Kein Weiterkommen am Shishapangma

«Alpin im Outdoorblog» begleitet exklusiv die extreme Ski-Expedition von Sébastien de Sainte Marie am Shishapangma (8027 Meter) im Tibet. Was bisher geschah: Hier nachlesen.

Heute Donnerstag haben wir die neusten Bilder von Sébastien de Sainte Maries Expedition erhalten. Er ist mit seinem Team zurück im Basislager. Die Übermittlung der Bilder durch den Fotografen Florian Wagner via Satellitentelefon war nicht einfach.

Sébastien de Sainte Marie konnte Dienstag auf über 7000 Meter aufsteigen. Die letzten Höhenmeter bis zum Hauptgipfel wären aufgrund der widrigen Bedingungen am Berg zum unverantwortbaren Spiel mit Leben und Tod geworden: Es gab keinen anderen Weg, als den Aufstieg abzubrechen. Sébastien fuhr mit den Ski von 7050 Meter ab – an hochgefährlichen Séracs und Lawinenhängen vorbei. Für die Abfahrt (1100 Höhenmeter) brauchte er zwei Stunden. Eine kühne Leistung, die trotz allem noch keinem vor ihm in der Shishapangma-Südwestwand gelungen ist. Jetzt ist er zurück im Basislager.

«Sehr schade», sagt Sébastien am Telefon. «Das Couloir ist nach dem Erdbeben und nach den Schneestürmen der vergangenen Wochen einfach zu unruhig. Es donnern fast nonstop Eis- und Steinlawinen runter. Eine komplett instabile Situation.» Séb fühlt unmittelbar nach seiner Abfahrt beides: Enttäuschung, aber auch grosse Dankbarkeit, dass er überhaupt so weit steigen konnte – höher als alle anderen, die den Gipfel ebenfalls über die Südwestwand erreichen wollten. Und vor allem sei er jetzt «total müde. Ich habe vier Tage und vier Nächte nicht geschlafen.»

Doch der Reihe nach. Folgendes hat sich in den letzten Tagen am Shishapangma zugetragen:

Mitte vergangener Woche kündigen alle internationalen Wetterstationen ein erstes Schönwetterfenster an. Sébastien und sein Team steigen am Donnerstag auf 5900 Meter. Dort hatten sie bereits vor zwei Wochen ein weiteres Basislager eingerichtet. Als sie ankommen, finden sie von Krähen zerfetzte Zelte vor. Sie flicken, was geht. In der Nacht sinkt das Thermometer auf minus 15 Grad. Am Tag klettert es auf plus 35. Extreme Temperaturunterschiede innert Stunden.

Von hier können sie mittels Feldstecher erkennen: Sébastiens Ski, die er vor zehn Tagen im ersten Hochlager auf 6500 Meter deponiert hatte, wurden von einer Lawine mitgerissen. Was nun? Eine Erstbefahrung ohne Ski, wie soll das gehen? Zum Glück wissen er und sein Team sich zu helfen: Séb passt seine Schuhe an die Ski von Fotograf Florian Wagner an. Nach einer kurzen Probefahrt entscheidet der Westschweizer, dass er die Abfahrt auch mit diesen Ski wagen will. Trotzdem: Ein solch gefährliches Extrem-Abenteuer mit fremden Ski? Die Anspannung steigt.

Anstrengender Zeitdruck

Am Samstag klettert Sébastien zusammen mit seinen Sherpas weiter ins 1. Hochlager auf 6500 Meter. Dieser Aufstieg zehrt bereits an ihren Kräften. Anhaltender Schneefall in den vergangenen Wochen hat den Berg unberechenbar gemacht. «Wir müssen uns enorm beeilen, da die Eis- und Steinlawinen bei Sonneneinbruch noch grösser werden», sagt Sébastien via Satellitentelefon.

Fotograf Florian Wagner bleibt im zweiten Basislager zurück – und koordiniert. Er steht mit Séb via Funk in Kontakt, ebenso mit den anderen beiden Expeditionsteams am Berg (aus Korea und Rumänien). Die Wetterstationen prognostizieren für Montag und Dienstag stabile Bedingungen: Sonne und wenig Wind. Alle Alpinisten nehmen sich vor, den Gipfel am 3./4. Oktober anzugreifen.

Während die Teams der kommerziellen Expeditionen auf der Nordseite des Shishapangma (wesentlich weniger steil und anspruchsvoll) bis zur Brust im Tiefschnee einsinken und die ersten wegen Erschöpfung aus 7000 Meter umkehren müssen, herrschen auf der Südseite ganz andere Verhältnisse: Der Grossteil des Neuschnees wurde von Lawinen weggefegt. Sébastiens Weg führt über Blankeis und unsichere Schneewächten. Hauptproblem ist jedoch immer noch der Eis- und Steinschlag. «Aus dem Couloir brechen riesige Brocken heraus», berichtet Fotograf Florian Wagner vorgestern Montag.

