Haben Sie auch Angst, sich beim Sport zu blamieren?

Nur keine Blösse zeigen: Winterüberlebenscamp einer Spezialeinheit der südkoreanischen Armee. (Bild: Keystone/AP/Ahn Young-Joon)

Nur keine Blösse zeigen: Winterüberlebenscamp einer Spezialeinheit der südkoreanischen Armee. (Bild: Keystone/AP/Ahn Young-Joon)

In meinem Freundeskreis gibt es Leute, die sind zwar sportlich, aber sie gehen nie in die Berge, was mir ziemlich unverständlich ist. Weshalb bevorzugt jemand das Fitnessstudio oder die Tennishalle, wenn er stattdessen durch traumhaft verschneite Täler touren und abseits der Zivilisation über unverspurte Hänge pulvern könnte? Aber gut, jedem das Seine – und seien wir froh, dass nicht jede/r seine Freizeit in den Bergen verbringt. Man sagt ja, es gebe zwei Typen von Sportlern. Zum einen den «Typ Hund», er mag es gesellig, hat gerne Leute um sich, mit denen er sich bewegen und unterhalten kann, in geschütztem Umfeld. Zum anderen der «Typ Katze», er mag es still und leise, ist lieber alleine unterwegs oder in kleiner, vertrauter Gruppe, ohne Rummel drum herum.

Ich gehöre eher zum «Typ Katze», ziehe am liebsten durch einsame Wildnis. Selbstverständlich habe ich schon versucht, mich mit einigen urbanen «Typ Hund»-Bekannten sportlich anzufreunden, sie zum Beispiel für eine Skitour zu motivieren. Erfolglos. Bis heute wagte noch kein Zürcher sein Berg-Debut mit mir. Einer sagte mir kürzlich sogar weshalb: Nicht etwa weil er sich vor einem Beinbruch oder einer Lawine fürchtet, nein, aber weil er sich neben mir zu unfit vorkomme, er mir am Berg nicht hinterherkriechen wolle, er sich schämen würde, ausserdem sei er ein Mann und ich eine Frau.

Angst vor dem eigenen Versagen?

Wenigstens war seine Begründung ehrlich. Bestürzt und aufgewühlt hat sie mich dennoch. Geht es hier um die Angst, sich beim Sport zu blamieren? Angst vor dem eigenen Versagen? Ein spannendes Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird. Gerade im Alpinismus spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. Man erlebt nicht nur eigene Schwächen und Blössen, sondern auch jene des anderen. Und zwar hautnah. Es sind Momente, auf die beide verzichten könnten. Gleichzeitig sind sie aber wichtig. Sie bereichern das Bergerlebnis, machen es auf eine unverlogene Art noch nachhaltiger. Und sie schweissen zusammen.

Trotzdem stimmt es: Ängste spielen – zumindest im Outdoorsport – eine dominante Rolle. Ängste gehören dazu wie Schweiss und Muskelkater. Wie viel Besorgnis und Verzweiflung habe ich in meinem Sportlerleben schon durchgestanden! Vor jedem Viertausender beschleicht mich Angst und Bange. Nicht weil ich mich davor fürchte, abzustürzen oder mich zu verletzen. Es ist die Angst vor mir selber, dass ich aus irgendeinem Grund versage und es nicht bis auf den Gipfel schaffen könnte. Wie oft bin ich schon ehrfürchtig am Fuss eines riesigen Bergs gestanden und habe mich gefragt: Wie soll ich da je raufkommen? Weshalb hast du dir keinen einfacheren Gipfel ausgesucht? Wie oft habe ich mir schon eingeredet, viel zu schlecht trainiert zu sein? Das Ziel nicht zu erreichen, würde Wunden hinterlassen, wäre schlecht. Schlecht fürs eigene Ego, schlecht für den Bergpartner, der wegen mir nicht auf den Gipfel käme, schlecht für die Freundschaft. Definitiv keine Option, komme was wolle.

