Der unheimlich schlanke Wunderkletterer

Adam Ondra

Der grosse Star am IMS-Boulder-Cup in Brixen: Ausnahmekletterer Adam Ondra. Sein Body-Mass-Index beträgt 17,9. (Foto: Piotr Drożdż, Gory Mountain Magazine, goryonline.com)

Wie von einem anderen Stern: Adam Ondra klettert schwerste Routen mit einer Leichtigkeit, als wären sie ein Kinderspiel. Schnell, präzise, mit gnadenlosem Willen.  Das junge Ausnahmetalent aus Tschechien hält sich seit Jahren konstant an der Weltspitze. Er ist ein Idol, ein Liebling der Szene. Am Fels meistert er 9b-Routen, dieses Jahr setzte er mit seiner 8c+-Onsight-Serie neue Massstäbe im Sportklettern (wir berichteten). Nun hatte ich Gelegenheit, Adam Ondra persönlich kennenzulernen. Er war Gast am diesjährigen International Mountain Summit (IMS), dem Bergfestival in Brixen, Südtirol.

Als ich den 18-Jährigen zum Interview treffe, erkenne ich ihn bereits von weitem. Er steht etwas verlegen da, umringt von Leuten. Dass er sehr schlank ist, hatte ich vorher auf Bildern und in Videos gesehen. Doch als ich auf ihn zugehe, geht mir einiges durch den Kopf: Er ist ein echtes Leichtgewicht, fast schon ein Strich in der Landschaft. Auf den ersten Blick wirkt er so zerbrechlich, dass ich mir sogar kurz überlege, ob ich ihm womöglich die Hand breche, wenn ich sie zur Begrüssung drücke – was natürlich Quatsch ist. Adam Ondra hat unglaublich viel Kraft, bis in die Fingerspitzen. Seine Hände sind gross und sein Händedruck fühlt sich gut an. Stark, warm, angenehm, freundlich.

Adam und Miroslav Ondra

Adam Ondra und sein Vater Miroslav im Studio des International Mountain Summit, www.ims.bz. (Foto: Manuel Ferrigato)

Adam Ondra

Sehr schlank und im Schlabberlook: Ondra im IMS-Fotostudio von Manuel Ferrigato. (Bild: Natascha Knecht)

Gross und untergewichtig

Adam Ondra misst 1,83 Meter und wiegt offiziell 60 Kilo. Das ergibt einen BMI von 17,9, also untergewichtig. Zum IMS begleitete ihn sein Vater Miroslav. Auch er ein sehr schlanker, sportlicher Mann. Sind die Ondras also einfach eine «schrecklich» dünne Kletterfamilie mit gutem Stoffwechsel? Über seine Ernährung gebe es nichts Aussergewöhnliches zu sagen, meint Adam. Er esse ganz normal, vor Klettertagen mehr Kohlenhydrate, vor Ruhetagen mehr Proteine.

Während Adam Ondra tapfer meine Fragen beantwortet, sitzt er ruhig und mit kerzengeradem Rücken auf dem Stuhl, lächelt geduldig, gibt sich sehr liebenswert und gewissenhaft. Er sei soeben ein paar Tage mit seinem Vater in der Schweiz beim Bouldern gewesen, erzählt er. Obschon die Vertikale sein Ein und Alles ist und er mit extrem viel Disziplin und Motivation für seine sportlichen Ziele kämpft, gibt es für ihn aber auch ein Leben neben der Kletterei. Adam Ondra geht noch ins Gymnasium und muss seine Absenzen nachbüffeln. Nächstes Jahr wird er abschliessen und sich dann ein Jahr Auszeit für seinen Sport nehmen.

Ein Ausserirdischer in der Schule

In der Schule sei er immer ein Aussenseiter gewesen. «Für die anderen war ich ein Alien. Sie wussten nichts von mir, ausser dass ich klettere.» Wenn seine Klassenkameraden Partys feiern, hängt er in der Kletterwand. Disco, Kino, Konzerte – etwas, das dieser Teenager vom Hörensagen kennt. Selbst jetzt, wo er eine Freundin hat, ändert er daran nichts. «Sie geht in die gleiche Klasse wie ich und klettert auch. Dank ihr habe ich mehr Kontakt zu den anderen Mitschülern, aber unsere Freizeit verbringen wir meistens beim Klettern oder Bouldern», sagt er.

