Den Neoliberalismus kann man erwandern!


Letzten Februar war eines Samstags das Wetter so schön, dass ich meine Halbgrippe mit zwei Panadol unterdrückte und losfuhr. Mit dem Mont Pèlerin über Vevey hatte ich mir ein leichtes Ziel erwählt. Bei der Einfahrt in Bern musste ich lachen. Der Zugbegleiter gab per Lautsprecher die Anschlüsse launig so durch: «Wenn Sie sich nach Interlaken begeben möchten, empfehle ich Gleis fünf.»

In Palézieux wechselte ich auf das Zuckelbähnchen nach Montbovon, stieg nach zwei Minuten Fahrt wieder aus bei der Station Granges. Sie liegt abseits des zugehörigen Dorfes, das ich westlich auf dem Ausläufer des Mont Chesau sah. Einen Wanderweg zum Dorf gab es nicht; kein Problem, ich ging kurz auf dem Strässchen retour, bog links ab, gelangte auf Feldwegen hinüber. Auf der Route de Palézieux zog ich durch den Ort leicht aufwärts bis zur Auberge de la Croix-Blanche. Hier fand ich meinen Wanderweg zum Chesau und Pèlerin.

Ein unspektakulärer Berg

Der Weg führte über Weiden, dann durch den Wald. Schnee hatte es praktisch keinen, doch traf ich auf Schneeschuh-Trail-Schilder in pink. Nun bereits nicht mehr im Kanton Freiburg, sondern im Waadtland marschierend, kam ich auf einer Anhöhe zu einer Verzweigung und erreichte daraufhin den höchsten Punkt des Chesau. Toll die Sicht auf die Berge zu meiner Linken: Dent de Jaman und Dent de Lys, der Teysachaux und der Freiburger Nationalklotz Moléson.

Hernach ein kleiner Sattel mit einer – geschlossenen – Buvette, und wieder ging es aufwärts. Der Pèlerin, 1080 Meter über Meer, ist ein Berg ohne spektakulären Gipfel, Wald bedeckt seinen Rücken. So wusste ich die längste Zeit nicht, wo genau der 122 Meter hohe Fernsehturm war, den ich schon von Palézieux aus registriert hatte. Als ich bei ihm anlangte, war ich enttäuscht: Auf 65 Metern gibt es eine öffentliche Aussichtsplattform, doch sie ist winters nicht zugänglich. Allein stand ich im Wald vor einer Anlage, die scheinbar ohne Menschen auskommt, die durch einen Gitterzaun geschützt ist, die mysteriös summt. Das erinnerte mich an Romanszenen von Jules Verne und H.G. Wells.

Die Vordenker der freien Marktwirtschaft

Nun trat ich die letzte Etappe der Wanderung an: hinab zur Standseilbahn, die von Vevey aus die Bergflanke erschliesst. Das kurze Wegstück vor dem Luxushotel «Mirador Kempinski», das mit seinem Seeblick protzt, erwies sich als schwierig: Metallstufen, glücklicherweise nicht vereist, führen durch den steilen Hang. Im Restaurant «Le Chalet» bei der Standseilbahn nahm ich einen Kaffee; Hunger hatte ich keinen, obwohl fantastisch aussah, was in dem rustikalen Lokal aufgetragen wurde. Ich tat zum Kaffee, was ich oft tue: Ich las per iPhone im Internet nach, wo ich durchgekommen war. Insbesondere interessierte mich die Mont Pèlerin Society.

1947 versammelten sich über dem Genfersee auf Einladung des Wirtschafts-Theoretikers Friedrich August von Hayek Ökonomen, Philosophen, Schriftsteller: Leute wie Karl Popper, Wilhelm Röpke, Milton Friedman, Ludwig von Mises. Ihr Anliegen war es, dass nach dem Ende des Krieges mit der politischen auch eine marktwirtschaftliche Freiheit eintreten würde. Besonderen Einfluss erlangten sie auf den Kanzler des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. Auf dem Mont Pèlerin wurde neuzeitliche Geschichte geschrieben und der Neoliberalismus lanciert.

Route: Granges (Veveyse), Station – Granges, Dorf – Mont Chesau – Mont Pèlerin – Funiculaire Mont Pèlerin, Bergstation (Vevey).

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter aufwärts, 350 abwärts.

Charakter: Mittelstrenge Route. Das letzte Stück vor dem Luxushotel Mirador Kempinski ist steil und mit Treppen gesichert, bei Vereisung Vorsicht! Wenn viel Schnee liegt, braucht man Schneeschuhe.

Höhepunkte: Der Blick vom Chesau zu den Waadtländer und Freiburger Alpen. Der gewaltige Pèlerin-Turm. Der Blick auf den Genfersee von der Bergstation des Funiculaire über Vevey.