Den Kampfgeist wecken

Und dann die Hoffnung, keine Peinlichkeiten zu veranstalten. Was musste ich diesbezüglich bereits alles hinnehmen! Bei Pulverschnee-Abfahrten bin ich schon kopfvoran gestürzt, Purzelbaum mit Rucksack, direkt vor den Augen meiner Tourenpartner. Oder erst vergangene Woche: Ich war mit einem Freund unterwegs, der zurzeit für einen Achttausender trainiert und unverschämt fit ist. Also eine sportliche Qual für mich, irgendwie irre, aber genau solche Voraussetzungen wecken auch einen enormen Kampfgeist in mir. Ich merkte plötzlich nicht mal mehr, dass ich in der steilen Gipfelflanke schnaufte wie sechs Kutschenpferde gleichzeitig, schwitzte, fluchte, biss, litt. Ich wollte nur eins: so schnell wie möglich da rauf und mir nichts anmerken lassen. Stur habe ich versucht, das angeschlagene Speedtempo meines Tourenpartners zu halten. Um Kraft zu sparen hätte ich hinter ihm in seinem Windschatten über seine Spur ziehen können. Doch dieses Angebot schlug ich trotzig aus. Ich bestand darauf, selber zu spuren und mich zu kasteien. Weshalb? Keine Ahnung! Weils grad ging?

Im Prinzip geht es doch ständig darum, sich seinen Ängsten vor Blamagen zu stellen und sie zu überwinden. Sonst kämen wir im Sport gar nicht weiter, könnten unsere Grenzen nicht pushen. Und wie sagt man so schön: Wer nie eine sportliche Niederlage erlebt, ist entweder richtig gut, oder er setzt sich nur lauwarme Ziele.

Kennen Sie solche Ängste und Situationen auch?

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19 Kommentare zu «Haben Sie auch Angst, sich beim Sport zu blamieren?»

  • Dorian sagt:

    Ausdauersport wird sowieso zu unrecht als das einzig Wahre betrachtet… Erbärmlich vor allem, wenn Väter/Mütter, nur um ihre Leistung zu toppen, ihre Kinder im Kinderwagen joggend vor sich her stossen.

  • ZYZZ sagt:

    … und dann gib es die anderen Extreme, die sich nicht mal ein Bisschen blamieren und schon gar keine Angst vor einer Eventual-Blamage haben. Eine halbe in einem Fintesscenter verbringen reicht aus um zu wissen, wovon ich spreche. Scheint als gibt es in den Fitnesscentern weder Benimm- noch Stil-/Mode-bezogene Regeln. =)

  • lionell sagt:

    Nach solche Texten weiss ich wieder, wieso ich am allerliebsten alleine Sport mache und alleine in den Bergen unterwegs bin.

  • Joachim Adamek sagt:

    Würde ich sagen, dass es mir gleichgültig ist, mich beim “Sport” vor anderen zu blamieren, dann wäre das gelogen. Aber ich gehe nicht in die Natur, um mich mit anderen wettkampfmässig zu messen oder um mich vor jemandem zu beweisen. Ich bin weniger Sportler, dafür mehr Abenteurer.
    Klar, dass ich bei jeder Tour bestrebt bin, meine bisherigen Leistungen ein wenig zu überbieten. Aber wirklich wichtig ist mir anderes: Die Entdeckung eines mir unbekannten Terrains, und je umfassender dersto besser. Je mehr uneingeplante und unvorhersehbare Überraschungen dabei auftreten, desto schöner und spannender. Das verleiht dem Unterwegssein seinen ganz besonderen Reiz. Todesängste habe ich im Gelände — auf 800 Metern genauso wie auf 2000 — schon oft ausgestanden: Ich suche solche Momente nicht, ich lege den Hebel dann einfach um auf “cool”.

  • SomeintPhia sagt:

    Die Angst des Blamierens ist oftmals wohl die Uebersetzung für „ich bin zu faul dafür“.

    Ist STAERKER mit SCHWAECHER unterwegs, sollte es keine Kräftemessen geben. Es muss im Vordergrund stehen, dass man etwas zusammen macht.

  • Mana sagt:

    Gottseidank gibt es noch Leute welche sich im Fitnessstudio die Zeit vertreiben. Man stelle sich vor wie es sonst in den Bergen zu- und hergehen würde.
    Ich träume sowieso immer wieder von den ‚alten Zeiten‘, wo man noch eine Skitour machenen konnte ohne dass man sich um einen Platz in der Spur prügeln musste.

