Schöner Schuttkegel!

Man nehme es mir nicht übel, wenn ich den Napf als Schuttkegel bezeichne. Als Endlager des Schwemmgutes der Ur-Aare. Dies ist die geologische Realität. Das erdgeschichtliche Geheimnis des Napfs ist im Übrigen, dass sein oberer Teil in der letzten Eiszeit eisfrei blieb. Nicht Gletscher formten und prägten ihn, sondern Wildbäche. Deshalb die gewaltigen Gräben, die sich sternförmig in alle Himmelsrichtungen ziehen.

Diesen Napf, 1408 Meter hoch, wollten wir besteigen. Und ich bitte nun, dass die Napfologen unter den Wanderern, die jede noch so lange, ausgeklügelte, brutale Route auf ihren Berg kennen – ich bitte, dass die Napfologen nicht schnöden, wenn ich deklariere, dass wir für unsere Unternehmung nicht die exquisiteste Route wählten. Sondern eine einfache, kurze, leichte.

Eine total ausgeflippte Vegetation

Von Trubschachen fuhren wir mit dem Bus in den Fankhausgraben. Er ist von einer Breite, dass man eine Autobahn hineinlegen könnte. Bei der Endstation «Fankhaus-Schulhaus» stiegen wir aus. Und nun begann die Wanderung und führte nach sanftem Start in mässig coupiertem Wiesland bald an eine steile Waldhalde von zauberhaftem Gepräge: Wurzelwerk wie verknäuelte Schlangen. Wuchernde Moosteppiche. Und generell eine total ausgeflippte Vegetation.

Bei Höhstullen schloss sich uns ein Hündlein an, ein liebes Basterli. Es liess nicht mehr von uns bis zum Hof Grüebli. Dort kaufte ich im Selbstbedienungs-Kiosk Trockenfleisch vom Rind, eine Art Mostbröckli. Und ich bewunderte das hofeigene Seilbähnchen.

Das Monstermeringue

Wer im Internet mit «Grüebli» und «Seilbahn» googelt, findet Lesenswertes: ein Porträt der Bauernfamilie etwa. Aber auch die Geschichte der Bahn, die eigens für die Familie gebaut wurde. Nur so können die Grüebli-Kinder den Kindergarten bzw. die Schule in zumutbarer Frist erreichen. Gut 400’000 Franken kostete das, viel Geld. Doch hat nicht die Stadt Zürich die Idee eines Künstlers realisiert und kürzlich eingeweiht: eine 16 Meter hohe Schleuder mit einer Art Schaukel dran? Sie erwies sich in den ersten Tagen als untauglich, ja gefährlich. Das Y-förmige Ding kostete… 400’000 Franken.

Kurz nach dem Grüebli erblickten wir den Napf, auf dem ein alter Kasten von Gasthaus hockt. Bald hatten wir uns die Einkehr erobert. Auffallend die vielen Biker in ihren kurios die mageren Glieder modellierenden Sportkleidern; der Napf ist auch Veloland. Ich nahm dann die Hamme mit Kartoffelsalat. Und setzte fort mit einer Meringue mit Nidle. Andere Gäste schauten mir zu, wie ich sie ass. Sie dachten wohl: Potz, der Typ geht aufs Ganze! Der fürchtet weder Tod noch Teufel und auch keine Monstermeringue!

Eine wunderbare Welt

Der Abstieg war hernach vorerst so ruppig, dass der Mageninhalt flugs verarbeitet war. Schön fiel diese zweite Wanderhälfte hinab nach Romoos im Luzernischen aus: Waren wir im Aufstieg in eine Art Kleinkrieg mit dem abrupten Gelände verstrickt und im Wald ohne Aussicht gewesen, so ergab sich nun eine Feldherrenperspektive. Weit sahen wir ins Land, bewunderten in der Nähe bei Ober Änzi bleckende Nagelfluhfluren, etwas weiter weg aber Dinge wie das reizende Kirchlein von Bramboden. Auch das trug zum Fazit bei: Der Napf ist von A bis Z eine wunderbare Welt. Ein schöner Schuttkegel!

Route: Fankhaus, Schulhaus (Bus) – Höhstullen – Grüebli – Napf – Ober Änzi – Holzwegen – Romoos.

Gehzeit: 4 ½ Stunden.

Höhendifferenz: 550 Meter aufwärts, 600 abwärts.

Charakter: Nagelfluhgebiet, mal lieblich, mal ruppig. Keine augesetzten Stellen.

Höhepunkte: Die Fahrt durch den Fankhausgraben. Der abgelegene Hof Grüebli mit eigener Seilbahn. Die Meringue im Gipfelgasthaus. Die wilden Fluhen gegen Ober Änzi.

Einkehr auf dem Gipfel: Im Hotel Napf, ab November am Montag geschlossen.

Zweitäger: Im «Kreuz» Romoos übernachten, historische Zimmer im Kurhaus. Am nächsten Tag auf dem Köhlerweg in vier Stunden nach Bramboden (Bus). Im Internet findet man zu dieser Route eine Widmer-Kolumne.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu «Schöner Schuttkegel!»

  • Binu sagt:

    Sehr mutig nach dem Hamme noch eine grosse Portion Meringue zu naschen. Eigentlich hätte man ja schon mit der Meringue Zmittag gegessen;-) Ich meinerseits werde das nächste Mal auf dem Napf nur noch die kleine Portion bestellen.

  • mel sagt:

    mein grossvater pflege jeweils zu sagen «einisch ufe napf isch gnue, geisch zwöimau bisch ä chue!». nach diesem bericht muss ich zugeben – vorallem beim anblick der feinen meringue – dass durchaus das risiko besteht, dass ich mich als kuh outen könnte…

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