Best of Outdoorblog: «Ich liebe Gleitsport – und meine Narben»

Es sind Festtage und das Outdoor-Team gönnt sich eine sportliche Pause an der frischen Luft. Deshalb publizieren wir in diesen Tagen unsere Highlights aus dem vergangenen Jahr.

Dieser Beitrag unserer Best-of-Sammlung stammt aus der Feder von Natascha Knecht.

Hossegor an Frankreichs Westküste ist der Hot-Spot für Surfer in Europa. Wenn sich die weltbesten Frauen das Brett zur Brust nehmen und die perfekte Welle jagen, bleibt kein Auge trocken: Anmut vermischt sich mit Athletik, Spass mit Spitzensport (siehe auch Bildstrecke oben).

Im Winter fährt sie mit dem Snowboard haarsträubend-steile Felshänge hinunter, springt über Cliffs und saust durch die Couloirs der grossen Berge (Big Mountain). Im Sommer steht sie am liebsten auf dem Surfbrett. Ich treffe Anne-Flore Marxer, die amtierende Weltmeisterin im Snowboard-Freeriden, in Hossegor, wo der Atlantik ziemlich hohe Wellen schlägt.

Hier bleibt die 27-jährige Lausannerin die nächsten Wochen und trainiert für den Winter – mit Surfen, Yoga und Joggen im Sand. «Snowboarden und Surfen sind nicht gleich, aber ähnlich», sagt sie. «Ein optimale Ergänzung.» Snowboarden beanspruche vor allem die Beine und die Schultern. Surfen mehr Arme, Seiten und Kreuz. «Surfen hilft mir, meine Atmung besser zu trainieren, zudem gewinne ich damit einen anderen Blick für den Berg. Ich fahre im Winter andere Linien, wenn ich beim Surfen Turns und Slashes üben kann.» Im Wasser sind Stürze sanfter als auf dem harten Schnee. «Beides ist ein Sport mit den Elementen. Ich mag Gleitsport.»

Narben an jedem Gelenk

Jetzt am Sandstrand, wo Anne-Flore Marxer mal nicht dick in Winterkleider eingepackt ist, sondern Shorts und Shirt trägt, sehe ich die Spuren ihrer bisherigen Verletzungen: (Operations)-Narben an Fussgelenken, Knien, Oberschenkel, Handgelenk. «Sie sind wie Tattoos», sagt sie lachend. «Jede Narbe erinnert mich an ein Jahr, an ein Erlebnis.»

Anne Flore Marxer

Anne-Flore Marxer, Freeride-Weltmeisterin Snowboard 2011, geniesst die Surfer-Atmosphäre in Hossegor.

Mit Surfen hat sie vor fünf Jahren angefangen. «Wenn man das ganze Jahr im Schnee ist, im Sommer auf dem Gletscher, verliert man irgendwann die Motivation. Seit ich Surfe, ist das anders. Da freue ich mich Ende Winter immer auf das Wasser, Ende Sommer bin ich froh, wieder auf den Schnee zu kommen.» Wenn sie zuhause in Lausanne ist, geht sie auch Wake-Surfen oder mit einer Freundin klettern.

Anne-Flore Marxers Wintersaison ging vor zwei Wochen zu Ende. Zum Ausspannen blieb ihr aber noch keine Zeit. Selbst eine Freeride-Weltmeisterin muss arbeiten. Sie moderierte im französischen Fernsehen für eine Adrenalin-Show und die X-Games, ebenso bei Eurosport und Sky-TV. In Frankreich ist die Westschweizerin ein Star. Als ich Anne-Flore Marxer treffe – sie spricht übrigens fliessend Deutsch – ist sie in Hossegor beim «Swatch Girls Pro» als Speakerin engangiert, ein Surf-Wettkampf der ASP Woman’s World Tour .

Die ASP (Association of Surfing Professionals) ist vergleichbar mit einem Weltcup. Nur die allerbesten Surferinnen der Welt sind dabei. Der Zirkus gastiert an den Stränden mit den spektakulärsten Wellen. Ein sogenannter «6 Star Event». Die 6 Sterne haben nichts mit Luxus und Hotelklassifizierungen zu tun, der Ausdruck steht für «Wettkampf der Top-Athlet(inn)en».

Das Best-of-Video, Anne-Flore Marxer moderiert:

Spitzensport gepaart mit maximaler Sexyness

Während Anne-Flore als Speakerin arbeitet, schliesse ich mich dem Journalisten-Tross an, der zu diesem Spitzensport-Spektakel gereist ist. Journalisten aus ganz Europa. So viele, wie ich an einem Outdoor-Event noch selten erlebt habe. Kein Wunder: So viel Extrem-Action und Spitzensport gepaart mit maximaler Sexyness gibts auf unserem Kontinent nicht alle Tage. Die Girls sind jung, ihre Körper und Körperspannung perfekt. Noch ist der Atlantik kalt, in Hossegor momentan 17 Grad, darum steigen die Surfeusen mit Anzug ins Wasser. Kaum sind sie wieder draussen, reissen sie sich das Neopren vom Leib und joggen im Bikini über den feinen Sandstrand, die meisten mit langen, ausgebleichten, nassen, im Wind wehenden Haaren.

