Schlampertoni und die Spräggele

Vor Jahrzehnten taten sich im Aargau Elektrizititäts-Branche, Naturschutz und Landwirtschaft unter dem Etikett «Reusstal-Sanierung» zusammen. Die Partnerschaft ist gut: Der Fluss liefert weiter Strom und treibt die Wirtschaft. Doch auch die Natur kommt zu ihrem Recht mit verspielten Sandbänken, ast-überschatteten Seichtufern, stillen Auen.

An einem regnerischen Samstag brechen wir auf zur Reuss. In Bremgarten-Obertor steigen wir aus dem Zug. Es ist Markt, überall Stände und Einkaufsvolk. Auf eine Besichtigungstour verzichten wir, sie würde uns überfordern. Das Habsburger-Städtchen, eine Art Freiluft-Museum, ist eine separate Visite wert.

«Schlampertoni» kümmert sich um Verschlamptes

Wir steigen hinab zur Reuss und zur Sperre des Kraftwerks Bremgarten-Zufikon. Ein Abzweiger leitet zur Terrasse des Emaus-Kapellchens, das barockes Bildwerk bietet. Porträtiert ist auch Antonius von Padua, jener Heilige, der für verlorene Dinge zuständig ist; man nennt ihn daher «Schlampertoni».

Bald darauf der Dominiloch-Steg. Wir begehen ihn probeweise, obwohl wir nicht auf die andere Seite müssen. Das Kloster St. Martin in Hermetschwil drängt sich dort ins Auge. Falls jemand an einem Kompendium bedeutender, doch weitgehend unbekannter Frauen hiesiger Historie arbeitet, hier meine Nomination: Maria Anna Brunner. Die Glarnerin, 1688 zur Äbtissin gewählt, versuchte ihrem vom Kloster Muri abhängigen Haus mehr Freiheit zu verschaffen. Wie sie sich mit dessen Abt des öftern anlegte – es wäre ein Romanstoff. Und übrigens: Die Nonnen von Hermetschwil, aufgrund der ewigen Anbetung durch die Nacht wachend, versahen lang den regionalen 24-Stunden-Feuerwehr-Notruf. Eine schlaue Kombination von Spiritualität und Weltlichkeit!

Ornithologen-Kino am Fluss

Den Fluss entlang, streckenweise der Moderne entrückt, halten wir südwärts. Endlich verbreitert er sich. Der Flachsee ist in seiner Natürlichkeit vollendete Künstlichkeit, ist ökologisches Design, 1975 gezielt angelegt samt Kies-Inselchen. Ein Steg führt zu einer Art Ornithologen-Kino: Man linst durch einen Sehschlitz aufs Wasser, hofft, einen seltenen Vogel zu sehen. Das Holzgehütt wird rege genutzt. Mein Wanderfreund Stefan von Bergen, Journalist, brachte kürzlich in der «Berner Zeitung» einen Artikel: «Heute ist das Beobachten von Vögeln salonfähig und ein Beleg für eine grüne Gesinnung. Selbst Prominente outen sich gerne als Vogelfans», schrieb er. Und: Leute wie Thomas Minder, Pepe Lienhard, Ruedi Aeschbacher propagierten, was einst als Domäne verklemmter Sonderlinge galt.

Auf einer Stahlbogenbrücke queren wir die Reuss und laben uns im «Hecht» zu Rottenschwil an der Kirschtorte. Hernach die Schlusspartie. Am Westufer der Reuss streben wir, mal durch Ried, mal durch Wiesen der Brücke von Ottenbach zu. Und wenn diese Kolumne dort endet und jetzt in die Zeitung kommt, so darum: In Ottenbach ist am 9. Dezember wieder Spräggele. Optimales Wandertiming für den Tag: Gegen 14 Uhr in Bremgarten ab. Kaffeehalt in Rottenschwil. Gegen 17.30 Ankunft in Ottenbach. Erneute Einkehr. Ab 19 Uhr ist Spräggelemärt mit Verpflegung und Ständen. Und dann erwachen die Geister. Schreckenswesen mit Klapperschnäbeln und Kuhhörnern toben durchs Dorf – das Säuliamt fällt mal kurz zurück in die alemannische Vorzeit.

Route: Bremgarten Obertor (Bahnstation) – Reussufer – (Abstecher zur Emmaus-Kapelle) – Dominiloch – Flachsee – Brücke von Rottenschwil (hier Wechsel ans Westufer der Reuss) – Brücke Werd – Brücke Ottenbach (über die Reuss) – Ottenbach (Bus).

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: vernachlässigbar.

Charakter: Der naturbelassenen oder renaturierten Reuss entlang. Wandern ohne Wegsuch-Sorgen. Viel Wald, noch mehr Grün. Leicht. Der ungesicherten Uferpassagen wegen muss man Kinder im Auge behalten!

