Der ewige Wanderer


Viertel nach neun, wir hüpfen aus dem Bus, die Alp Vorsiez liegt noch im Schatten. Wir gehen ein wenig retour, dann auf dem Kiessträsschen wieder vorwärts, rechts an der Alpwirtschaft vorbei. Nun sind wir eingespurt für den Foopass, der übrigens früher «Fohnpass» hiess. «Fohn» sei ein altes Wort für «Fuchs», steht in einem Wanderführer.

Heroisch fühlen wir uns. Wir sind Teil einer monumentalen Sache, wandern auf der Schweizer Via Alpina, der «Alpenpassroute»; sie führt von Vaduz über 18’000 Höhenmeter und 19 Pässe nach Montreux.

Die Welschen von Walabütz

Der Anfang ist leicht. Kaum aber sind wir eingelaufen, landen wir im Gebiet Walabütz in einem … sorry, ich muss zuerst dringend drei Exkurse platzieren. Erstens ist «Wala» wortgeschichtlich gleich «welsch» und deutet darauf, dass in dieser Gegend Rätoromanen siedelten; auch sie nannte man einst «Welsche». Zweitens fand man vor Ort ein spätbronzezeitliches Schwert; dies ist altes Hirten- und Passland. Und drittens: In den Reformationswirren trugen über den Foo und den Pragel Saumtiere das Salz tonnenweise zu den Katholiken der Innerschweiz; die Zürcher hatten die Zufuhr abgeschnitten.

Vor uns liegt bei Walabütz ein Kessel, der aussieht wie das Zimmer eines pubertierenden Teufels: Geröll, Bachgeschiebe, entwurzelte Bäume, abgerutschte Hangstücke. Wir steigen über den Schotter auf, und es kostet uns so manchen Keucher und Hechler, bis wir ins Grüne gelangen und die Alp Foo erobert haben. Auf besagter Alp steht aber bereits fest, dass man selten auf einer Wanderung soviele Wasserfälle sieht. Herrlich auch der Badetümpel gleich bei den Hütten.

Sexy Gestein

Wir gehen nun eine mässig steile Bachrinne entlang, erblicken dann weit vorn den Passkamm samt Wegweiser. Und endlich sind wir oben auf dem Foo und haben noch mehr Berge im Auge. Geradeaus sehen wir den Hausstock, hinten am Horizont reihen sich die Zacken, zur Linken ragt der Sardona, und bereits haben wir Anteil am Wunder der Glarner Hauptüberschiebung. Durch einen tektonischen Vorgang, den ich nie ganz begriffen habe, wurden hier die Schichten «zunderobsi» gemischt, nun liegt alter auf jüngerem Stein. Das bringt Geologen ins Entzücken.

Abschüssig sind die Halden hinab zur Raminer Matt, deren Gebäude bergseitig Lawinenkeile haben. Wir trinken vom Brunnenwasser, schauen zurück zum Pass, gehen weiter. Ich muss auf dem ruppigen Alpsträsschen aufpassen, mir nicht den Fuss zu verstauchen; denn eigentlich möchte ich nur gaffen. Diese sanften Berghänge, die wie vom Messer geschnitten klaffen und ihre grauen Innereien zeigen! Der schwarze Schiefer, im Licht schimmernd, sexyier kann Gestein gar nicht sein! Und die Tschingelhörner sind Hexenhüte.

Nicht alle sind begeistert

Unten in Elm sind wir ausgepumpt und euphorisch. Auf der Terrasse des Hotels Elmer ruhen wir. Wir kommen ins Gespräch mit einem sportiven Amerikaner, der die ganze Via Alpina macht. Er erzählt, er sei 65, seit 23 Jahren pensioniert und wandere überall auf der Welt. Wir nehmen an, er habe in der Finanzbranche gearbeitet, wo man früher Geld scheffeln konnte. Doch der ewige Wanderer wirkt nicht glücklich, sondern schnödet über alles und jedes, Route, Hotel, das Dorf Elm. Kaum je habe ich einen grämlicheren Menschen gesehen. Auch beim Wandern trägt man immer sich selber mit.

Route: Weisstannen Vorsiez (bis hierhin eine Stunde mit viel Hartbelag; daher lohnt sich der Bus, der aber nur Sa/So fährt, Fahrplan konsultieren!) – Walabütz – Alp Foo – Foopass – Raminer Matt – Elm.

Karte: Wanderkarte 1: 50 000 Nr. 247T «Sardona».

Gehzeit ab Vorsiez: 6 ½ Stunden.

Höhendifferenz: 1050 Meter aufwärts, 1250 abwärts.

Charakter: Weite Bergwanderung. Keine ausgesetzten Passagen.

Höhepunkte: Unzählige Wasserfälle. Erodierende Berge, aufgeschnittene Flanken, schimmernder schwarzer Schiefer. Das Badeglunggeli auf der Alp Foo. Die frechen Tschingelhörner.

Tipp: In Elm durchs Dorf wandern, die uralten Holzhäuser und die spätgotische Kirche geniessen. Und von der Kirche aus zum Martinsloch hinaufschauen!

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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