Pakt mit dem Teufel

Die Wanderung von meinem Büro zu dem des Karikaturisten Felix Schaad ist kurz: zehn Meter auf Teppich geradeaus über den Redaktionsgang. Als ich vor Monaten wieder einmal hinüberschlenderte, um zu plaudern, sagte Felix: «Hey, Wanderer! Kennst du eigentlich den Kalten Wangen und die Küssaburg?»

Nein, nie gehört! Felix erzählte mir dann, dass er als Kind mit den Eltern manchmal hinüber ins nahe Südbaden gefahren sei, um an diesen Orten zu wandern. «Zwangswandern», wie er sagte. Er empfehle mir das Gebiet, es sei schön.

Die ungute alte Zeit

Einige Zeit später begeben ich und mein Grüpplein uns nach Wasterkingen im Norden des Kantons Zürich. Es ist Juli, die Felder tragen Frucht und … nun muss ich erklären, weswegen ich die Wanderung erst im November als Kolumne bringe. Nun, zum einen geht es sich immer angenehmer als in der Hitze des Hochsommers. Und zweitens spielt sich die Route auf bescheidener Höhe ab. Sie ist ideal für den Spätherbst. Und für den Winter, wenn kein oder nur wenig Schnee liegt.

Die Ebene des Rafzerfelds ist geologisch betrachtet ein Sander (der Schwemmkegel eines Gletschers). Die Fachwerkbauten geben Wasterkingen Kolorit und Geborgenheit. Allerdings habe ich gelesen, dass in Wasterkingen 1701 ein Hexenprozess stattfand. Sieben Frauen und ein Mann, verurteilt wegen Komplizenschaft mit dem Teufel, endeten im Feuer. Die gute alte Zeit war des öftern eine ungute alte Zeit.

Ein Augenschmaus

Unser Weg führt hinauf zum einsamen Bergheim. Schwenkt nach rechts zum Käppeleberg, den ein Steinkreuz von 1608 ziert, geschmückt mit Trauben, Sonne, Mond, Engeln. Wir sind bereits in Deutschland. Auf unserem Höhenweg langen wir bald beim Kalten Wangen an, einem Strassenpass mit Sicht: Links haben wir die Lägeren und sähen, wäre es nicht so dunstig, den Alpenkranz. Rechts ziehen sich die Hügelkämme Südbadens mit kleinen Dörfern dazwischen. Es ist ein Augenschmaus.

Beim Sendeturm des Südwestfunks, dem höchsten Punkt der Route, verweilen wir nicht. Wir haben Hunger. Begeisterung bricht aus, als wir die Küssaburg auf ihrem Hügel erblicken. Der Enthusiasmus gilt vor allem der Tatsache, dass ihr ein Restaurant vorgelagert ist. Liliane küsst vor Freude das Schild «Zur Küssaburg». Mein Cordonbleu mit Spätzle ist dann gut. Und sehr preiswert dank des starken Frankens. Rundum sitzen Wanderer, Biker, Autotouristen aus dem Zürich und dem Aargau.

Hinunter in die Krypta

Nach dem Essen schleppen wir uns mit vollem Bauch zur Küssaburg und tun, was man in Ruinen immer tut: Wir erklimmen Mauern, schauen ins Land, lesen die Infotafeln. Die Küssaburg steht, wo schon die Römer einen Wachtposten unterhielten. Sie geht auf die Freiherren von Küssaburg zurück und wurde mehrmals ausgebaut. Wurde 1499 im Schwabenkrieg von den Schaffhausern gestürmt. Wurde später geschleift.

Hernach die letzte Etappe. Wir nehmen den Umweg via Bechtersbohl, so gehen wir weniger lang auf Hartbelag. Dangstetten. Rheinheim, dann die Brücke über den Rhein. In Zurzach halten wir nicht direkt zum Bahnhof, sondern suchen zuvor das rote Verenamünster auf. Wir statten der heiligen Verena in ihrem Sarkophag in der Krypta einen Besuch ab. Beim Schlussbier im Städtchen sind wir uns einig, dass diese Wanderung nicht nur Länge eignet, sondern auch Grösse. Supertipp, lieber Felix!

Route: Wasterkingen (Bushaltstelle: Ausserdorfstrasse) – Bergheim – Käppeleberg – Bergscheuerhof – Wannenberg Sendemast – Küssaburg – Bechtersbohl – Dangstetten – Rheinheim – Zurzach Verenamünster – Zurzach Bahnhof.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden mit dem kleinen Umweg am Schluss zum Verenamünster.

Höhendifferenz: 350 Meter auf-, 400 Meter abwärts.

Charakter: Sanfte Höhen, milder Wald. Eine Route, die sich auch für den Winter eignet und unter 700 Metern über Meer bleibt. Weit.

Höhepunkte: Das Wegkreuz von 1688 auf dem Käppeleberg. Der Blick auf Südbaden. Das Verenamünster.

Einkehr unterwegs: Ausflugsrestaurant unterhalb der Küssaburg. In der kalten Jahreshälfte Mo und Di geschlossen. www.gasthof-kuessaburg.de.

Burgruine: Wissenswertes auf www.kuessaburg.com

Karte: Wanderkarte 215 T «Baden» 1: 50 000.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu «Pakt mit dem Teufel»

  • Danke, lieber Wandertoni!

  • Toni Amstad sagt:

    Tatsächlich ein Supertipp. Die Wanderbeschreibung ist für mich jedesmal ein Highlight. Ich freue mich deswegen immer auf den Freitag. Zu erwähnen wäre auch noch, dass Küssaberg eine Partnergemeinde von Küssnacht am Rigi ist. Ein Ortsteil heisst übrigens fast wie Küssnacht – Küssnach.

    Wandertoni

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