Der Zahnspangenberg

Während ich mit dem Sessellift hinauf nach Niderschlag fahre, habe ich zwei Berge vor Augen: rechterhand den Gulmen und geradeaus den Mattstock, mein Wanderziel. Hinter mir bleibt das St. Galler Kurörtchen Amden zurück, dessen Einwohner sich originellerweise Ammler nennen. Berühmtester Ammler ist der hier aufgewachsene Sänger Michael von der Heide.

Dank den Bergen rundum ist dieses Amden ein Sonnenparadies. Besagter Mattstock, dazu der Federispitz und der Speer behüten es vor den Biswinden. Einzig nach Süden hin, zum Walensee, öffnet sich die Terrasse.

An meinem Wandertag allerdings konkurrenziert der Nebel die Sonne. Es ist ein stetes Hin und Her, ein Kampf zwischen den Gottheiten des Lichtes und der Düsternis, ein Wogen zwischen Spätsommer und Frühherbst.

Hässliche, nötige Verbauungen

Bei Niderschlag startet die Wanderung. Ich tauche in ein Wäldchen ein, komme wieder ins Helle, bin schon bald bei der Alp Walau. Es beginnt der eigentliche Aufstieg. Steil ist er, führt durch ein Arvenwäldchen, in ein System von Wegkehren am Steilhang, schliesslich in die Legföhren.

Und dann erreiche ich die rostroten Lawinenverbauungen. Sind sie eventuell der Grund, dass der Mattstock weit weniger frequentiert wird als der Speer dahinter, Europas höchster Nagelfluhberg? Die Verbauungen über Amdens Skigebiet sind aber nun einmal ebenso nötig, wie sie hässlich sind.

Anderseits war ich auch schon auf dem Speer und finde wenig später die Aussicht vom Mattstock-Gipfel, mit einem Geländer und einem Bänklein bestückt, ebenso reizvoll – die Verbauungen sind vergessen. Zuvor musste ich zwei kurze, seilgesicherte Passagen absolvieren, die ich noch knapp als «nicht ausgesetzt» bezeichnen würde; kein Problem bei Trockenheit.

Dort, wo die Sonne den Nebel zu durchlöchern vermag, erkenne ich Bergklassiker. Weit im Süden zeigt sich der Tödi mit seiner weissen Kappe, ganz in der Nähe aber der voluminöse Mürtschenstock; gegen Norden hin dominiert Mattstock-Nachbar Speer samt der Alp Oberchäseren in der vorgelagerten Mulde. Ach, wie war dort unten die Meringue mit dem frischen Nidel gut, damals vor drei Jahren!

Vorbei an glotzenden Alpakas

Ich verweile, hänge meinen Dessertfantasien nach. Dann beginnt der Abstieg. Wenn ich wieder nach Niderschlag hinabhalte und dort auch abwärts den Sessellift nehme, so wird die Tour de Mattstock vier Stunden gedauert haben. Mir ist das grad zu wenig. Und so nehme ich bei der Walau spontan eine Richtungsänderung vor: ins Toggenburg via Hinter Höhi.

Die Hinter Höhi stellt sich als Miniaturpässchen heraus. Nach ihr gerate ich in eine Landschaft rötlicher Feuchtwiesen. Beim Hof Dergeten freue ich mich: Besenbeiz! Doch leider ist Ruhetag. Einige Zeit später passiere ich Alpakas, die mich anglotzen; sind die blöd?

Schliesslich kommt Stein in Sicht, mein Lieblingsdorf im Toggenburg, klein und hübsch und ziemlich untouristisch. Markant ist die Zwiebeldach-Kirche. Im Café Ziehler genehmige ich mir einen Schlorzifladen, einen Kuchen mit schwarzer Birnenpüree.

Die Unternehmung war toll, denke ich beim Essen. Ich habe zwei Wanderungen für eine bekommen: zuerst eine Bergtour, dann eine Wald- und Wiesen-Promenade.

Route: Niderschlag (Bergstation Sessellift ab Amden-Dorf) – Walau – Mattstock – retour bis Walau – Hinter Höhi – Dergeten (Tergeten auf der Karte) – Stein im Toggenburg.

Gehzeit: 5 ½ Stunden. Nur 4 Stunden dauert die Route Niderschlag – Mattstock – retour.

Höhendifferenz: 750 Meter aufwärts, 1200 abwärts.

Charakter: Zweigeteilt. Zuerst eine leichte Bergtour. Dann eine Wald- und Wiesenpromenade. Vor dem Mattstock zwei seilgesicherte Passage, allerhöchstens leicht ausgesetzt. Bei Mässe ist der Kalk zum Mattstock hin rutschig.

Höhepunkte: Die eindrücklichen Lawinenverbauungen. Die Majestät der Nagelfluhkämme und -berge um den Mattstock. Die stillen Feuchtwiesen zum Toggenburg hinab. Der Schlorzifladen im «Ziehler» in Stein.

Neuerscheinung: Elsbeth Flüeler, «Berge entstehen – Berge vergehen», hep Verlag Bern. Kompetent geschriebener Wanderführer mit Routen zu Schweizer Bergsturzgebieten. Mit Karten, Skizzen, Bildmaterial.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

4 Kommentare zu «Der Zahnspangenberg»

  • Thomas Widmer sagt:

    Lieber Pedro, habe ich mich missverständlich ausgedrückt? Jedenfalls ist die Zeitkalkulation diese: 2 Stunden ab Niderschlag zum Gipfel. Dann 1.15 bis Walau. Bleiben (bei der Gesamtzeit von 5.30 ) 2.15 für den Weg von Walau nach Stein.

  • Pedro sagt:

    Ich kenne die beschriebene Gegend und die Wandung sehr gut, und habe dort schon Wandergruppen geführt. Eineinhalb Stunden von Wallau bis Stein im Toggenburg scheint mir doch etwas sehr sportlich gelaufen, und nicht jedem zu empfehlen. Kein Wunder fielen den Alpakas fast die Augen aus dem kopf vor lauter ungläubigem Staunen. Eine Alternative zur Hatz ins Toggenburg wäre nach der Mattstockplackerei (für ungeübte Wanderer eher eine Grenzregion), wem dies zu wenig ist, die Wanderung über den „Amdener Höhenweg“ nach Arvenbühl hinüber.

  • Maya sagt:

    Nichts gegen Michael von der Heide – ganz im Gegenteil. Otto Meyer-Amden gehört zu den wichtigsten Schweizer Malern überhaupt und müsste daher an erster Stelle erwähnt zu werden. Meyer-Amden lebt zwar nicht mehr, dies schmälert aber seine Berühmtheit und seinen Stellenwert in keiner Weise.

  • Daniel sagt:

    Ein sehr schönes Wandergebiet das ich nur wärmstens empfehlen kann! Auch für nicht geübte Wanderer!

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