Würde Regen schön machen, wäre ich der Mister World!

Starker, wirklich starker Regen. Muss das sein an dem einzigen Tag, wo ich frei habe und wandern kann? Ich schicke mich in das Wetter, ziehe los vom Bahnhof Steg und sinniere: Was die wohl denken, die in den Autos an mir vorbeizischen. Vermutlich denken sie: Der spinnt!

Ich richte mich in meiner Exzentrik bald recht wohnlich ein. Ein gutes Gefühl gibt mir das Wissen, dass auf halber Route die Hulfteg-Wirtschaft geöffnet ist. Und Wandern im Regen hat seine eigene Qualität. Zum Beispiel schaut man viel mehr auf den Weg und die Dinge an ihm; der Rest der Welt ist ja vernebelt.

Im Rutschgebiet helfen Brücklein

Es dauert, bis ich gegen Ortsende kurz vor dem Schwimmbad links in den Hang biegen kann. Nun bin ich im Högerterritorium des Tössberglandes, einer Landschaft gerundeter Formen, die etwas Unheimliches hat dort, wo die Hänge steil werden und blanke Nagelfluh-Fluhen offenbaren.

Bei der Rütiwies ist bei einem Hof ein Freiluftkiosk aufgebaut; sehr nett, liebe Bauernfamilie, aber für Cola, Bier, Mineral ist es mir zu kalt. Ich bin schon gut befeuchtet. Bald danach gerate ich an der Rotenflanke in den Wald – ein kleines Abenteuer: Die Halde mit ihren Höhlen und Nagelfluh-Aufschlüsse ist Rutschgebiet. Brücklein helfen in den heiklen Passagen.

Schliesslich die Hulftegg. Wunderbar, der geheizte Raum. Ich esse ein Schnitzel mit Pommes-Frites und Gemüse; wieder einmal muss ich grinsen über die Sitte hiesiger Köche, die gekochten Bohnen mit einer Specktranche zu fesseln. Beim Kaffee gehe ich aufs Internet. «Regen macht bekanntlich schön. Wünsche gute Wanderung», teilt Eliane mir via Facebook mit. Ich antworte: «Würde Regen schön machen, wäre ich längst der Mister World!»

Wo die Idda über die Zinne gestossen wurde

Jetzt geht es in dem von unzähligen reizvollen Wegen durchzogenen Hochland nur noch geradeaus und abwärts. Das Gelände der Alp Ergeten steht offenbar unter Naturschutz, aha! Die Pilgerherberge «Kreutz» bei Allenwinden ist dauerhaft geschlossen; schade, ich hätte Lust auf einen Kaffee Schnaps. Vor dem Roopel, dem Rotbüel, fällt ein langes Wegstück mit der Strasse zusammen. Doch oh Wunder! In der angrenzenden Wiese ist ein Grasstreifen für uns Wanderer – und auch für die Pilger, denn dies ist Jakobsweg – gemäht. Toll!

Zum Schluss geht es steil abwärts, der Pfad ist glitschig. Und dann sehe ich das Kloster Fischingen in lachsrosa schimmern, ein Gewaltsklotz. 800 Jahre alt, hat es seinerzeit entscheidend an Mächtigkeit und Ausstrahlung gewonnen durch den Kult um die Heilige Idda. Jene Adelsdame wurde von ihrem eifersüchtigen Gatten eines Tages über die Zinnen seiner Burg gestossen. Idda überlebte und lebte fortan als fromme Einsiedlerin.

Im «Sternen» werde ich nett bedient, obwohl ich triefe. Im Bus dann fände ich es gemütlich, wenn da nicht diese grosse, laute Frauengruppe wäre, die das Kloster besichtigt hat. Eine der Frauen setzt sich neben mich. Plötzlich schaut sie angewidert auf ihr Jäckli, rückt von mir ab, steht auf. Auf dem Jäckli ist ein riesiger Wasserfleck. Und nun schreit sie durch den Bus: «Jä nei! Der Mann ist pflotschnass! Dass der überhaupt in den Bus darf!»

Route: Steg Bahnhof – Burstel – Rütiwies – Hulftegg – Ergeten – Chaltebrune – Allenwinden – Roopel/Rotbühl – Fischingen Kloster – Fischingen Dorf.

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 350 Meter aufwärts, 450 abwärts.

Charakter: Voralpine Nagelfluh mit Wald und Wiesland. Im rutschigen Hang unterhalb Roten muss man bei der Querung vorsichtig sein. Keine ausgesetzen Stellen.

Höhepunkte: Die ländliche Würde von Tössbergland und Tannzapfenland. Die Einkehr auf der Passhöhe. Die überraschenden Monumentalität des Klosters.

Einkehr unterwegs: Hulftegg. Montag Ruhetag, am 17. Oktober schulferienhalber trotzdem geöffnet. Ab November gelten über den Wintere andere Öffnungszeiten. www.hulfteggpass.ch.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

3 Kommentare zu «Würde Regen schön machen, wäre ich der Mister World!»

  • manchmalleser sagt:

    Den duft der natur beim regen erlebt man beim schönen wetter nie ;). Nur dann halt Der Mann ist pflotschnaaass!!!!! :))))

  • Herr Koch sagt:

    Schöne Wanderung! Interessant sind die langen, an Teigwaren erinnernden Fritten (die sie ja laut Text zum Schnitzel gegessen haben) auf der Hulftegg. ;)
    Regen macht vielleicht nicht schön, aber er erfrischt. Und die Einkehr in der warmen Stube wird grad doppelt schön.

  • Andy sagt:

    „Muss das sein an dem einzigen Tag, wo ich frei habe und wandern kann?“

    Und ich dachte, Sie wandern nur und haben das Glück, sich damit Ihr Geld verdienen zu können. ;-)

    Danke für die gluschtig machenden Beiträge, selbst bei Regen. :-)

    Wie heisst es so schön, es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

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