Wenn die Abkürzung Schmerz heisst

Das Training ist sehr kurz und sehr schmerzhaft: Nicole Ulrich, Moderatorin des Schweizer Fernsehens im Selbsttest. (Bild: Screenshot SF)

Das Training ist sehr kurz und sehr schmerzhaft: Nicole Ulrich, Moderatorin des Schweizer Fernsehens im Selbsttest. (Bild: Screenshot SF)

Geht es um ihre Leidenschaft, kennen viele Sportler keine Grenzen – auch keine finanziellen. Läufer investieren in modernste Schuhe, nur das Beste ist für die Füsse gut genug. Gerne zücken sie ihr Portemonnaie, um sich atmungsaktive, winddichte oder reflektierende Kleider zu besorgen. Sie gönnen sich massgeschneiderte Trainingsprogramme oder gar einen persönlichen Trainer. Diese Geschenke an das Läufer-Ich motivieren, aber sie sollen vor allem die Leistung verbessern: Schneller, ausdauernder will man werden. Dafür scheint zuweilen kein Preis zu hoch.

Doch an langen, teils gemächlichen Trainingseinheiten führt auch der beste Schuh nicht vorbei. So erstaunt es wenig, dass Ausdauersportler ständig nach einer Abkürzung suchen. Ein Unternehmen, das aus der Zürcher ETH hervorgegangen ist, will nun diese langersehnte Abkürzung gefunden haben. In Medienberichten verkünden die Wissenschaftler, sie könnten mit einem kurzen Training dieselben Effekte erzielen wie durch Kraft- und langes Ausdauertraining. Auf dem Wegweiser ihres Shortcuts steht: kurzes aber schmerzvolles Training (zu sehen im Video unten).

Die Forscher kombinieren dazu Sprints auf dem Velo und ein Krafttraining auf einer vibrierenden Platte – das klingt human. Der Widerstand, den es auf dem Hometrainer zu treten gilt, beträgt rund zehn Prozent des Körpergewichts des Sportlers – da muss der Sportler erstmals über sich hinauswachsen. Krafttraining auf einer Vibrationsplatte – tönt nach schwerer aber verkraftbarer Arbeit. Wären nicht die Beine mit Luftmanschetten abgebunden, die Muskeln also blutleer und daher ohne energiespendenden Sauerstoff.

Sportprofis aber auch Hobbysportler gehen bei dem Programm nicht nur an ihre Grenzen, sondern offenbar darüber hinaus: Sie leiden, bis einige von ihnen erbrechen oder gar in Ohnmacht fallen. Die verantwortlichen Sportwissenschaftler belegen jedoch in Studien, dass ihre Trainingsmethode Muskelwachstum, Leistung und Ausdauerkapazität erhöht. Investieren muss der Sportler dafür pro Trainingseinheit verlockend kurze 15 bis 45 Minuten, ein Prozent seines Körpergewichts – und 390 Franken. Dieses Trainingsprogramm besteht aus vier Einheiten innerhalb von zwei Wochen.

Bei der traditionellen Trainingslehre ist das Wort Ausdauer Programm: Es dauert, wenn ein Läufer daran arbeiten will. Dafür legt er Kilometer um Kilometer zurück. Der Körper erhält dabei Zeit, sich an die Herausforderungen zu gewöhnen, daran zu wachsen. Diese neue Trainingsmethode hingegen stellt ihn unter Schock. Sie fordert von ihm eine unmittelbare Reaktion. Sie kürzt ab. Sie geht mit dem Zeitgeist einer Gesellschaft, die immer schnellere Resultate fordert – und zwar hier und jetzt.

Doch der Körper ist das höchste Gut eines Sportlers. Das wissen die Profis am besten. Er ist ihr Kapital. Sie kennen ihren Organismus, verstehen seine Sprache. Sie gehen bewusst Risiken ein – auch wirtschaftlich. Greifen Profis zu derart extremen Trainingsmethoden vermögen sie vermutlich genau «hinzuhören», wie es ihrem Körper dabei geht. Aber: Ist das Risiko derart krasser Trainingsmethoden für Hobbysportler nicht zu hoch? Darf der Preis für diese Abkürzung die Gesundheit sein?

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