Im Video: Adam Ondra in der 9b-Route «Chilam Balam» in Spanien. Er meisterte sie im April 2011 rotpunkt:
http://youtu.be/gOC15Atu39U

Adam Ondra, wie lange dauert es, bis Sie die erste 9c-Route klettern?
Ich denke, dass ich vielleicht noch den Schwierigkeitsgrad 9b+ erreichen kann, aber ein 9c wohl kaum. Falls doch, wäre das natürlich super.

Sie sind ein emotionaler Kletterer. Wenn Sie beim Training aus einer Route stürzen, schreien und fluchen Sie laut.
Im Nachhinein ist mir das immer peinlich. Es sind Momentausbrüche. Danach bin ich aber wieder ganz friedlich.

Sind alpine Klettereien künftig auch ein Ziel?
Vorläufig will ich im Sportklettern bleiben, weil ich da noch Potenzial sehe, mich zu verbessern. Die Berge mag ich zwar sehr, doch sie werden auf mich warten.

Nach dem Auszeit-Jahr beginne er wahrscheinlich ein Wirtschaftsstudium, das nütze ihm für die Zukunft am meisten. Ein Sportstudium kommt für ihn nicht infrage, «weil ich mich nicht als Trainer oder Coach sehe. Zudem bin ich ausser im Klettern in allen Sportarten richtig, richtig schlecht», sagt er. Einzig fürs Snowboarden kann er sich zwischendurch begeistern.

Adam Ondra

Dünn und drahtig: Adam Ondra gewinnt den IMS-Boulder-Cup 2011 in Brixen. (Foto: Piotr Drożdż, Gory Mountain Magazine, goryonline.com)

Unser Gespräch dauert knapp 20 Minuten. Dann muss er weiter. Der Rummel um seine Person ist gross. «Das macht mir nichts aus», sagt er. «Es gehört dazu, damit ich meinen Klettertraum leben kann.» Zum Abschied drücken wir uns wieder die Hand. Weder seine noch meine bricht. Am nächsten Tag sehe ich ihn wieder. Am frühen Morgen lädt er zusammen mit Extrem-Alpinist Alexander Huber die IMS-Besucher zu einer Wanderung ein. Am späten Nachmittag hält er im Forum – ganz Profi – vor mehreren hundert Leuten seinen Multi-Visionsvortrag «Klettern – wie die Luft zum Atmen» . Und nebenbei gewinnt er noch schnell den IMS-Boulder-Cup in Brixen. Die Fangemeinde zeigt sich entzückt vom Wunderkletterer.

Was finden Sie: Sollte es international beim Wettkampfklettern eine BMI-Untergrenze geben?

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22 Kommentare zu «Der unheimlich schlanke Wunderkletterer»

  • Alex Ploner sagt:

    Liebe Natascha, vielen Dank für Deinen Artikel und Deinen Besuch beim International Mountain Summit. Für uns als Organisatoren des IMS war die Begegnung mit Adam Ondra einer der Höhepunkte heuer. Ein außerst netter, sympathischer und ausgeglichener junger Kerl, der schon großes in seinem Leben geleistet hat, ein Vorbild für die Jugend. Wenn ein junger Mensch einige Parties und Feten auslässt, um einer Leidenschaft wie dem Klettern zu fröhnen, dann muss dies vorbildhaft sein und gesehen werden.

    Wobei gefeiert wurde bei uns auch, allerdings mit Maß und Ziel, beim Abklettern bis spät in die NAcht. So macht die Bergwelt beim IMS richtig Spaß. Allen die dabei waren und vielleicht nächstes Jahr den Weg zu uns finden einen Gruß aus Brixen ;-) Alex und Markus

    • Lieber Alex

      Vielen Dank, dass Ihr ein so tolles IMS organisiert – und dass «alpin im Outdoorblog» bereits zum zweiten Mal als Medienpartner teilnehmen durfte. Für mich war Adam Ondra eines von vielen Highlights am diesjährigen IMS. Dass er mit allen Konsequenzen seinen Klettertraum lebt und lieber in der Vertiklen rumhängt als in der Disco, finde ich mehr als vorbildlich. Wenn ich Leute wie ihn treffe, aber auch andere Elite-Alpinisten, die zu euch ans IMS kommen, würde ich manchmal gerne meine Jahre zurück dregeb können. Wer weiss, vielleicht würde ich heute die Disziplin aufbringen, die es braucht, um einen solchen Weg zu gehen.