Einkehr: Nur im Dorf Granges. Die Chesau-Buvette ist im Winter geschlossen.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

6 Kommentare zu «Den Neoliberalismus kann man erwandern!»

  • Urs Holzapfel sagt:

    Es wurde in einem Kommentar schon erwähnt;ich möchte das nochmals unterstreichen: Ludwig Erhard war kein Anhänger der (vogel-)freien Marktwirtschaft,also des amerikanischen Modells des Hire and Fire,sondern Anhänger der sozialen Marktwirtschaft,einer Wirtschaftsform,in der der Kapitalismus an die Zügel genommen,gewissermassen gezähmt wird.Ein himmelweiter Unterschied!

  • Wer sich nicht ausschliesslich dem neoliberalistischen Wandern zuwenden möchte, kann sich danach einem fast 500 seitigen Schunken auf Englisch zuwenden. Mirowski, Philip, Plewe, Dieter (eds.): The road from Mont Pélerin: the making of the neoliberal thought collective. Cambridge, Mass., Harvard University Press, 2009. Neben einer Darstellung des Liberalismus in den USA, England und Deutschland sowie der akademischen Denkschule in Chicago, findet in Kapitel 10 von Jennifer Bair interessante Hinweise aus der Schweiz. In „Taking aim at the New International Economic Order“ wird insbesondere auf die monetaristishe Eiterbeule an der Universität hingewiesen. Diese hat in den 1970er Jahren während einem Vierteljahrhundert die Geldpolitik der SNB beeinflusst. In der Zwischnezeit hat sich herausgestellt, dass diese Auffassung äusserst einseitig war, weil die Auswirkungen auf das Wachstum und den Arbeitsmarkt zu restriktiv ausfielen. Seither sind die meisten Notenbanken auf eine wesentlich flexiblere Interpretation übergegangen. Man spricht nicht mehr von „how to stop inflation“ wie damals, sondern ist bereit, ein gewisses Mass an Inflation – 2 %, teilweise etwas mehr – zu tolerieren. In der gegenwärtigen Krisensituation befindet sich so viel Liquiditiät in den einzelnen Volkswirtschaften, dass einem bange werden könnte.

    Für nicht mit der Materie Eingeweihte dürfte interessieren, dass diese Auffassungen ziemlich extrem sind und von vielen Involvierten nicht geteilt werden. Leider haben diese Auffassungen mitgeholfen, die gegenwärtige Krise mit zu verursachen. Sofern in Zukunft nicht wieder die gleichen Fehler gemacht werden sollen, ist es notwendig, die Analyse von organisierten sozio-ökonomischen Wirtwschaftssystem zu fördern und mit aller Energie voranzutreiben. Auf den ausgefahrenen Pfaden weiter fahren zu wollen, dürfte sich als Trugschluss heraustellen.

  • Albert Jaussi sagt:

    Das Photo, das das Mirador Kempinski zeigen soll ist allerdings das Altersheim von Mt Pélerin. Das Hôtel befindet sich 800 Meter weiter rechts, nach der Bahnstation.

  • Rolf Löber sagt:

    …und der Turm ist ab Oktober bis ins Frühjahr geschlossen. Aus Sicherheitsgründen. Die Gefahr von herabstürzendem Eis – so es hat – ist beträchtlich. Der Aufenthalt am Fusse des Turm dann lebensgefährlich. Ab dem Frühling kann man sich durch den am Turm aussen hochfahrenden Lift in die Höhe auf die Aussichtsplattform transportieren lassen und die absolut faszinierende Rundum-Aussicht geniessen, ja sich von ihr überwältigen lassen! Als besonders attraktive Zeit für diese Wanderung bietet sich der Mai und der Juni an, dann, wenn die Narzissen blühen und ganze Wiesen und Hänge in weisse Flächen verwandeln. Die Einheimischen nennen dieses Ereignis LA NEIGE DU MAI. – Meine Empfehlung: vormerken, der Mai/Juni 2012 ist nicht mehr fern! (sich via einschlägige Webseiten oder Vevey-Tourismus über die Blütezeit informieren, die wettermässig von Jahr zu Jahr leicht unterschiedlich sein können)

  • Wolfgang Fleischer sagt:

    Danke für die sehr interessante Beschreibung der Wanderroute. Sie haben mein Interesse dafür geweckt, und ich hoffe, die Wanderung bald selber unter die Füsse nehmen zu können.
    Noch eine kleine Anmerkung zum Begriff „Neoliberalismus“. Dieser scheint mir ein wenig irritierend, da er m.W. erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden ist. Im genannten Falle und den genannten Vertretern (Versammlung von 1947) dürfte es sich viel mehr um die „soziale Marktwirtschaft“ handeln – dies sehe ich als Gegenstück zum reinen (Neo-)Liberalismus -, erst recht, wenn davon der damalige Kanzler L. Erhardt überzeugt werden konnte.

  • Dein Artikel hat mich in meine Kindheit zurückversetzt, als cih viel Zeit in den Alpen verbracht habe. Durch den Wald marschieren und frische Luft atmen!. Dass du die Landschaft ohne Schnee beschreibst, ist merkwürdig. Ein merkwürdiger Winter!.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.