. Es ist schade zu beobachten, wie der einheimische Marienkäfer innerhalb weniger Jahre in der ganzen Schweiz verdrängt wird.

  • Thomas sagt:

    Luzerner sagen „Udlige“, Einheimische sagen „Uedlige“! Statt Güggeli im Frohsinn hätten Sie auch die weltbeste Pizza in der CafBar 1313 (www.cafebar1313.ch) geniessen können.

    Eine schöne Alternative für den Weg von Udligenswil nach Luzern führt durch das Natuschutzgebiet Meggerwald mit seinen zahlreichen kleinen Moorlandschaften (Burnighof, Schlittenried, Waggenmoos, Tschädigen, Würzenbach, Verkehrshaus/Lido). Fotos unter http://www.wandersite.ch/Tageswanderung/593_Luzern.html

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