      Und ja, das „Abklettern“ am IMS. Am letzten Abend war ich auch dabei, bis 4 Uhr! So lange habe ich in diesem Jahr noch gar nie gefeiert. Das will was heissen … Ich könnte einen ganzen Blog darüber schreiben ….;-)

      Lieber Gruss nach Brixen
      Natascha

  • lionell sagt:

    Wer allein vom BMI-Wert gleich auf Magersucht schliesst, hat wohl so ziemlich keine Ahnung davon. Würde er tatsächlich unter Magersucht leiden, könnte er nicht einen halben Klimmzug machen.

  • Andres Müller sagt:

    Der Junge ist nicht zu schlank, er könnte im Bauchbereich sogar noch etwas abnehmen. Es gibt viele verschiedene Körperbautypen, deshalb würde eine BMI Untergrenze gerade jenen Körpertypus benachteiligen, welcher für diese Sportart am geeignetsten ist.

    Hingegen scheint mir der Beruf den dieser Junge in Zukunft ausüben möchte, eher ungeeignet (zu wenig Bewegung).

  • hans hasler sagt:

    Cooler Film (auch wenn etwas abgehackt), der mir als Nichtkletterer mit einer Portion Höhenangst ein eher mulmiges Gefühl hinterlässt.
    Interessant finde ich aber die Bemerkung „guter Stoffwechsel“. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, so einen Sprenzel als einen mit gutem Stoffwechsel zu bezeichnen. Eher ein schlechter Futterverwerter. Mein Trost ist, dass ich in der nächsten Hungersnot wesentlich länger überleben werde ;)

  • Aschy Furrer sagt:

    Ein faszinierender Mensch und Künstler !

  • stefan kraut sagt:

    dem hätte ich au gerne ein paar fragen gestellt, zb. wie viele ringbandrisse er schon hatte, wie viele finken er pro jahr verschleisst und ob er ein foto von seiner freundin dabei hat? ;-)

  • Mätteli sagt:

    Was für ne bescheuerte Diskussion. Als ob sich Ondra drum scheren würde, was ihr über seinen BMI denkt. Geht raus und treibt Sport. Aber tut bitte nicht so als wäre das von irgendwelcher Relevanz für den Rest der Welt. Outdoorblog .. pff. Da sieht man, was wir in der Schweiz tatsächlich für Probleme haben.

    Ich für meinen Teil halte ich es mit jenen, die seit Jahrzenten in den Wänden dieser Welt hängen, und das ganz einfach für sich behalten.

    Machts gut ihr Tastatursportler,

    Mätteli

  • natalie sagt:

    Hm, die Leute in der Badi sind Frau Knecht zu fett und die Kletterer zu dünn – geht’s beim Sport nur darum?

    • diva sagt:

      ich denke, nicht nur frau knecht sieht das so, sondern alle die mit sport zu tun haben. wenn man bedenkt, dass bei den beachvolleyball-spielerinnen, sogar die überknappen tenues vorschrift sind und mehr stoff zur disqualifzierung führen kann. eiskünstläuferinnen, die nicht nur halbe kinder sind, sondern regelrechte hungerhaken…
      mit sport hat da vieles schon lange nichts mehr zu tun. sondern mit perversion und die befriedigung irgendwelche gestörter preisrichter und jurys.
      eines ist sicher, sollte dieser junge mann mal wirklich krank werden, wird es lebensgefährlich. sei zu hoffen, dass er das bald merkt und jenen, die ihn antreiben den stinkefinger zeigt.

      • Alexander sagt:

        Gewisse Leute sind einfach dünn. Sowie andere einfach dick sind. Und ein Adam Ondra wird sich sicherlich gut und genügend ernähren, sonst wird ihm die Kraft und Ausdauer irgenwann fehlen und er fallen.

  • Cybot sagt:

    So extrem dünn ist das nicht, in dem Alter sind doch viele so. Ich war mit 18 auch nur 65kg bei 185 und konnte essen was ich wollte. So ab 25-30 ändert sich das ganz von selbst, heute bin ich ganz froh, wenn ich 85kg halten kann.

  • Jörg Wirz sagt:

    Entscheidend ist, ob ein Sportler mit Freude und E C H T E R Leidenschaft seinen Sport ausübt. Dann wird er auch auf seinen Körper achten, bei Adam Ondra scheint dies der Fall zu sein. – Wenn ein Sportler aber etwas kompensiert oder z.B von den Eltern oder vom Staat übermässig angetrieben wird (siehe einige TennispielerInnn etc. ), dann wirds ungemütlich und auf vielen Ebenen schädlich, BMI hin oder her. Wenn schon müsste man einen geistigen BMI erfinden. (Dann wären die chinesischen KunstturnerInnen…. vermutlich alle gesperrt…..)