  • Georg sagt:

    Tennisspielen auf einem Berg ist halt schwierig…

  • Helena sagt:

    Sehr geehrte Frau Knecht,
    Sie fragen in ihrem Titel, ob ich auch Angst habe, mich beim Sport zu blamieren.
    Ja, das habe ich. Ich habe vor Jahren begonnen zu klettern (v.a. in der Halle), und es hat mir wahnsinnig Spass gemacht. Leider habe ich bald gemerkt, dass ich nicht so schnell Fortschritte machte wie meine Kletterpartnerin. Sie hat wohl das, was Sie „Ehrgeiz“ oder „Biss“ nennen würden – im Gegensatz zu mir. Ich treibe nicht Sport, um mich zu pushen oder Ziele (wenn auch nur lauwarme) zu erreichen, sondern um mich zu spüren und eine schöne Zeit zu verbringen. Jedenfalls haben sich unsere Wege bald auseinandergespörtelt, wie das Leben halt so geht.
    Nun geht es darum, dass ich gerne „in die Berge“ gehen würde. Ich würde gerne Ski- und Klettertouren machen. Doch wissen Sie was? Ich habe Angst davor. Ich weiss, dass ich zu wenig gut Ski fahre, hatte auch keinen Vater der Bergsteiger war und uns schon als Kind in die Bergwelt eingeführt hat. Und als Plauschsportlerin mit mittelmässiger Kondition (die notabene von Ihnen als „wandelnder Fettwulst“ bezeichnet werden würde – sorry für die Unterstellung) mit jemand Erfahrenem mit, und ständig das Gefühl haben müssen dass sich alle mir anpassen müssen? Nichts was ich nochmals erleben möchte.

    • Jürg sagt:

      Liebe Helena, geh mit Leuten in die Berge, die ein ähnliches Niveau haben oder die, in ihren Augen, auch mal eine gemütliche Tour machen können. Davon gibt es genügend. Zur Halle: Ich persönlich bin zwar stark am Berg aber im Hallenklettern auch nicht gerade talentiert. Trotzdem gehe ich mit Leuten, die drei oder mehr Grade höher klettern als ich. Klettern kann schliesslich immer nur einer, der andere muss sichern….Und zuletzt: Sport machst Du für Dich. Der Anfang mag hart sein, die Blicke teilweise spöttisch, aber, und das ist entscheidend: Ich habe mehr Respekt vor Menschen, die vielleicht etwas fülliger sind, sich aber genau diesen Situationen aussetzen, als vor solchen, die schon als Topathleten geboren wurden.

  • Daniel Küttel sagt:

    Keine Kommentare weil andere Dinge im Kopf *hihi*

    Ich würde sogar sagen dass ich weder Hund und Katz bin, sondern eher der Typ Maus. Sobald wenn es Hund oder Katz hat, dann verkriech ich mich. Wie auch die anderen Mäuse ist man entweder alleine oder zusammen, das kommt gerade auf die Lust und Lauen drauf an. (lustiger vergleich mit den Typen)

    Ich mag einfach keine Menschen, die eigentlich einen Anlass der Spass machen sollte, als Wettkampfplattform für ihren Ehrgeiz missbrauchen, nur um zu zeigen dass sie es auch im Alter noch können, bzw besser sind als M oder W. Dabei interessiert mich der Chabis nicht. Egal wo ich hingehe, da interessere ich mich nur für mich alleine. ICH bin da im Mittelpunkt, sonst niemand.

    Dabei ist es mir auch egal wenn mich eben M oder W oder sogar ein Kind überholt, hauptsache ICH hab Spass. Aber noch viel schlimmer als jene die aus jeder Tätigkeit einen Wettbewerb machen sind die, die den Wettbewerb noch zur Modeschau machen wollen. So gilt man nur mit einem X-Tausend CHF teurem Equip als „berechtigt“ um am See Fahrrad zu fahren, in den Bergen wandern zu gehen, die Piste runter zu sausen oder joggen zu gehen. Dabei ist noch niemandem von diesen selbsternannten Profis aufgefallen, dass sie sich zum Gespött machen, und nicht die Leute die einfach nur Spass haben wollen.

  • Matthias sagt:

    Oh, endlich meldet sich mal einer dieser Lawinen Auslöser zu Wort.

    Ist doch schön, das sie für ihr „Freudeli“ riesige Risikos eingehen, die alle gefährden und auch noch von anderen aufgeräumt werden müssen.

    Ich applaudiere all ihren Freunden die sich nicht auf solche „Ab der Piste“ Skitouren einlassen.

    • Ott sagt:

      Sag mal, für was liest du eigentlich diesen Blog? Outdoorsportler bist du jedenfalls nicht, oder? Gehe ich richtig in der Annahme, dass du einfach einen Online-Streit suchst?

