Wo Adlige vom Himmel fallen

An einem halbwarmen, hellen Februartag fuhren wir nach Laufen. Wie immer, wenn ich den Ortsnamen höre, musste ich an Ricola denken: Der Dreisilber ist eine Zusammensetzung von Richterich & Co, Laufen. Emil Wilhelm Richterich hatte 1924 den Grundstein zum Hustenbonbon-Imperium gelegt, indem er eine Bäckerei kaufte, die ein heilsames Kräuterbonbon herstellte.

Laufens Bahnhof samt Umgebung: unübersichtlich, verbaut, unwirtliche Moderne. Wir waren verwirrt und haderten mit diesem Beginn. Das Stadthaus vor der Altstadt, ein barocker Adelssitz, stellte kurz darauf unsere gute Laune wieder her. Auf der Hauptstrasse, die Kraft ihres Charmes besser «Hauptgasse» hiesse, querten wir im folgenden die Altstadt und mochten deren mittelalterlichen Grundriss.

Moos wie grünes Lametta

Über die Baselstrasse und den Rebenweg hielten wir auf eine bewaldete Geländeterrasse hinauf. Die Schachlete stellte sich als verzaubertes Tälchen mit Nadelbäumen heraus, von denen das Moos hing wie grüne Lametta. Alsbald fiel eine Entscheidung: Wir verzichteten auf die Direttissima zum Metzerlenkreuz via Bergmattenhof und eroberten uns den markanten Punkt auf dem Höhenzug Blauen in einer weiten Schleife via Forstweid und Challpass.

Beim Metzerlenkreuz stand eine Bank aus Stein. Und natürlich ein Kreuz. Wir rasteten. Und stiegen danach nach Mariastein ab. Schon von Weitem sahen wir den weissen Klotz der Benediktinerabtei. Natürlich besichtigten wir sie. Zuvor aber stillten wir Hunger und Durst in der «Post». Das Restaurant kam uns ein wenig ältelig und freudlos vor nach der Art vieler Pilgerherbergen. Aber das Essen war gut und der Service korrekt.

Zwei Wunder zur rechten Zeit

Die Klosterkirche Mariastein ist Barock, wie er barocker nicht sein kann, endloser Prunk und Zierwerk wie auf der Torte vom Zuckerbäcker. Mariastein ist der Schweiz zweitgrösster Wallfahrtsort nach Einsiedeln. Weswegen – das fanden wir heraus, indem wir links der Fassade den unscheinbaren Eingang nahmen. Er führte uns durch einen geweisselten Gewölbegang 59 Stufen hinab in den felsigen Untergrund der Anlage. Votivtafeln kleideten die Wand aus: Menschen aus aller Welt danken in allen möglichen Sprachen wie Arabisch, Urdu, Amharisch der Madonna für ihre Hilfe.

Die «Mutter vom Trost» steht in ihrer Kapelle im Fels, birgt an der Seite das Jesuskind, sechs Putten halten die Kerzen, die das Gnadenbild erleuchten. Der Kult gründet in zwei Sturzwundern. Zuerst war es ein Hirtenbub, der über die Felswand fiel und überlebte, aufgefangen von einer sanften Frau. Später fiel ein Adeliger in die Tiefe. Auch er kam mit dem Schrecken davon; dies zweite Wunder ereignete sich 1541 und war insofern ein gut getimter Segen für die katholische Kirche vor Ort, als es diese gegen die Reformation stärkte.

Eine französische Tramfahrt

Wir zogen weiter, hinab nach Rodersdorf, das frech ins französische Gebiet ragt; neun Zehntel seiner Gemeindegrenze sind auch Schweizer Staatsgrenze. Im Bahnhofsrestaurant tranken wir ein Bier. Und wir studierten die Speisekarte. Im «4 Copains», wie das Lokal auch heisst, müsste man das Cordon Bleu probieren. Wir verzichteten und nahmen bald… nein, nicht die Bahn. Die Birsigtallinie ist stillgelegt. Tram Nummer zehn trug uns auf der alten Trasse, kurz französischen Boden befahrend, nach Basel SBB.

Route: Laufen Bahnhof – Laufen Altstadt – Rebweg – Schachlete – Forstweid – Challpass (der Wanderweg berührt die Strassenpasshöhe nicht direkt) – Metzerlenkreuz – Vorhollen – Wiler – Mariastein – Rodersdorf (Tram 10 nach Basel SBB).

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 500 Meter auf-, 450 abwärts.

Charakter: Jura. Kalk, Wald, Weide im Wechsel. Keine besonderen Schwierigkeiten, bloss die Passage nach dem Metzerlenkreuz ist etwas steil und glitschig. Stöcke helfen.

Höhepunkte: Laufens mittelalterliche Altstadt. Die unterirdische Madonna von Mariastein. Die Einkehr im Bahnhöfli von Rodersdorf (4 Copains).

Einkehr unterwegs: In Mariastein gibt es mehrere Restaurant.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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