Bruna Schmitz, Coco Ho, Alana Blanchard

Freundinnen: Bruna Schmitz (Brasilien) schaffte es dieses Jahr als «Swimmsuit»-Model in die amerikanische «Sports Ilustrated». Coco Ho (Hawaii) war dieses Jahr Aushängeschild in Hossegor. Alana Blanchard (Hawaii) gilt als «super-hot» (v.l.). (Foto: Natascha Knecht)

Da so viele Dutzend Medienleute angereist sind, wären Einzelinterviews für die Surferinnen gar nicht zu bewältigen, sie müssten wahrscheinlich Wochen dasitzen und ständig die gleichen Fragen beantworten. Darum stehen die Athletinnen allen Journalisten gleichzeitig zur Verfügung.

Coco Ho aus Hawaii (derzeit 6. im Gesamt-Ranking, Preisgelder bisher im 2011: 34’150 US-Dollar, seit Karrierestart: 175’680 US-Dollar) zählt zu den Begehrtesten an diesem Tag. Die 20-Jährige stzt da mit knappem Trägershirt und kurzen Jeans-Hosen, lächelt während sie von ihrem Surferleben erzählt. «Ja, es ist hart, während der ASP-Tour so lange von zu Hause weg zu sein», antwortet sie auf eine Frage. Oder: «Nein, vor den Wellen habe ich keine Angst. Ich gehe nur raus, wenn ich mich sicher fühle. Ich kann die Gefahr gut abschätzen, ich bin aus Hawaii, wo es die höchsten Welt gibt.» Die zierliche, aber doch etwas burschikos wirkende Coco stammt aus einer Surfer-Familie, ihr Onkel war der erste Surf-Champ der Welt. Ihr Vater surft, ihr Bruder auch, ebenso ihre halbe Verwandtschaft.

Sally Fitzgibbons aus Australien (Gewinnerin in Hossegor und 3. im Gesamt-Ranking) erzählt, dass Surfen nicht mehr ein Lifestyle-Sport ist, sondern hoffentlich bald olympisch. Die Surfbretter würden immer weiterentwickelt, ebenso die Technik. Aus dem einstigen coolen Freizeitvergnügen habe sich ein professioneller Wettbewerb entwickelt. Als etwa sechste kommt Alana Blanchard an die Reihe, ein begehrtes Sportmodel (21-jährig, 1,73 Meter gross, 54 Kilo leicht). Im Gesamtranking liegt sie zur Zeit auf Platz 9. Sie gilt sie als «super hot» – super attraktiv.

Alana Blanchard

Alana Blanchard, Top-Surferin und begehrtes Model. (Foto: alanablanchard.com)

An der Presse-Konferenz am Nachmittag frage ich sie:

Alana Blanchard, sprechen Sie lieber über Surfen oder Foto-Shootings?
Am liebsten rede ich über Mode und Girlie-Sachen.

Gefallen Sie sich in der Rolle als Model?
Ich empfinde es als eine Art Hass-Liebe. Wenn ich mit meinen Fotos für Aufsehen sorgen kann, ist das gut für den Frauen-Surfsport. Es bringt uns alle weiter. Aber ich schaue mir meine Bilder nicht gerne an.

Wirklich, weshalb?
Ich bin Surferin. Im Wasser fühle ich mich am besten, dieser Sport macht mich glücklich. Beim Modeln sitze oder stehe ich nur rum, das ist schon etwas anderes. Kürzlich hatte ich ein Shooting für das amerikanische Men’s Health Magazine. Das war cool, aber ich würde auch für das Women’s Health Magazine posieren. Und natürlich für die Sports Illustrated.

Sie haben eigne Bikini-Kollektionenen entworfen. Was raten Sie uns Frauen beim Kauf?
Ach, das kann ich so generell nicht sagen. Jede Frau hat eine individuelle Figur. Die eine hat eine grosse Oberweite, die andere vielleicht mehr Hüften. Der Bikini muss passen, Frauen müssen sich darin wohl fühlen.

Welcher Bikini ist diesen Sommer angesagt?
Für mich? Ich trage Brazilian Bikini – keinen String, aber doch etwas knapper geschnitten.

Bethany Hamilton

Bethany Hamilton (Hawaii) surft wieder mit den Top-Athletinnen. Ihre Geschichte, wie sie einen Arm an einen Hai verloren hat, wurde soeben verfilmt. (Foto: Natascha Knecht)

Alana Blanchard ist auch eng befreundet mit Bethany Hamilton (21-jährig, aus Hawaii, 1.80 Meter gross, 59 Kilo). Die 21-jährige surft mit nur einem Arm – jetzt wieder bei der Weltspitze. Als sie 13 war, biss ihr ein Hai den linken Arm weg – Alana Blanchard war dabei. Eine bewegende Geschichte. So bewegend, dass soeben ein Hollywood-Film über das Leben von Bethany Hamilton gedreht wurde («Soul Surfer»). In Amerika ist der Streifen soeben angelaufen, in der Schweiz kommt er bald ins Kino.

Zum Interview-Termin mit dem Journalisten-Tross in Hossegor erscheint sie nicht. Nicht aus Arroganz, sondern weil sie nervlich nicht mehr konnte. Offenbar gingen gewisse Journalisten in den Tagen davor sehr respektlos mit ihr um.

Es ist das erste Mal, dass ich hier im Outdoorblog über Surfen berichte. Möchten Sie künftig mehr über diesen Sport und die Top-Surferinnen erfahren?

Erstpublikation am 8. Juni 2011.

Lesen Sie auch unseren zweiten Sufer-Blog: «Häng Luus!»

6 Kommentare zu «Best of Outdoorblog: «Ich liebe Gleitsport – und meine Narben»»

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