  • Christine sagt:

    Dieser Artikel spricht mir aus dem Herz. Bei meinem Partner, der genau gleich tickt wie ich, könnte ich nie zugeben, dass ich auf dem letzten Zacken den Berg hoch hetze, auch wenn sein Tempo, das er anschlägt noch so mörderisch ist. In diesen Momenten verwünscht man sich für seinen Ehrgeiz und Sturheit. DOCH die Befriedigung auf dem Gipfel und die wunderschöne Bergwelt abseits der Zivilisation entschädigen einem für die Schinderei und die schweisstreibende „Arbeit“.

  • Klaus Gringer sagt:

    Diese Problem kenne ich auch, mit dem MTB bin ich teilweise doppelt so schnell wie manche in meinem Freundeskreis… Ich passe meine Geschwindigkeit aber immer dem schwächeren an, aber wenn der keinen Mut hat etwas zu sagen wenn ich zu schnell bin, nützt alles nichts.

  • Daniel sagt:

    Warum soll ich mich beim Sport Blamieren? Ich mache das Training ja für mich und nicht für die anderen, von daher gesehen sind mir die Meinungen der anderen egal!

    • Jürg sagt:

      Danke! Gerade im alpinen Bereich stimmt das umso mehr. Den Berg interessiert es nicht, ob ich stark oder schwach bin, ich bin ihm am Ende völlig egal. Das ist auch gut so, denn genau das macht die Schönheit des Bergsports aus: Egal was man kann, wie gut man klettert, wieviele Höhenmeter pro Stunde man steigt, der Berg ist für jeden ein Messen an den eigenen Grenzen, ein wunderschöner, harter Wettkampf mit sich selber. Aber natürlich funktioniert das nur, wenn man sich nicht mit anderen vergleicht…

  • Luise sagt:

    Spannende Gedanken – keine Kommentare. Warum wohl nicht?

    Dass Freunde nicht mit mir bergsteigen wollen kenne ich auch, obwohl die meisten jünger sind als ich. Diese Tatsache mildert zwar meinen eigenen Ehrgeiz und trotzdem fürchten viele Leute, sich neben mir zu blamieren. Von mir selber weiss ich: Die härtesten Kämpfe fechte ich gegen mich selber aus, nicht gegen andere. Ich will wegen mir schnell sein um mir zu beweisen, wie stark und unerschrocken ich bin. Und wenn ich bei einem Wettkampf weit hinten auf der Rangliste bin, kann ich das ganz gelassen mit meinem Alter erklären.

  • Michel sagt:

    Liebe Frau Knecht
    Ich habe grossen Respekt vor Ihrer Fitness, Ihrem Mut, Ihrem Durchhaltewille und lese den Outdoorblog jeweils mit Interesse. Leider handeln Ihre Artikel je länger, je mehr von Ihrer Person, die eigentliche Sache gerät immer mehr in den Hintergrund. Und die Extermsportler, welche Sie ansprechen, haben vor lauter Training und anspruchsvollsten Touren wohl kaum Zeit, Ihren Blog zu lesen.
    Als begeisterter Outdoorsportler sehe ich den Outdoorblog als Motivator und Informationsquelle. Die ewigen Vergleiche „wer ist besser – wer ist stärker – wer mag länger“ stören mich jedoch zunehmend. Weil ich mich (vor allem aus familiären Zeitgründen) auch regelmässig in den Fitnesskeller quäle und sich meine Outdooraktivitäten auf gemässigte Touren, Klettersteige und einfachere 3000er beschränken, bleibe ich für den Outdoorblog wohl ein Weichei. Welch motivierende Grundlage!
    Ich wünsche Ihnen vor allem viel Spass und Gelassenheit…auch wenn Sie manchmal nicht die Beste sind.

    • Yvonne sagt:

      Gerne schliesse ich mich dem an.

      Wenn es darum geht Grenzen zu überwinden, dann ist doch die Blondine am Südpol (Helen Skelton, siehe Blog vom 11.1.12) die Beste. Anscheinend besser als Frau Knecht.

      Daran werde ich denken, wenn ich das nächstemal meinen Inneren-Schweinehund überwinden muss. Das wird mich amüsieren und beflügelnd weitermachen lassen.

      Danke Frau Knecht, heute bestens auf Ihre Kosten geschmunzelt.

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