  • Markus sagt:

    Hallo Natascha,

    Was für ein Kontrast zum letzten Eintrag, wo’s um die „Muskelpakete“ ging :-)

    Wenn ich jetzt einfach mal laut denke:
    Ich will ja keines Fall’s die Leistungen von Ondra schlecht reden, aber wenn ich so überlege dass Schäli, Steck, Dani Arnold und Co. auch im 8 Schwierigkeitsgrad klettern, aber deutlich schwerer sind. Frag ich mich schon öb deren Leistung nicht sogar höher zu bewerten ist, ich persönlich finde tieferes Gewicht als klaren Vorteil beim Klettern ! Vermutlich mag jetzt der eint oder andere Argumentieren dass mehr Masse mehr Kraft bedeutet – dem muss aber nicht so sein! Vor allem ist der Anstieg vom Muskelkraft mit einem mehr an Muskelmasse ja keinesfalls linear !

    bin ich der einzige der das so sieht ?

    • popcorn sagt:

      Naja, ob man eine gute 8 klettert oder ob man 9b klettert, ist schon noch ein Unterschied, das schafft man nicht nur weil man weniger wiegt. Mal „rasch“ ein paar 8c+ OnSight zu knacken ist zudem was anderes als wenn man normalerweise im 8. Grad klettert. Auch Steck, Arnold und Schäli sind Ausnahmekönner und haben grosse Leistungen erbracht, aber sie mit Ondra zu vergleichen kann man meiner Meinung nach nicht. Die drei sind vor allem im Alpinen unterwegs und Ondra ist Sportkletterer, das ist wie wenn man Marathonläufer mit einem 110m Hürdenläufer vergleichen würde. Ist beides Leichtathletik, aber nicht dieselbe Disziplin. Nur das da die Gewichtsverhältnisse anders rum sind :)

      • Simon Honegger sagt:

        Man kann die Kletterleistung nich einfach auf das Gewicht runterbrechen, weder im Alpinen- noch im Sportklettern. Der erfolgreichste und wohl auch berühmteste Kletterer im Moment, Chris Sharma, hat einen BMI von 23.3und knackt die ebenfalls Routen über 9a… Das Gewicht spielt nur eine kleine Rolle auf die Leistung, bedeutend wichtiger ist da beispielsweise Technik oder mentale Stärke…

  • jörgi sagt:

    … einer Spinne gleich. Fantastisch anzusehen – es kribelt förmlich an den Nervenenden!
    Das Privileg der Jugend, vermischt mit viel Talent und eisernem Willen – physikalische Grenzen scheinen aufgehoben.
    Ein Tanz am Limit!

  • christof sagt:

    ich bin jetzt bald 46 jahre alt, bin 190cm gross, sah mit 18 genau so aus wie Adam und sehe auch heute noch so aus. habe immer mindestens normal, wenn nicht etwas mehr (vor allem süsses!) gegessen und immer etwas sport getrieben (so 1 – 2 x in der woche). es gibt sicher sportarten wo BMI -Grenzen sinnvoll sind (bsp. skispringen); beim klettern fände ich es blödsinn.

    • Simon Honegger sagt:

      Bei den Frauen im Klettersport ist Magersucht leider ein gängiges Thema… Wie es bei den Männern ist, kann ich nicht sagen; ich denke aber, es ist weniger schlimm wie bei den Frauen, da Männer grundsätzlich anders klettern.

  • Chris sagt:

    Eine aufgastellte Packschnur. Der Pinup-Boy für Brot für Brüder.

    • Johnny Boy sagt:

      Dir reicht es sicher deine dünnen Finger zu betrachten – als Vorlage – sie könnten ja was tolles schreiben, irgendwann einmal.

  • Joachim Adamek sagt:

    Es macht echt Laune, den jungen Ondra klettern zu sehen.
    Die Experten mögen sich die Köpfe heiss denken, wie er das anstellt.
    Ob es an seiner besonderen Sozialisation liegt, an seinem Körperbau,
    an seiner Hingabe und Begeisterung, oder ob hier einfach nur der Zufall seine
    Hand im Spiel hatte. —Wie auch immer, es freut mich, dass es solche Ausahmetypen gibt.
    Adam Ondra wird zweifellos seinen Weg gehen. Leicht wird er gewiss nicht.

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