Auf der Suche nach Geborgenheit

Als wir von Ebnat-Kappel zum Tanzboden aufstiegen, eine erhabene Geländeterrasse mit Wirtschaft unter dem Speer, spielte der August verrückt. Er gab sich als November. Kalt war es. Neblig. Und es regnete. Die Fussgängerunterführung beim Bahnhof war, weil überflutet, gesperrt. Höchstens im Taucheranzug mit Schnorchel hätte man sie durchqueren können.

Wir fanden dann doch auf den geplanten Weg; jenen via Stotzweid; es gibt nämlich von Ebnat-Kappel mehrere Routen, die mehr oder minder parallel dem Tanzboden zustreben. Steil war der Hang, stellten wir fest. Jack-Russell-Terrier Emil beinelte unverdrossen voraus. Er hätte einem leidtun können bei all den Pfützen und dem triefenden Gras. Doch er wirkte vergnügt, trotz seines schmutzigen Bauches.

Redselige Einheimische im Tanzboden

Vorbei am Skihaus Pfungen; vorbei an einem riesigen Holzkreuz, das sich aus dem Dunst löste; vorbei am Skihaus des Skiclubs Ebnat-Kappel mit seinen gelb-schwarzen Fensterläden. So gewannen wir Höhe. Irgendwann hatten wir das Skiterrain hinter uns. Gerieten in den Wald. Dann wieder Weide. Ein, zwei Halden zeigten ihren Untergrund, Nagelfluh. Sie ist das Baumaterial der Gegend. Und der Speer, den wir freilich auf der ganzen Wanderung nebelhalber nicht sahen, ist bekanntlich der höchste Nagelfluhberg Europas.

Endlich der Tanzboden. Die Wirtschaft erfüllte unsere Geborgenheitswünsche. Klein kam sie uns vor und ein wenig dunkel. Der Ofen war angeheizt. Und anders als an guten Tagen, wenn aus dem Linthgebiet und vom Toggenburg viel Volk auftaucht, sommers zu Fuss und auf dem Bike, winters aber auf Schneeschuhen oder Tourenskiern – anders als in den Hochfrequenztagen hatten wir die Wirtschaft für uns. Abgesehen von einem redseligen Einheimischen, mit dem nicht ins Gespräch zu kommen schlicht unmöglich gewesen wäre.

Kaffee-Schnaps und dergleichen

Über dem Ofen waren Seile gespannt und Kleiderbügel parat. Wir hängten unsere Regenjacken zum Trocknen auf. Assen heisse Suppe, Rauchspeck am Stück und dergleichen. Tranken Kaffee-Schnaps. Und wollten eigentlich gar nicht mehr gehen. Wir mochten sogar die Ländler. Man ist beim Wandern stets ein Stück ruraler gestimmt, nimmt Dinge, Menschen, Gepflogenheiten an, die einen in der Stadt befremden.

Garstig empfing uns draussen die Natur. Trotzdem machten wir einen Umweg: Wir nahmen die Variante via Steintal. Der Abstieg wurde lang, mehrere Male rutschten wir auf glitschigen Baumwurzeln. Unten im Tal dann ein längeres Stück auf Asphalt, eine, wie ich zu witzeln pflege, Subarusennenpiste. Schliesslich erreichten wir wieder die Thur. Sie gebärdete sich in ihrem Bett wie ein wildes Tier, bäumte sich auf, wütete, dass es zum Fürchten war.

Während wir am Bahnhof von Ebnat-Kappel klamm auf den Zug warteten, fiel mir ein, was ich im Vorfeld über die Tanzboden-Wirtschaft gelesen hatte. Nämlich, dass sich um sie eine Fangemeinde gebildet hat, die ihr über die Jahre treu bleibt. «Notorische Wiederholungstäter» nennt diese Leute der Wanderautor David Coulin. Nun, wäre ich ein stationärer Wanderer, würde mich also bei meinen Ausflügen auf diese Gegend beschränken, könnte mir das auch passieren. So fasste ich bloss den Vorsatz, irgendwann wieder zum Tanzboden aufzusteigen. Wobei ich dann gern etwas Aussicht hätte, bitte!

Route: Ebnat-Kappel, Bahnhof – Stotzweid – Chüebodenegg – Tanzboden – Steintal – Thurau – Ebnat-Kappel, Bahnhof.

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: Je 800 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Wiese und Wald im Nagelfluhhang. Mittlere Anstrengung. Technisch leicht.

Höhepunkte: Der Speer (wenn es nicht nebelt). Die Einkehr im heimeligen Gasthaus «Tanzboden».

Tipp: Wer bei durchzogenem oder schlechtem Wetter geht, hat die Wirtschaft für sich. Bei gutem Wetter an Wochenenden überlaufen!

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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6 Kommentare zu «Auf der Suche nach Geborgenheit»

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