Ausharren in der Todeszone

Trotzdem können Sébastien und seine Sherpas bis über 7000 Meter aufsteigen und auf dem Grat das zweite Hochlager einrichten. Sie harren in der Todeszone aus, ohne zusätzlichen Sauerstoff – für den Körper eine enorme Belastung. In der Nacht wollen sie weiter bis auf den Gipfel, ohne Fixseile. Doch dies Ziel lassen die Verhältnisse nicht zu. Sébastien kann erst kurz vor 6 Uhr aufbrechen und muss bald erkennen und sich eingestehen, dass das Weitersteigen wohl keiner überleben würde. Hohe Schneeverwehungen liegen lose auf Blankeis und sind unüberwindbar, würden abgleiten. Die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes wäre bei jedem Schritt unverantwortlich gross.

Fotograf Florian Wagner, der von unten alles beobachtete, beschreibt es so: «Erst ging links von Sébastien eine massive Lawine ab. Dann eine rechts von ihm. Die Umkehr war die einzig richtige Entscheidung. Alles andere wäre höchst unvernünftig  gewesen. Das Risiko war schon jetzt grenzwertig hoch. Weiter sollte man nicht gehen.» Die spektakuläre Skiabfahrt bei diesen haarsträubenden Bedingungen verlangte nochmals alles von Sébastien ab. Er kommt ausgemergelt, aber heil unten an.

Auch die anderen zwei Teams am Berg kehrten auf 7000 Meter um, darunter bekannte Top-Eiskletterer aus Rumänien. Vermutlich wird dieses Jahr überhaupt niemand den Shishapangma-Hauptgipfel via Südseite erreichen. Für heute Nacht ist bereits wieder Schneesturm angesagt.

Diese Erfahrung zeigt einmal mehr: Eine Expedition kann noch so akribisch geplant und vorbereitet sein, die unbeeinflussbaren Faktoren am Berg bleiben stärker. Sébastiens Entscheidung zeigt Grösse, Charakterstärke und Professionalität. «Alpin im Outdoorblog» gratuliert ihm und seinem Team für diese ausserordentliche Rekord-Leistung.

5 Kommentare zu «Kein Weiterkommen am Shishapangma»

  • David Judkins sagt:

    Was that temperature swing from -15 to +35 in fahrenheit or centigrade?

  • Joachim Adamek sagt:

    Drei Tage habe ich die Kommentare im jüngsten Alpin Outdoorblog verfolgt (ein dickes Lob für Davids gestrigen Beitrag) und darauf gewartet, dass jemand dem Blogger Meret widerspricht. Dies ist leider nicht passiert. Darum will ich es tun:
    Unternehmungslust und Risikobereitschaft sind in meinen Augen kein Zeichen für seelische Gestörtheit, im Gegenteil. Nur gesunde, starke und ausgeglichene Naturen lassen sich sehenden Auges auf bekannte und unbekannte Gefahren ein. Weshalb? — Nun, sicherlich hat jeder Extrem-Alpinist ein Bündel Motive, von denen keineswegs alle herorisch sind. Aber letzten Endes geht es Leuten wie Séb mit jeder Expedition auch darum, die eigene Leistung zu steigern und neue Kompetenzen zu erlernen. Aus diesem Grunde hege ich grosse Achtung für alle, die leidenschaftliche Berggänger sind und ihre Visionen selbst unter Extrembedingungen leben.
    Dieselbe Hochachtung hege ich auch für die Sherpas. Sie als “nützliche, bemitleidenswerte Idioten” hinzustellen, kann ich schlicht nicht akzeptieren.

  • david bonaldi sagt:

    Interessanter Blog vom Dach der Welt – vielleicht ist gerade dieses Nicht-Erreichen ein Weiterkommen. Die Sherpas und Séb wissen das sicher und jede Expedition im Himalaya ist ein einmaliges Erlebnis. Der Gipfel bleibt und der Winter kommt – have a safe trip back!

  • Meret sagt:

    Tolle Leistung und Chapeau für die Entscheidung, abzubrechen. Und eine tiefe Verbeugung vor den 2 Sherpas, die ihr eigenes Leben riskieren für die hirnrissigen Fürze eines Einzelnen.

  • Joachim Adamek sagt:

    Schade, dass der Aufstieg auf 8027 Meter letztlich nicht geklappt hat. Trotzdem Gratulation! Frau Knecht hat es auf den Punkt gebracht ― nicht nur, was die Entscheidung zur Umkehr betrifft: Das ganze Projekt zeigt Grösse, Charakterstärke und Professionalität. Die Erst-Abfahrt von 7000 Meter bleibt ein Hit! Es gibt noch jede Menge Herausforderungen für einen Mann wie Séb. Bin gespannt, welche Tollkühnheit er als nächstes aushecken wird!

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