Mein Walliser Schlucht-Abenteuer

Fritz Hegi habe ich bei einer Lesung kennengelernt, wir sind auch schon in einer grösseren Gruppe zusammen gewandert. Und nun finde ich zuhause im Briefkasten ein Buch von ihm vor: «Wandern täglich» mit 52 Routentipps. Ich stecke es in den Rucksack. Es soll mich anderntags ins Wallis begleiten.

Im Zug nach Brig nehme ich das Buch zur Hand. Hegi (69), ein pensionierter Ingenieur aus Bern, wandert jeden Donnerstag, bei jedem Wetter, das ganze Jahr. Seine Routen sind maximal vier Stunden lang. Und wie ich kehrt er gerne ein. Ich blättere, lese, schmunzle. Und ich freue mich, als ich den Massaweg entdecke. Dorthin bin ich unterwegs.

Gletscherschwumm

In Brig ein Schock: eine riesige Gruppe vor dem Bus nach Blatten. Möchten die alle auf den Massaweg? In Blatten Aufatmen: Die Gruppe nimmt die Seilbahn auf die Belalp. Sie will wohl zum Grossen Aletschgletscher. Dieser ist übrigens der Urheber der Massa, die sich grossteils aus dem Gletscherwasser speist und einen Gewaltsschlitz hinab Richtung Rhonetal gesägt hat. Es gibt Leute, die durchschwimmen in Neopren die skurrilen Becken der Massaschlucht.

Auf der Terrasse des «Blattnerhofes» trinke ich Kaffee, schlendere dann durch den Dorfkern mit der Theodulskapelle. Danach breche ich auf. Am zentralen Wegweiser ist der Massaweg verzeichnet: zweidreiviertel Stunden bis zur Gondelstation Ried-Mörel. Aus dem Dorf, nach dem Werbeschild des Restaurants «Heimat» rechts in den Hang, über den Bruchi-Bach in den Wald – jetzt bin ich eingespurt.

Wassermangel in der Massa

Findlinge, umgestürzte Bäume, verkeilte Felsblöcke; und der Boden ein Teppich aus Baumnadeln. Sanft geht es aufwärts. Und dann abwärts. Und auf einem Strässchen zur Brücke unterhalb des Gibidum-Stausees. Ich bin enttäuscht: Die Massa führt kaum Wasser! Sie ist vom Elektrizitätswerk entmachtet worden, jämmerlich! Weiter unten wird es später besser, aber so richtig sich austoben darf die Massa nicht. Der Fahrweg verengt sich bald zum Pfad. Und jetzt beginnt das Abenteuer: Senkrechtwand links. Schlucht rechts. Und in der Wand der Massaweg, sich um die Felsvorsprünge windend, eine Geröllhalde querend, kurz durch einen Tunnel und einmal auch über Stege verlaufend. Gut eine Stunde dauert das Schluchterlebnis.

Eine Wasserleitung, die Suone «Riederi», zog sich schon vor 700 Jahren durch diese Wand. Der «Sander» schritt die Suone täglich ab, putzte Gletschersand aus den Holzkäneln, und das in schwindelnder Höhe. Der Steig war lebensgefährlich. Erst 1996 wurde er touristen-tauglich, indem man Passagen verbreiterte, Wegstücke aus dem Fels sprengte, Ketten anbrachte. Heute will er bloss eine minimale Schwindelfreiheit. Aber früher! Ich komme an einer Madonnen-Nische mit einem Schild vorbei: «Am 16. Mai 1927 stürzte unser Grossvater Emanuel Margelisch … in unmittelbarer Nähe zu Tode.»

Eine letzte Kurve, die Schlucht entlässt mich ins Licht. Unten liegt das Rhonetal. Beim nächsten Abzweiger biege ich spontan rechts ab – Planänderung. Steil der Weg zum Weiler Wasen hinab, einem Bijou am Hang mit engen Gassen. Auf dem Rottenweg ziehe ich, vorbei am Elektrizitätswerk Massaboden, nach Naters und Brig. Der Massaweg ist ein Must, denke ich dort. Und Fritz Hegis Buch wird mich zur einen oder anderen Unternehmung inspirieren.

Route: Blatten bei Naters (vom zentralen Wegweiser aus ist der Massaweg beschildert) – Blattnerschliecht – Gibidum-Brücke – Schluchtweg – Abzweiger Wasen/Bitsch – Flesche – Wasen – Bitsch MGB – Massaboden – Rottuweg – Naters – Brig SBB.

Gehzeit: 4 Stunden.

Höhendifferenz: 50 Meter aufwärts, 700 abwärts.

Charakter: Ruppig im Abstieg nach Wasen. Ansonsten ein durchschnittlicher Höhenweg. Der Schluchtteil des Massaweges ist breit, hervorragend ausgebaut und gesichert mit Ketten. Trotzdem braucht man eine minimale Schwindelfreiheit. Bei Nässe meiden! Kinder beaufsichtigen!

Höhepunkte: Die Dorfkerne von Blatten und Wasen. Der Zauberwald der Blattnerschliecht. Der genial angelegte moderne Schluchtweg. Die (nachgebauten) Suonen-Teile. Die südliche Vegetation am Hang zum Rotten hinab.

Einkehr unterwegs: erst in Bitsch.

Variante: Der klassische Massaweg führt von Blatten nach Ried-Mörel (Gondel, Restaurant); bei dem Abzweiger also nicht hinab nach Wasen/Bitsch. 2 ¾ Stunden, komfortablere Variante.

Buch: Fritz Hegi, «Wandern täglich», Coop Buch. www.wandern-hegi.ch

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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