Tipp: Die Route eignet sich auch fürs Winterwandern.

Höhepunkte: Bremgartens grandiose Altstadt. Der Blick aufs Kloster Hermetschwil. Die Stille am Flachsee.

Einkehr unterwegs: «Hecht» in Rottenschwil; gleich am Westufer der Reuss. Mo ab 14 Uhr und ganzer Di zu.

Spräggele: Googeln mit den Wörtern «Spräggele» und «Ottenbach» führt zu erklärenden Links. Kleine Spräggele: 2. Dezember. Grosse Spräggele (empfohlen): 9. Dezember, mit Markt ab 19 Uhr.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

5 Kommentare zu «Schlampertoni und die Spräggele»

  • R.M. Wydler sagt:

    Nebel gab es im Reusstal schon in den 50-er Jahre, als ich Kleinkind war und damals in Obfelden aufwuchs. Er lag jeweils so dicht, dass kaum was zu sehen war und gehörte ganz selbstverständlich zum Ort und zur Landschaft. Ich erinnere mich mehr an die Zeiten kurz vor Mittag, wenn er sich auflöste und die Sonne durchbrach und alles erst richtig zum Vorschein kam. Jedes mal ein besonderes Spektakel so im Nachhinein erinnert. Einem Gschpänli mit Asthma wurde empfohlen so oft wie möglich in die Höhe zu ziehen. Dadurch merkte ich, dass Nebel auch negativ sein kann. Davor gehörte er einfach dazu. Er war so oft da!

  • Marco sagt:

    Mich nähme wunder, ob es vor 1975 in der Gegend auch soviel und so dichten Nebel gab? Ich habe nämlich kürzlich gehört, dass der Flachsee für den Nebel verantwortlich sein soll, und der wurde ja gemäss Artikel erst 1975 erstellt. Wie auch immer, Bremgarten hat auch im Nebel seinen Charm und ist immer einen Besuch wert.

    • Independent sagt:

      An der Reuss hat’s eigentlich überall relativ viel Nebel. Das ganze Tal ist relativ feucht und entsprechend kondensiert die Luftfeuchtigkeit häufig. Es würde mich überraschen, wenn der Flachsee nennenswert oder überhaupt statistisch auswertbar zum Nebel beitragen würde.

  • Hans Saurenmann sagt:

    Bremgarten ist kein Habsburger Staedchen, auch wenn die Stadt-Vaeter hartnaecking an Ihrem Irrtum festhalten, Bremgarten ist eine Kyburger Gruendung mit dem sogenannten Winterthurer Stadtrecht gegruended (siehe Stadt Wappen von Grueningen, nur die Farbe ist Gruen. In keinem Habsburger Rodel ist Bremgarten aufgefuehrt!! Alles Land Rechts der Reuss war Kyburger Land, mit Ausnahme von Zuerich welches wir uns Birnenfoermig vorstellen muessen (gehoerte den Zaehringer), das Schloss auf dem Lindenhof wurde geschleift nach ableben des letzten Zaehringers im Jahre 1218 (Schleifung moeglicherweise -21) und die Stadt Zuerich Reichsunmittelbar wurde, also direkt an die Krone eingezogen wurde. Nach dem Tode des Letzten Kyburger 1264 Hartmann der Aeltere, der Juengere ist im Jahr 1263 gestorben, welche in Wettingen begraben sind.
    Anna war die Tochter von Hartmann des Juengeren und unmuendig und Rudolf von Habsburg hat sein Muendel ausgesackt und mit einem Habsburger verehelicht, welche sich fortan Neu-Kyburger nannten. Rudolfs Mutter war eine Kyburgerin. Die Habsburger kommen aus dem Klettgau und muetterlicher Seite aus Enisheim/Elsass, Rudolf war Stadt-Hauptmann von Strassburg (25 Jahre) und Hagenau also sein Lebensmittelpunkt war im Elsass (die Falkenburg liegt im Walde oberhalb Strassburg mitten im Walde und ein unehelicher Sohn ist dort geboren, welcher unter dem Namen Graf von Falkenburg oder berg eingegangen ist. Gessler als sein Vogt auf der linken Seite der Reuss duerfte aus der Schweizer Geschichte noch gut in Erinnerung sein diese Gebiete auf der linken Seite waren umstrittenen Gebiete mit unsichren Eigentuemern die noch auf die Gebietsteilung unter den Franken aus dem Jahr 847 zurueckgehen. Geschichts-Buecher Luegen nicht aber Geschichts-Schreiber schon. Hermetswil Kyburger) ist aelter als Muri!! und Heirich Villinger ist als Muehlebesitzter in Bremgarten urkundlich dokumentiert!

  • Peter sagt:

    Ausserdem: Vom 1. bis 4. Dezember findet in Bremgarten der Christchindli Märt statt. Dieser Weihnachtsmarkt ist einer der Grössten in der Schweiz.

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