Luzerner Single Malt und Glühwein von Maggy


Heut ist Frühling, doch vor zweieinhalb Wochen war die Schweiz Antarktis. 9 Grad Minus zeigte das Thermometer in Zürich morgens um acht an. Die Kälte wurde vor allem auf den Hochebenen unangenehm, wo uns die Bise wie Sandpapier das Gesicht schmirgelte. Fatalerweise waren da mehrere Hochebenen: Die Wanderung von Gutenburg nach Nebikon ist ein Auf und Ab.

In Gutenburg südlich von Langenthal hält der Zug nur auf Verlangen. Wir hatten den Knopf gedrückt, stiegen aus, fanden das Wartehäuschen schnuckelig, erblickten den Wanderwegweiser und zogen los. Für die erste Etappe nach Melchnau nahmen wir nicht den kürzesten, sondern den schönsten Weg; man folge dazu bis zum Ghürn dem Wegweiser «Hochwacht».

Ein poetisches Vogelhäuschen

Beim Bürgisweyerbad, das Betriebsferien hatte, registrierten wir Poesie: Das Vogelhäuschen trug den Namen «Liebesnest». Dann das Ghürn: ein Bauernweiler, den wir kaum sahen, weil der Wind uns in die Augen stach. Auf dieser Wanderung mussten wir mehrmals weinen.

Unten in Melchnau war Fasnachtschiessen, wir hatten es knallen gehört. Oben auf dem Schlossberg gab es hernach eine Ruine zu besichtigen, die des Schlosses Grünenberg, doch dafür war es uns zu kalt. In Altbüron landeten wir vollends in der Fasnacht. Ein Lautsprecherwagen fuhr durch das frosthalber wie ausgestorben wirkende Dorf und spielte Rihanna-Hits. Die Linde fanden wir verschlossen vor, dafür das Kreuz offen. Wir assen, mein Cordon-bleu war gut, doch es war klamm in der Wirtschaft, wir fröstelten.

Bald darauf wurde uns warm. Wir entdeckten unweit des Restaurants die Schnapsbrennerei Stadelmann. Der winzige Laden war offen. Wir traten ein, beschauten uns die Flaschen – vom Arnikawasser zum Einreiben über Gebrannte wie Zwetschgen und Birnen bis zum Luzerner Hinterländer Absinth. Mein Rucksack wurde schwer, doch der im Merlotfass gereifte Single Malt war die Bürde wert. Und übrigens: Stadelmanns haben einen Onlineshop. Aber degustieren geht natürlich nur vor Ort.

Das Dorf ohne Handyempfang

Wahrzeichen Altbürons ist die Antoniuskapelle auf dem Hügel, zu der wir aufstiegen. Was wir nicht entdeckten, eben, weil die Kälte uns ein wenig die Lust am Verweilen nahm: das berühmte Stück Bahndamm ohne Bahn. Altbüron sollte an die Langenthal-Wauwil-Bahn angeschlossen werden. Doch der Bau wurde um 1875 eingestellt, Geldnot. Geblieben ist der Damm sowie ein Tunnelportal.

Wir kamen zum Totenboden. So heisst jenes abseitige Geländestück, in dem in der Pestzeit die ausserhalb des Dorfes wohnenden Leute ihre Toten begruben, nachdem ihnen der Transport der Leichen über weite Strecken verboten worden war. Und schon kam der nächste, der zweitletzte Abstieg nach Ebersecken. Es wurde vergangenes Jahr durch einen Zeitungsartikel kurzfristig berühmt: Ebersecken habe keinen Handyempfang, stand zu lesen.

Noch einmal hinauf, diesmal besonders steil, und noch einmal hinunter, und wir langten in Nebikon an. Wahrzeichen des Dorfes sind, abgesehen vom Santenberg im Hintergrund, die Zwillingstürme der Egli-Mühlen. Die Wanderung endete dann, nein: nicht am Bahnhof Nebikon, sondern am Bahnhof Zürich. Wie fast jedesmal kehrten wir im St. Gallerhof ein. Ein Glühwein von der sympathischen Serviererin Maggy taute uns vollends auf.

Route: Gutenburg Station (Halt auf Verlangen) – Ghürn – Melchnau – Schlossruine Grünenberg – Igental – Altbüron – Totenboden – Balm – Ebersecken – Röllihof – Nebikon Bahnof.

Gehzeit: 5 ½ Stunden.

Höhendifferenz: Je 600 Meter auf und ab.

Charakter: Ein stetes Auf und Ab und daher anstrengend. Schöne unverbaute Hochebenen, Högerland. Ein voralpiner Klassiker.

Höhepunkte: Die Stille der Landschaft. Die Schnapsbrennerei Stadelmann in Altbüron. Der Schlussglühwein im St. Gallerhof in Zürich.

Hund: Keine Gitterroste, keine Leitern; gut machbar.

Einkehr: In den Dörfern.

Tipp: In der Schnapsbrennerei Stadelmann degustieren und kaufen, zum Beispiel den Luzerner Hinterländer Single Malt. http://shop.schnapsbrennen.ch/

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

4 Kommentare zu «Luzerner Single Malt und Glühwein von Maggy»

  • Marius sagt:

    Ich finde, du hast die Atmosphäre wirklich gut beschrieben. Es macht Spaß, deine Einträge zu lesen und ich hoffe, dass wir noch bald viel mehr von dir hören werden. Denn solche Wanderreporte braucht das Land!

    Ich liebe die Schweiz und war schon oft dort im Urlaub. Leider bin ich ein Deutscher, denke ich mir manchmal, wenn ich von dort aus dem Urlaub zurück komme. Na ja, man kann eben nicht alles haben :-)

  • Urban Städtler sagt:

    Nebikon ist ein Kaff. Wir urbanen Zürcher bekommen einen viel höheren Siloturm.

  • Daniel sagt:

    …und ich habe immer gedacht ich kenne schon alles in der Schweiz!

  • Hans sagt:

    Super Wanderreport – las ihn sehr gerne!

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